Doktoranden wussten oft von nichts

Von: Frank Überall, dpa
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Doktorhut Doktortitel
Ein Doktorhut bei der Titelverleihung. Foto: dpa

Köln. Rund 100 Professoren sollen bestochen worden sein, um möglicherweise ungeeigneten Kandidaten zu einem Doktortitel zu verhelfen. Ermittelt wird nicht nur die Hochschullehrer, sondern auch gegen Verantwortliche eines „Instituts für Wissenschaftsberatung” in Bergisch Gladbach bei Köln.

Die meisten Personen, die mit Hilfe des Instituts den Titel „Dr.” bekommen haben, stehen dagegen nicht im Visier der Fahnder. „Die Kandidaten wussten überwiegend nicht, dass es sich um unlautere Praktiken handeln könnte”, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld. Denn der Grat zwischen Legalität und Illegalität ist auf diesem Gebiet generell schmal.

Das Bergisch Gladbacher Institut warb mit Anzeigen in Zeitungen und Fachzeitschriften für Hilfestellungen bei der Promotion. Wer sich meldete, bekam einen Brief, in dem offensiv mit rechtlichen Bedenken umgegangen wurde: Ausführlich wurde geschildert, dass eine allzu intensive Unterstützung bei einer Doktorarbeit natürlich verboten sei. Man konzentriere sich aber gerade auf die legalen Möglichkeiten.

Dazu zählte beispielsweise die Suche nach einem Thema, das für eine Doktorarbeit geeignet ist. Eine Literaturrecherche zu der Frage, welche Bücher und Aufsätze zu einem möglichen Forschungsbereich schon veröffentlicht wurden, kann ein Doktorand durchaus bei Betreibern von Datenbanken oder in Bibliotheken in Auftrag geben. Allerdings kann man dabei leicht in die Illegalität abrutschen: Denn eine umfangreiche Aufarbeitung der Literatur ist verboten ­ ein Doktortitel soll ja gerade demonstrieren, dass sein Träger zur völlig selbstständigen wissenschaftlichen Arbeit fähig ist.

Ein weiteres Problem für Promotionswillige sind die inzwischen oft hoffnungslos überlasteten Hochschullehrer: Sie haben kaum noch Zeit oder Lust, wissenschaftliche Ansätze für umfangreiche Dissertationen mit ihren Kandidaten durchzusprechen. Auch hier bot sich das umstrittene Institut als Partner der Promotionswilligen an. Hilfe gab es vor allem dabei, einen Professor zu finden, der die Doktorarbeit betreut.

Nach einem erfolgreichen Examen ist die Situation für viele kompliziert, wenn sie einen „Doktorvater” suchen. Da kann es passieren, dass man sich auf ein anderes Themen- und Forschungsfeld konzentrieren möchte als das, womit man sich im Examen beschäftigt hat. Bietet die eigene Universität diesen Bereich nicht an, muss der Kandidat mühevoll anderswo einen geeigneten Hochschullehrer finden. Der aber hat manchmal schon alle Hände voll zu tun, muss mit überfüllten Hörsälen kämpfen und hat kaum Antrieb, einen ihm fremden Promotionsstudenten anzunehmen. Mails, Anrufe oder Briefe bleiben dann unbeantwortet, die Chance auf den Doktortitel tendiert gegen Null.

Dieses Dilemma hatten sich Institute wie das in Bergisch Gladbach zum einträglichen Geschäft gemacht. Bis zu 20.000 Euro zahlten diejenigen, die einen Doktortitel sehnlichst anstrebten. Formal ist diese Bezahlung von Dienstleistungen zunächst nicht strafbar. Das Institut hatte Zugang zu einer großen Gruppe an Professoren ­ doch erst jetzt wurde klar, dass diese Nähe wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes erkauft wurde. Von den unlauteren Methoden nichts gewusst zu haben, schützt die inzwischen zum Doktor Gereiften womöglich vor einer Strafe. Denn ihnen müsste juristisch nachgewiesen werden, dass sie von Schmiergeld-Zahlungen an die Professoren wussten.

Auf der Ebene der Wissenschaft aber werden die Kunden des Bergisch Gladbacher Instituts so manche unangenehme Situation über sich ergehen lassen müssen. Die betroffenen Universitäten werden, wenn einem Professor die Bestechlichkeit nachgewiesen wird, in der Regel Kommissionen einsetzen, die die abgelieferten Doktorarbeiten noch einmal überprüfen. Im Zweifelsfall wird der Titel dann aberkannt. Damit wäre für sie die zeitweise Befriedigung der Eitelkeit, einen Doktortitel zu tragen, mit bis zu 20.000 Euro äußerst teuer erkauft worden.
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