„Den Jungs eine Ansage machen”: Frauen im Ingenieurstudium

Von: Kristin Kruthaup, dpa
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Bochum. Die Professoren kannten Catharina Ladzinski schon mit Namen, da war sie erst ein Semester an der Universität.

Denn in einem Vorlesungssaal voller Männer fällt eine Frau auf. Ladzinski ist 21 Jahre alt und studiert im fünften Semester an der Ruhr-Universität in Bochum Elektrotechnik. In dem Bachelor gibt es außer ihr zurzeit nur noch vier andere Frauen.

Elektrotechnik, Maschinenbau, Informationstechnik - in diesen Studiengängen sind Studentinnen in der Minderheit. Besonders in jungen Jahren ist ihr Interesse an diesen Fächern klein. Laut dem neuen OECD-Bericht plant von den 15-jährigen Jungen in Deutschland rund jeder Zehnte (9,9 Prozent) eine Karriere in den Ingenieurswissenschaften. Bei den Mädchen sind es nur 1,1 Prozent.

Doch nach dem Schulabschluss ist die Lage eine andere: So war von den Erstsemestern in den Ingenieurswissenschaften 2010 jeder Fünfte (22 Prozent) eine Frau, so das Statistische Bundesamt. Im Vergleich zu 2009 ist das ein Anstieg bei den Erstsemestern von 11 Prozent. „Das Bild wandelt sich also langsam”, sagt Ulrike Struwe, Leiterin von „Komm mach MINT”, einer Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für mehr Frauen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT). Dennoch: Derzeit sei der typische Technikstudent immer noch männlich.

Dabei bietet das Studium der Ingenieurswissenschaften Frauen viele Vorteile. Da sind zum einen die guten Jobaussichten. „In Deutschland fehlen rund 80 000 Ingenieure”, sagt Lars Funk, Ausbildungsexperte beim Verein Deutscher Ingenieure. Wer heute mit guten Noten von der Universität kommt, könne sich die Stelle in der Regel aussuchen. „Es gibt wirklich eine sehr hohe Zahl an freien Arbeitsplätzen”, bestätigt Struwe.

Zudem locken überdurchschnittlich hohe Gehälter. „Ingenieursjobs sind Karrierejobs”, sagt Struwe. Im Durchschnitt steigen Ingenieure mit einem Jahresgehalt von rund 42 000 Euro ein, so die Vergütungsberatung Personalmarkt. Davon können Beschäftigte in den typischen Frauenberufen wie der Pflege oft nur träumen.

Die guten Berufsaussichten waren auch für Ladzinski ein Argument bei ihrer Berufswahl. Vor allem machen ihr jedoch die Inhalte Spaß. „Ich hatte in der Schule Mathe- und Physik-Leistungskurs”, erzählt sie. Als sie nach einem passenden Studienfach für sich suchte, kam sie daher schnell auf die Technikfächer. „Elektrotechnik ist in den ersten Semestern ganz viel Mathe.” Wer das nicht könne, sei aufgeschmissen. Zudem gefiel ihr, dass das Studium sehr breit angelegt ist. „Ich kann nach dem Abschluss in der Energiebranche genauso arbeiten, wie in der Automobilbranche.”

Doch egal in welcher Branche: Das Arbeiten in einer Männerdomäne kann für Frauen auch Nachteile mit sich bringen. „Man muss sich klarmachen, dass man später als einzige Frau in einem männlichen Team ist”, sagt Funk. Das erfordere mitunter Standfestigkeit.

Auch war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zumindest in der Vergangenheit oft ein Problem. Denn anders als in den typischen Frauenberufen war das in männlich dominierten Abteilungen meist kein großes Thema, so Struwe. Denn Männer kümmerten sich in der Vergangenheit tendenziell weniger um Haushalt und Kindererziehung.

Schließlich verdienen Frauen zwar in den Ingenieursberufen verhältnismäßig gut. Aber auch dort bekommen sie - wie in allen anderen Berufen auch - im Durchschnitt weniger Lohn als ihre männlichen Kommilitonen. „Im Schnitt sind es 19 Prozent”, erzählt Struwe. Im Vergleich zu anderen Jobs ist das jedoch noch verhältnismäßig gut. Im Durchschnitt sind es über alle Berufe hinweg 23 Prozent.

Struwe rät angehenden Ingenieurwissenschaftlerinnen daher, sich schon an der Hochschule zu vernetzen. Zudem böten viele Hochschulen Kurse speziell für Frauen an. „Netzwerktreffen, Mentorenprogramme oder Rhetorikkurse”, zählt sie auf. Viele Studentinnen ständen diesen Angeboten zunächst zwar skeptisch gegenüber und dächten: „Oh Gott, das ist wieder etwas für Frauen.” Dennoch rät Struwe dazu. Die Studentinnen sollten diese Karrierehilfen unbedingt annehmen.

Für die angehende Elektroingenieurin Ladzinski ist es zurzeit noch kein Thema, dass sie die einzige Frau unter lauter Männern ist. Gefragt nach den Nachteilen als Frau in einem Männerstudium muss sie erst einmal ein wenig grübeln.

Im ersten Semester habe sie öfter einmal Stellung beziehen müssen, erzählt sie dann. So war etwa für ihren Laborpartner völlig klar, dass er das Experiment durchführt und sie das Protokoll schreibt. „Da hab ich dann aber von Anfang an klargestellt: Halt! Ich will auch.”

Ansonsten gebe es eigentlich keine Probleme. Eher im Gegenteil: „Ich komme von einer Mädchenschule. Den Zickenterror hab ich mitbekommen”, sagt sie und lacht. Im Studium sei es dagegen leicht. „Jungs kann man eine Ansage machen, und dann ist die Sache gegessen. Bei Mädchen schaukelt sich das immer gleich so hoch.”
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