Der neue Bildungsraum wird schon renoviert

Von: Axel Borrenkott
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„Was läuft schief beim Bachelor?”: RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg (Mitte) und Kanzler Manfred Nettekoven hören Studenten beim „Bildungsstreik” im Juni zu. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Und auf einmal soll alles repariert werden, was bei der Hochschul-Reform um Bachelor und Master verpfuscht wurde. Weniger Stoff, weniger Prüfungsstress, mehr Mobilität und mehr Freiraum soll es künftig geben. Man kann kaum glauben, was Hochschulrektorenkonferenz und Bildungsministerin vor einer Woche an Fehlentwicklungen im sogenannten Bologna-Prozess einräumten.

Dabei hatte Annette Schavan den - offenbar nun doch recht erfolgreichen - Bildungsstreik der Studenten Mitte Juni noch als „gestrig” abgetan. Wie aktuell die Probleme sind, zeigt ein Blick in die Exzellenzuniversität RWTH Aachen.

„Nun kritisch prüfen”

„Ich habe kaum Dinge gesehen, die so in die Hose gegangen sind wie diese Reform.” Jörg Feldhusen (53) sagt das, Professor in der Edelabteilung der TH, dem Maschinenbau. Für „nichts und wieder nichts” sei die Marke Diplom-Ingenieur „gekillt” worden, um die Deutschland die halbe Welt beneidet habe.

Der Inhaber des Lehrstuhls für Konstruktionstechnik des Maschinenbaus ist kein Mann von früher. Er weiß als vormaliger Bereichschef im Siemens-Konzern ziemlich genau, was die Industrie für Ingenieure braucht. Einer wie Feldhusen will „Marktwert für meine Studenten” erzeugen. Eine Berufsbefähigung aber „kann in sechs Semestern nicht annähernd erreicht werden”.

Zwar haben die angehenden Ingenieure in Aachen, anders als die Geisteswissenschaftler, bis zum Bachelor-Abschluss sieben statt sechs Semester Zeit. Aber auch die sind noch so vollgepackt, dass „wir kritisch prüfen müssen, ob wir die Fächer alle brauchen”. Dichte und Prüfungsstress seien in der Tat erheblich, bestätigt Feldhusen, was man von fast allen Professoren und Studenten hört.

Dass der Bologna-Prozess nicht umzukehren ist, ist Feldhusen klar: „Ich sage auch nicht, dass das nicht klappt.” Aber es sei an der Zeit „ehrlich zu bilanzieren” und zu korrigieren. Das könne „zwei bis fünf Jahre” brauchen.

An der Fächerdichte im Bachelor-Studiengang könne man „derzeit nichts ändern”, stellt derweil Axel Gellhaus für sein Fach Germanistik fest, „wir sind bei den Basics”. Der Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Deutsche Literaturgeschichte bedauert gleichwohl, dass der Umbau des Studiums eine „durchgreifende Verschulung” bedeute. „Das kann man nicht anders nennen.”

Das mag für einen nicht geringen Teil der Studenten geisteswissenschaftlicher Fächer auch von Vorteil sein. Für diejenigen nämlich, die nicht so recht wissen, wozu sie studieren, ist eine organisierte Grundausbildung in handwerklich-methodischen Fähigkeiten eher besser als das freie Vorsichhin-Studieren, das vor nicht allzu langer Zeit in der Philosophischen Fakultät der RWTH nicht unüblich war und eine erhebliche Schwundrate zur Folge hatte. „Für die intellektuell autonomen Studenten ist es allerdings eine Katastrophe”, sagt Gellhaus auch.

Wer aber, Durchschnitt oder begabt, den Studienort wechseln will - eben das sollte ja mit „Bologna” viel einfacher werden - muss mit einem Jahr Verlust rechnen: weil die Module und die Credit Points, die die Studiengänge europaweit vergleichbar machen und zur wechselseitigen Anerkennung führen sollten, an anderen Unis eben nicht akzeptiert werden. Gellhaus: „Kein Student traut sich mehr, von Bonn nach Köln oder Aachen zu wechseln - geschweige denn innerhalb Europas.”

Da hätten sich, sagt nicht nur der Geisteswissenschaftler, zwei „Renovierungen” der Hochschulen überkreuzt: Einerseits soll und will jede Hochschule ihr „eigenes Profil” bilden und schön exzellent wirken. Gleichzeitig aber soll der „gemeinsame Bildungsraum” geschaffen werden. „Das passt nicht zusammen.” Den naheliegenden Ausweg formulierte jüngst der ehemalige sächsische Wissenschaftsminister Joachim Meyer: möglichst übereinstimmend beim Bachelor, möglichst hochschulspezifisch beim Master.

All diese Probleme laufen bei Aloys Krieg (53) zusammen und stoßen - auf offene Ohren. Hört man den Prorektor für Lehre an, kann man den Eindruck haben, die vielfach angemahnte „Reform der Reform” sei an der RWTH längst im Gange. Dabei gibt es Bachelor-Studiengänge in den Ingenieurwissenschaften erst seit 2007, in Naturwissenschaften seit 2006. Nur in den Geisteswissenschaften die 2005 umgestellt haben, haben schon die ersten ihr Bachelor-Examen gemacht und testen nun den Master. „Man kann das alles auch einen großen Feldversuch nennen”, sagt der Mathematiker Krieg.

„Wir wissen noch nicht...”

Nachdem der für Professoren und Verwaltung gewaltige Kraftakt der Umstellung von Diplom auf Ba/Ma gerade vorüber ist, wird nun also im Sinne der Studenten nachgebessert. „Das größte Problem ist die Dichte der Veranstaltungen und der dauernde Prüfungsstress”, betont Krieg. „Wir kümmern uns um vernünftige Prüfungsrhythmen und wir prüfen, ob wirklich überall angemessen war, was vom Diplom in den Bachelor gepackt wurde.” Jeder Studiengang ziehe derzeit ein Fazit, zusammen mit den Fachschaften.

Ob der Bachelor „berufsfähig” ist, sei wirklich eine „große Frage”, so Krieg. „Wir wissen noch nicht, was die Wirtschaft von den Bachelor Studenten wirklich erwartet. Wir wissen nicht einmal genau, was wir selber in dieser Zeit realistisch vermitteln können.” Die RWTH ist also, man staune, intensiv mit der Frage beschäftigt: „Wie muss ein Studium aussehen, damit die Absolventen wirklich was können?” Klar sei, dass für eine technische Spitzenuni der Master der „eigentliche Abschluss” ist, darauf „beharren wir”. Aber es könne auch nicht darum gehen, „nur die Besten auszubilden”. Das Fazit des Prorektors ist, alles in allem, optimistisch: „Im Großen und Ganzen wird die Umstellung akzeptiert. Und man kann die Studiengänge vernünftig gestalten. Wir müssen den Spielraum nutzen.”
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