„Die Chinesische Mauer”: Theatergruppe der RWTH gelingt opulente Farce

Von: Anke Hinrichs
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Festgelegte Rollen und kein Entkommen: In dem Stück „Die Chinesische Mauer” zeigen die Darsteller der RWTH-Theatergruppe „Poetischer Anfall”, wie sich die Geschichte mit ihren Akteuren immer wiederholt. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Max Frisch ist sehr beliebt bei der Theatergruppe der RWTH . Nach „Graf Öderland” vor zwei Jahren bringt der „Poetische Anfall” nun die Farce „Die Chinesische Mauer” auf die Bühne der Mensa Academica in der Turmstraße.

Dort versammelt sich alles, was in Geschichte und Literatur Rang und Namen hat, denn der chinesische Kaiser ist in Feierlaune und hat zum Fest geladen.

Ob Cleopatra, Napoleon oder Kolumbus, ob Romeo und Julia, Don Juan oder LInconnue de la Seine, alle lässt Frisch zum Totentanz am chinesischen Hof aufmarschieren. Der ist allerdings geprägt vom diktatorischen Eifer des Kaisers Xi Ce Hwang Ti, auch genannt der Himmelssohn, der immer im Recht ist. Er lässt als letzte Bastion seiner Macht die chinesische Mauer bauen, um der Zeit Einhalt zu gebieten und damit ein Fortschreiten der Geschichte zu verhindern.

Ist das kaiserliche Regime nun zementiert? Das wäre der Fall, wäre da nicht jenes abstrakte Ding, das man Wahrheit nennt. Sie lässt sich nicht aufhalten und schon gar nicht von einer Mauer um sich einzunisten in den Köpfen der Menschen, um als „Stimme des Volkes” einfach da zu sein. Die Wahrheit gilt es freilich zu bekämpfen und so gerät auch der „Heutige”, ein Abgesandter aus unserer Zeit, in die Bredouille.

Mit seiner Inszenierung hat Regisseur Lars Temme Mut bewiesen: Denn „ Die Chinesische Mauer” macht ihrer Gattungsbezeichnung als Farce alle Ehre, ist deutungsintensiv und opulent, was das Personalaufgebot betrifft. Max Frisch selber hat sich nach der Uraufführung 1946 in Zürich ein Vierteljahrhundert mit dem Stoff beschäftigt und schließlich 1972 die heute verbindliche „Version für Paris” veröffentlicht. Als umstrittenstes Werk Frischs musste es sich auch zahlreiche Interpretationsansätze gefallen lassen: Die Bandbreite reicht von der Verarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte, über die schwierige Stellung der Intellektuellen in der Gesellschaft, der Brandmarkung der Diktatur bis zur Warnung vor dem Kriegsgerät der Zukunft.

Aktuelles Tagesgeschehen

Der „Poetische Anfall” musste sich in der Beziehung entscheiden und stellte als zentrales Thema die Ohnmacht der Menschen und ihr stetes Ringen mit und um die Wahrheit ins Zentrum, verzichtet dabei aber nicht auf kleine Streifzüge ins aktuelle politische Tagesgeschehen. Ohnmacht im Bezug auf den Lauf der Geschichte und der Zukunft, wobei sich die Wahrheit als sehr formbar erweist.

„Wir stehen vor der Wahl, ob es eine Menschheit gibt oder nicht” sagt der „Heutige”, ein wortgewaltiger Intellektueller - Johannes Bachstätdter verkörpert ihn überzeugend mit Künstlermähne und Tweedjacket - der damit auf den Bau der Atombombe anspielt. Zwar kennt er den Ablauf der Geschichte und der Geschichten der geladenen Gäste, ist jedoch nicht in der Lage, ihn im entscheidenden Augenblick zu stoppen.

Genauso wie sein Gegenpart, die sensible Prinzessin Mee Lan, glaubhaft von Henriette Alert gespielt. Beide fegt der Wortschwall des selbstverliebten und menschenverachtenden Kaisers, herrlich überzeichnet dargestellt von Frithjof Krämer, buchstäblich von der Bühne. Die übrigen Gäste verharren in ihren Rollen, die Frisch in die Gegenwart weitergedichtet hat.

Lars Temme hält sich da an das vorgegebene Bild, in dem die historischen Personen Figuren auf einer Spieluhr gleichen, die immer wieder aufs Neue aufgezogen wird. Das eröffnet freilich keinen ermutigenden Blick in die Zukunft, denn die Figuren können gar nicht anders, als immer das Gleiche zu tun und zu sagen, was schon immer gesagt und getan wurde. Das Räderwerk der Spieluhr lässt keine Variationen zu.

Mit dieser neuesten Produktion liefert der „Poetische Anfall” wieder eine sehenswerte Inszenierung ab, die in der Regiearbeit, wie auch im darstellerischen Können dem Thema gerecht wird und einen interessanten Theaterabend beschert.

Weitere Termine für die Aufführung:

„Die Chinesische Mauer” wird noch am 17. Mai und am 18. Mai, um 20 Uhr in der Mensa Academica, Turmstraße 3, gespielt. Karten zu fünf Euro gibt es an der Abendkasse.

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