Einmaliges Projekt: Türkisch-Deutsche Universität in Istanbul

Von: Thorsten Karbach
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Koordinator Izzet Furgac (links) und Rektor Halil Akkanat erfahren Aufbauhilfe von 32 deutschen Hochschulen – darunter die FH Aachen. Foto: Ralph Sondermann
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Mehr als ein Experiment: Im Istanbuler Stadtbezirk Beykoz lernen die ersten Studenten an der Türkisch-Deutschen Universität, die auf Basis eines Vertrages beider Nationen besteht. Foto: Ralph Sondermann
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Mehr als ein Experiment: Im Istanbuler Stadtbezirk Beykoz lernen die ersten Studenten an der Türkisch-Deutschen Universität, die auf Basis eines Vertrages beider Nationen besteht.
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Das tägliche Szenario: Überall in Istanbul staut sich der Verkehr, die Bosporus-Brücken sind immer besonders betroffen.
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Koordiniert den Aufbau des Sprachzentrums der Türkisch-Deutschen-Universität: Uwe Koreik von der Universität Bielefeld.

Aachen/Istanbul. Wenn Uwe Koreik den Rohbau betrachtet, kann er zufrieden in die Zukunft blicken. Der Rohbau, an dem emsig gearbeitet wird, zeigt: Es geht voran. Ein Sprachenzentrum ist es, das dort auf grünen Wiesen zwischen dichten Wäldern gebaut wird.

Koreik, Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bielefeld, koordiniert dessen Aufbau. Nicht die Bauleute, sondern die Strukturen, die er geschaffen hat, damit junge Türken Deutsch lernen werden. Am Rande des Istanbuler Stadtbezirks Beykoz wächst dabei ein besonderes Projekt. Seit September 2013 wird an Ort und Stelle an der Türk-Alman-Üniversitesi, der Türkisch-Deutschen Universität (TDU), gelehrt. Und es liegt jede Menge Pionierarbeit hinter Koreik und den anderen Aufbauhelfern.

Die Idee

Die TDU ist eine von der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Türkei gegründete staatliche türkische Hochschule. Die Macher wollen die besten Errungenschaften türkischer und deutscher Hochschulen zusammenbringen. So steht es jedenfalls in den Hochglanzbroschüren, die für die TDU werben. Tatsache ist, dass staatliche Hochschulen in der Türkei – seit 2002 wurden 80 neue gegründet (sowie 60 von einer Stiftung) –meist reine Lehruniversitäten sind. Das Thema angewandte Forschung wiederum zeichnet deutsche Hochschulen aus. Davon will die türkische Seite profitieren. „Wir wollen Theorie mit Praxis, es soll eine kleine Forschungsuniversität werden“, sagt TDU-Rektor Halil Akkanat. Schon das Wort „Deutsch“ im Namen weckt in der Türkei hohe Erwartungen.

Die Geschichte

Im Frühjahr 2014 eröffneten Bundespräsident Joachim Gauck und der damalige türkische Präsident Abdullah Gül die Universität offiziell. Die Zusammenarbeit wurde in einer bilateralen Vereinbarung zwischen Deutschland und der Türkei 2008 manifestiert, das Gründungsgesetz im Oktober 2010 verabschiedet. Seitdem wurden Strukturen und Gebäude für den Start aufgebaut. Dem Konsortium, das hinter der TDU steht, gehören deutsche Hochschulen und der Deutsche Akademische Auslandsdienst an. Die TDU geht über alle bisherigen Partnerschaften zwischen deutschen und türkischen Hochschulen weit hinaus. „Herausragend“, nennt sie NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) bei einem Besuch in Beykoz. Die TDU ist „ein Leuchtturm“ – auf der grünen Wiese. Der hat seinen Preis: Die Kosten der deutschen Seite sollen bei zwölf Millionen Euro für die ersten vier Jahre liegen und werden insgesamt auf 40 Millionen Euro beziffert.

Die Partner

Die Liste der 32 deutschen Partner umfasst Fachhochschulen und Universitäten – ein gutes Dutzend kommt aus NRW. Zu den bekanntesten deutschen Aufbauhelfern zählen die TU Berlin, die TU Dortmund und die Universitäten Duisburg, Essen, Stuttgart und Köln. Beteiligt ist auch die FH Aachen. Sie pflegt im Rahmen des Erasmus-Programms bereits Kooperationen mit türkischen Hochschulen wie der Bursa Technical University, der Dokuz Eylül Universität in Izmir und der Middle East Technical University in Ankara und sammelt seit Jahren Erfahrungen im internationalen Austausch.

Die FH Aachen

Es gibt eine Reihe von Zielen, die die FH Aachen mit ihrem Engagement an der TDU verfolgt. Es gehe darum, Masterstudenten, Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler, die sprachlich und fachlich entsprechend vorbereitet seien, zu gewinnen. Ebenso verspricht sich die FH internationale Reputation und eine hervorragende Basis für langfristige Kooperationen mit der Türkei – auch mit der türkischen Wirtschaft.

Das Profil

Der Schwerpunkt liegt auf diesen Disziplinen: Ingenieur- und Naturwissenschaften, Rechtswissenschaft, Kultur- und Sozialwissenschaft, Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaft. Fünf Fakultäten wurden eingerichtet, die jeweils einen deutschen Partner haben. 30 Prozent des Unterrichts sollen Dozenten aus Deutschland geben, aktuell sind es noch 50 Prozent.

