Aachen - Der Pionier im All zu Gast in Aachen

Der Pionier im All zu Gast in Aachen

Von: Christina Handschuhmacher
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Auf geht‘s: Sigmund Jähn (rechts) und der russische Kosmonaut Waleri Bykowski im Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan kurz vor dem Start der Raumkapsel Sojus 31 am 26. August 1978. Foto: dpa

Aachen. Es sind sieben Tage, 20 Stunden und 49 Minuten im Sommer 1978, die das Leben des DDR-Bürgers Sigmund Jähn für immer verändern. Exakt so viel Zeit verbringt der damals 41 Jahre alte Sachse im Weltall, 125 Mal umkreist er dabei die Erde.

Als er am 3. September mit dem Kosmonauten Waleri Bykoswki wieder auf die Erde zurückkehrt und in der kasachischen Steppe im wahrsten Sinne des Wortes aufschlägt – bis heute quälen ihn Rückenschmerzen als Folge der harten Landung – ist Jähn ein anderer Mensch. Ihn selbst mag die Zeit im Weltraum nicht maßgeblich verändert haben. Doch Jähn ist von nun an etwas Besonderes: Er ist der erste Deutsche im All – und das als Bürger der DDR.

Die West-Presse zerreißt sich über Jähns Aufenthalt im All den Mund. „Die Welt“ bezeichnete ihn wenig charmant als „Mitesser in der Russen-Rakete“, die „Süddeutsche Zeitung“ amüsiert sich über den sächselnden Deutschen im All und verweist auf die Raumfahrerpläne der BRD, wonach 1980 dann „ein richtiger Deutscher“ in den Weltraum fliegen solle.

In der DDR wird Jähn zeitgleich zum Volkshelden stilisiert. Endlich einmal hat man dem Westen etwas voraus. Mit Erich Honecker wird Jähn im offenen Wagen durch Ostberlin gefahren, legt fortan Kränze nieder, beantwortet Autogrammwünsche. Manche DDR-Bürger witzeln, dass das Weltall nun in „Jähnseits“ umgetauft werden müsse. Jähn wird als „Held der DDR“ und „Fliegerkosmonaut der DDR“ ausgezeichnet. Er bleibt der einzige DDR-Bürger, der jemals ins All geflogen ist.

Doch Jähn hat sich trotz allem seine Bescheidenheit bewahrt, manchmal scheint ihm der bis heute anhaltende Trubel um seine Person immer noch unangenehm zu sein. Das merkte man auch in der bis auf den letzten Platz gefüllten Couvenhalle der RWTH. Dort referierte Jähn, der nach der Wende auch zu Flugstunden mehrfach auf dem Flughafen Merzbrück war, am Montagabend im Rahmen des Leonardo-Projekts zum Thema „Deutsche Beiträge zur Raketenentwicklung und bemannten Raumfahrt“.

Jähns Vortrag ist ein anekdotenreicher Abriss der Raumfahrtgeschichte, erzählt von einem, der weiß, wovon er redet. Mitnichten beginnt die Geschichte der Raumfahrt erst mit Juri Gagarins Raumflug am 12. April 1961. Schon in den zwanziger Jahren ist die Sehnsucht der Menschen nach dem Weltall groß. Kann der Mensch von der Erde loskommen? Wann fliegen wir? So lauteten die Fragen in einschlägigen Magazinen.

Der russische Forscher Konstantin Ziolkowski hatte da schon längst die Raketengrundgleichung gefunden. Sein Motto: „Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber welches Kind bleibt schon ewig in seiner Wiege?“ Auch der Physiker Hermann Oberth prophezeite schon im Januar 1922, dass Menschen bald ohne gesundheitliche Nachteile mit Maschinen in den Weltraum fliegen würden. Allerdings nicht mit der für 30.000 Reichsmark in Magdeburg gebauten Pilotenrakete. Näher kam da schon die Entwicklung des Raketeningenieurs Wernher von Braun im Dienst der Nazis. Die von ihm erfundene V2-Rakete kratzte bereits 1942 an der Grenze zum All. Nach Kriegsende profitierte auch die Sowjetunion von seinen Forschungsergebnissen.

Bis Jähn schließlich im Rahmen des Programms Interkosmos ins All flog, war es ein weiter Weg. Der 75-Jährige erinnert sich: „Die Vorladung zum Chef der Luftstreitkräfte kam unerwartet. Mein Vorgesetzter fragte direkt, ob ich was verbockt hätte.“ Mit 20 anderen saß er an einem Sommermorgen im Jahr 1976 ahnungslos im Vorzimmer und wartete.

Die Anforderungen waren klar, einen ausgebildeten Jagdflieger wollte man haben, idealerweise mit Russischkenntnissen. Schließlich fiel die Wahl auf Jähn und Eberhard Köllner. Zwei Jahre lang wurden die beiden im Sternenstädtchen bei Moskau ausgebildet. Jähn flog schließlich ins All, Köllner nie.

Dass heute ein regelrechter Weltraumtourismus entsteht, ist für Jähn nur schwer verständlich. „Von so einem Schnäppchen-Flug für 100.000 Euro würde ich abraten, 50 Millionen muss man da schon investieren.“

In der RWTH gewährte Jähn auch einen Einblick in sein privates Fotoalbum: Die Amazonasmündung, Sonnenaufgänge, Moskau bei Nacht – fotografiert von ganz oben. „Zuerst wollte ich gar nicht zurück. Ich hatte spekuliert, dass einer der anderen Kosmonauten keine Lust mehr hat, aber das war nicht der Fall“, sagt Jähn.

Von Auswanderungsplänen – sollte in ferner Zukunft ein menschenähnliches Leben auf anderen Planeten möglich sein – hält Jähn dennoch nichts. „Wir sollten unsere Erde beschützen, im Weltraum für die Erde arbeiten“, sagt er. „Ich würde lieber auf der Erde bleiben, hier ist es schön genug.“ Auf der Leinwand erscheint ein letztes Foto, die Aufnahme einer Blume auf einer Sommerwiese. „Fotografiert von meiner Datsche aus“, sagt Jähn. 1978 ist Jähn abgehoben, aber zugleich auf dem Boden geblieben.

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