Eine Sprache für die Produktion

Von: Thorsten Karbach
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Sie stehen für die Visualisierung riesiger Datensätze: Die FH-Gestalter (v. l.) Timo Schmitz, Volker Hoffrichter, Professorin Eva Vitting, David Querg und Florian Lenz arbeiten im Projekt „ProSense“ an einer App, mit der sich Maschinen großer Betriebe besser überblicken lassen. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Nein, in den Maschinenhallen der großen Konzerne sind Gestalter selten unterwegs. Dort, wo die Automatisierung groß ist, war das Interesse an der Arbeit von Menschen wie Eva Vitting bisher klein. Das ist unverkennbar.

Auf den Bildschirmen der Maschinen sind Zahlenkolonnen und kunterbunte Tabellen abzulesen. Wer da den Überblick behalten will? Er muss schon lange im Geschäft sein.

Eva Vitting kann das ändern. Die Professor am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Aachen wirkt mit ihrem Team in einem riesigen Forschungsprojekt mit dem Namen „ProSense“. Es geht darum in der wachsenden Automatisierung und der zunehmenden Interaktion von Mensch und Maschine, in der angestrebten Vernetzung der gesamtem Produktion (Industrie 4.0) den gewaltigen Datenbergen (Big Data) Herr zu werden und dabei den Überblick zu behalten, in dem so etwas wie eine gemeinsame Sprache gefunden wird. Es geht bei ihr um standardisierte Symbole, wie es sie etwa für Bluetooth längst gibt. Als Teil einer interdisziplinären Konsortiums, das Mensch und Maschine stärker vernetzen will, entsteht gerade eine App, die die reale Produktion virtuell abbildet – in einer für den Beschäftigten eindeutigen Form. „Unser Fokus liegt auf der Visualisierung der Informationen und der Gestaltung eines benutzerfreundlichen Interfaces“, sagt Vitting.

Es geht nicht darum, eine besonders hübsche Optik zu entwerfen. Darum geht es bei Gestaltung immer erst in zweiter Linie. „Das wichtigste ist das Konzept, das schlüssige Konzept aus dem dann ein konzeptionelles design wird“, erklärt die FH-Professorin. Als ihr die Daten der Industriepartner vorlagen, war ihr auf den ersten Blick klar: ein schlüssiges Konzept lag nicht hinter den Zahlenkolonnen und Tabellen, die in der Werkshallen Standard sind. Und gleichzeitig sah sie die Notwendigkeit, einer verständlichen interaktiven Visualisierung der Daten: Denn es zeichnete sich nach und nach ab, was in einem solchen Maschinenpark in seiner abgebildeten Unübersichtlichkeit nicht rund läuft. Sprich: Während Maschinen stehen oder im Leerlauf sind, waren andere total (bis zu 600 Prozent) überlastet.

Die FH-Gestalter sollten sich alsbald als Gewinn für das Projekt – angeführt vom Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen – erweise. Weil sie Fragen stellten, über die die Produktionsfachleute nicht einmal nachgedacht hatten. Weil für die Gestalter, die Darstellung der Daten aus der Produktion katastrophal war. „Hier wurden nicht einmal einheitlichen Farben verwendet“, berichtet Vitting.

Gestalter sprechen von der Usability, die sie sichern müssen. Sie meinen die einfache weil eindeutige Handhabe. Das Ergebnis ist beispielsweise ein Container, der für eine Maschine steht. Darin ist in einem Fall ein kleiner grauer Kasten, der die Auslastung zeigt. Die Botschaft ist eindeutig: Diese Maschine ist nicht ausgelastet. In einem anderen Fall wird der Container von einem größeren blinkenden Feld überragt. Botschaft: Diese Maschine ist eindeutig überbelegt. Und aus den Bilder generieren sich Handlungsanweisungen. Aufträge könnten rasch auf die nicht ausgelastete Maschine umdisponiert werden.

Es ist ein spannender Austausch zwischen Produktionsexperten aus Industrie und Wissenschaft und den Gestaltern. Es gilt, die Schnittstelle, an der Mensch und Maschine aufeinandertreffen zu optimieren. „Es geht um Ideen, die die ganze Branche besser machen können“, sagt Vitting. Denn die Visualisierung sorgt für einen besseren Überblick und der dann möglichst für eine bessere Planbarkeit. Stückzahlen, Kapazitäten, Personaleinsatz – alles ließe sich erfassen und abbilden.

Deswegen arbeiten die Gestalter und die Produktionsexperten nun Hand in Hand. Die App, die Experten sprechen auch von einem Tool, also Werkzeug, wächst immer weiter, verändert sich ständig. Aber dafür muss auch das Vertrauen der Industrie her: Die Container, die im Prototyp der App zu sehen sind, sind auf dem besten Wege, das zu gewinnen. „Wir wollen einen Standarddatensatz entstehen lassen, eine Art Sprache für die Maschinenbauer und die Produktionstechnologie“, sagt Vitting. Auf den Containern lässt sich aufbauen.

Die „ProSense“-App wird, wenn das Projekt 2015 endet, zunächst ein Coaching-Instrument, mit dem das WZL arbeiten wird. Das Interesse der Industrie ist aber jetzt schon groß.

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