Der aktuelle Stand

320 Studenten gibt es aktuell an der TDU. Es sollen mittelfristig 5000 werden. Gelehrt wird noch in Gebäuden, die am Ende wieder abgerissen werden. Dafür entsteht in Sichtweite ein moderner, großer Campus, zu dem am Ende auch ein 16 000 Quadratmeter großes Technicum nach deutschem Vorbild gehören soll. So etwas gibt es an einer türkischen Hochschule bislang nicht. Namhafte deutsche Firmen wie Bosch wollen die Maschinen stellen. Der Weg dorthin war nicht einfach. „Es hat länger gedauert, bis beide Seiten zusammengefunden haben“, erklärt TDU-Rektor Akkanat, ein Rechtswissenschaftler, der Stationen wie Heidelberg, Mannheim und Hamburg in seiner Vita führt.

Noch immer gibt es offenen Fragen in der Zusammenarbeit, gibt es ganz alltägliche Probleme. Wird die TDU dennoch gelingen? „Ja, ich glaube, dass das funktioniert, weil die Leute, die dahinter stecken, es unbedingt wollen. Aber es wird noch viel Geduld brauchen“, erklärt NRW-Wissenschaftsministerin Schulze. Es sei aber schon nicht einfach, in Deutschland eine staatliche Hochschule zu gründen. „Hier das türkische und das deutsche System zusammenzubringen, das wird dauern. Aber ich habe den Willen und den Bedarf gesehen. Die Nachfrage der Studierenden ist da“, sagt Schulze.

Es bleibt aber die Frage, wer am Ende mehr profitieren wird. Die türkische Seite hat natürlich ein großes Interesse, die mit deutscher Hilfe ausgebildeten Studenten im Land zu halten, die deutschen Partner haben andererseits das Ziel, mit der TDU türkische Studenten für Deutschland zu gewinnen. Hier ist durchaus Konfliktpotenzial, wenn die ersten Absolventen da sind. NRW-Wissenschaftsministerin Schulze setzt darauf, dass am Ende beide Seiten profitieren. „Wir brauchen zum Beispiel junge Leute, die sich mit deutschem und türkischem Recht auskennen und eine Brücke zwischen beiden Kulturen bilden können“, sagt sie.

Sie weiß aber auch: „Die Türkei hat auf der anderen Seite natürlich auch ein Interesse daran, solche gut ausgebildeten Leute zu halten.“

Die Studenten

Sie müssen zunächst einmal die gleiche zentrale Prüfung ablegen, wie alle anderen Abiturienten in der Türkei. Erst dann wird entschieden, ob sie die TDU besuchen können oder nicht. Deutschkenntnisse werden in dieser Prüfung nicht gesondert abgefragt, es können sich also auch Abiturienten ohne jede Deutscherfahrung mit entsprechend gutem Eignungstest einen Platz an der TDU sichern, wenn sie das angewandte Forschungskonzept dort interessiert. Für jeden Studiengang werden 40 Bewerber aus der Türkei zugelassen, für sie ist das Studium an der staatlichen Universität gebührenfrei. Zwölf Plätze davon sind für Abiturienten von deutschsprachigen Schulen in der Türkei reserviert. Für Bewerber aus dem Ausland werden zehn Prozent der Studienplätze freigehalten – sie müssen für ihr Studium allerdings zahlen.

Das Versprechen

Das Studium an der TDU soll nachhaltige Karrierechancen schaffen – und zwar in beiden Ländern. Mit dem Bachelorabschluss soll zunächst einmal möglich sein, sich ohne Anerkennungsprobleme für Masterstudiengänge in Deutschland zu bewerben.

Das Problem

Die Lehrsprache ist überwiegend Deutsch. Doch die Kenntnisse, die die neuen Studenten mitbringen, sind in der Regel allzu gering, um direkt ins Studium zu starten – in einigen Fällen überhaupt nicht vorhanden, weil sie wie erwähnt bei der entscheidenden Prüfung aller Abiturienten keine Rolle spielen. „Bei aller Euphorie ist die deutsche Sprache eine große Herausforderung“, erläutert Izzet Furgac, Koordinator des TDU-Konsortiums, der selbst eine deutsche Schule in Istanbul besuchte und dann an der TU Berlin Maschinenbau studiert hat.

Nur etwa 30 Prozent der neuen Studenten schaffen die anfängliche Sprachprüfung, alle anderen müssen zunächst Deutsch lernen. Deswegen hat das Sprachenzentrum eine besondere Bedeutung –und wird als erstes gebaut. Uwe Koreik ist regelmäßig vor Ort, er sieht nun, dass seine Pionierarbeit auch mit einem Gebäude Gestalt annimmt. Problematisch ist noch die Suche nach Verwaltungspersonal, das ebenfalls deutsch sprechen muss und – wie vielerorts in der Türkei – die Suche nach Professoren. Denn die werden vergleichsweise schlecht bezahlt, ihr Salär reicht kaum aus für ein Leben in Istanbul. Ein anderes Problem ist ganz praktischer Natur: Beykoz ist zwar einer der schönsten Stadtbezirke Istanbuls, die TDU liegt pittoresk in den grünen Hügeln. Doch die Fahrt aus dem Zentrum ist angesichts der täglichen Staus eine Tortur. Die Studenten müssen in die überschaubare Nachbarschaft ziehen.

Das Vorbild

Eine solche staatliche Hochschule, die auf einer bilateralen Vereinbarung fußt, gibt es in der Türkei bislang nicht. Aber es gibt hervorragende Hochschulen internationaler Prägung wie die Bilgi-Universität oder die Yeditepe-Universität, die sich an amerikanischen Hochschulen orientieren, aber auch enge Kontakte mit Deutschland pflegen.

In unserer Serie „Brückenschlag zum Bosporus“ zeigen wir Beispiele für Verbindungen aus der Region in die Türkei aus dem Bereich Hochschule und Forschung auf. Im letzten Teil der Serie geht es um die Vorzeige-Universität Bilgi und die Wirtschaftsbeziehungen der Region in die Türkei.

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