„E.T. nach Hause telefonieren”: Heimweh im Studium ist keine Schande

Von: Tobias Schormann, dpa
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Loslassen lernen: Ständig bei den Eltern anzurufen, kann Heimweh bei Studenten noch schlimmer machen. Foto: dpa

Münster/Berlin. Beim Studienbeginn heißt es für viele, Abschied zu nehmen. Dann teilt sich die Freundesclique in zwei Lager. Die einen ziehen los, um die Welt zu erobern. Die anderen bleiben zurück. Und sind erstmal die Doofen, die den Absprung nicht geschafft haben.

Doch was ist eigentlich, wenn der Absprung misslingt? Wenn die fremde Großstadt gar nicht so toll ist und Studenten plötzlich das Gefühl haben, dass es zu Hause doch am schönsten ist? Wer sich das eingesteht, ist keineswegs ein Weichei. Denn Heimweh haben nicht nur Muttersöhnchen.

Wegen Heimweh müsse man sich nicht schämen, findet der Studienberater Peter Schott von der Uni Münster. „Das ist ganz normal”, sagt der Psychologe. Der Studienbeginn sei oft ein Sprung ins kalte Wasser: „Manche sind zum ersten Mal von zu Hause weg.” Alles ist plötzlich neu: die Stadt, die Leute, das Leben. „Wenn dann das soziale Netz fehlt, ist es klar, dass man sich allein fühlt.”

In Bologna-Zeiten hat sich das Problem sogar verschärft. „Studenten werden heute als brains on legs angesehen - nur die Karriere im Kopf und bar aller sozialen Bindungen”, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk in Berlin. Der ideale Bologna-Student sei ein internationaler Jetsetter, ein „Unihopper”. Mehrere Stationen im Lebenslauf seien für ihn Pflicht: Drei Jahre für den Bachelor in die eine Stadt, zum Master in eine andere und zwischendurch ins Ausland.

Sich zu binden, gilt in dieser Logik als Karrierehemmschuh. Der moderne Mensch ist schließlich flexibel und mobil. Das sei aber ein „Zerrbild”, meint Grob. „Man muss sich im Studium wohlfühlen, und man braucht etwas, wo man sich zu Hause fühlt.”

Sich wohlfühlen, klingt das nicht nach Kuschelpädagogik? Ein Studium ist doch kein Wellnessurlaub. Und wo ich studiere, ist doch Nebensache! Falsch, sagt Grob. Nur wer sich wohlfühlt, sei auch erfolgreich. Selbst wer das Studium nur unter dem Gesichtspunkt der Karriere plant, fährt also besser, wenn er das beherzigt. Schließlich gelten auch Kontakte und Netzwerke heute als unersetzlich. Und die hat man nicht, wenn man immer nur Kurzzeitgast ist. „Städtehopper” verbauen sich durch ihr Umherziehen womöglich sogar Karrierechancen.

Manchmal kann es sich also lohnen, zurück auf Los zu gehen, wenn sich die Wahl des Studienortes als Fehler herausstellt. Durchhalten und das Studium durchziehen, ist dann die falsche Devise. „Lieber zurück in Mamas Schoß, als sich zu quälen”, rät Grob. Wenn das Heimweh nach dem ersten Semester nicht nachlassen will oder sogar größer wird, sollten Studenten die Reißleine ziehen.

Dass Heimweh ein Grund ist, den Studienort zu wechseln, findet auch die Psychologin Konstanze Burger, die Studenten an der Uni Bochum berät. „Das wirkt sich sonst ja auch auf die Leistungen aus.” Und wenn Studenten sich selbst unglücklich machen, wachse die Gefahr eines Studienabbruchs.

Wie schlimm Heimweh sein kann, weiß zwar jeder, der schon einmal den Film „E.T.” gesehen hat. Nur eingestehen wollen sich das die wenigsten. „Das ist natürlich uncool”, sagt Burger. „Und es klingt nach Milchbubi und Muttersöhnchen”, ergänzt Peter Schott.

Hinzu kommt, dass Heimweh sich so altmodisch anhört. „Da schwingt ja gleich Heidi-Folklore mit”, sagt Grob. Kein Wunder also, dass es vielen peinlich ist, darüber zu reden. Doch auch, wenn der Begriff von vorgestern ist - „das Gefühl ist es nicht”, sagt Schott. Studenten sollten es also ernst nehmen.

Klar, die Häme ist vielleicht groß, wenn der Großstädter in die Kleinstadt zurückkehrt, über die er vorher gelästert hat. Vor den anderen steht er dann blöd da. Denn ein solcher Rückzug sieht wie ein Scheitern aus. Wer aber zu so einer „uncoolen” Entscheidung steht, könne daraus sogar Stärke entwickeln, sagt Grob. Letztlich steht er damit zu sich selbst und wirkt dadurch authentischer. „Dann kann ich dazu nur sagen: Hut ab!”

Manchmal sind die Probleme mit der Sehnsucht nach zu Hause aber auch hausgemacht. Man müsse der neuen Stadt auch eine Chance geben, rät Burger. Viele machten aber den Fehler, am Anfang jedes Wochenende nach Hause zu fahren.

Dadurch wird das Abkapseln von zu Hause schwieriger. „Das ist wie beim Rauchen: Ich kann es mir auch nicht abgewöhnen, indem ich mir immer wieder eine anstecke”, erklärt Schott. Statt sich abzukapseln, müssten Erstsemester also versuchen, unter Leute zu kommen, rät Burger. Dazu sollten sie zu Beginn jede Gelegenheit nutzen: Uni-Partys, Lerngruppen, Sport, den Chor, die Mensa.

Letztlich haben es Studenten Schott zufolge auch selbst in der Hand: „Ich muss schon den Hintern hochkriegen und darf nicht nur in meinem Zimmer hocken - sonst ist es kein Wunder, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt.”

Viele Studenten wollen nicht von zu Hause weg

Der Studienbeginn gilt als die Zeit des Aufbruchs. Viele wollen anscheinend aber gar nicht weg von zu Hause. „Die deutschen Studenten sind extrem sesshaft”, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. Nur rund jeder Siebte verlasse sein Bundesland für das Studium. Und etwa jeder Fünfte wohne im Studium sogar noch bei den Eltern.
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