„Das 1. Semester“: Studienleben beginnt

Von: Thorsten Karbach
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Angekommen in Aachen: Phuong Lien Ta aus Berlin und Lukas Dörrie aus Bad Arolsen sind Erstsemester an der RWTH Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Er kommt aus dem kleinen Bad Arolsen in Nordhessen. Sie kommt aus dem großen Berlin, war nach dem Abitur erst einmal in Shanghai. Er nennt seine Herkunft ein Dorf. Sie bezeichnet sich als Großstadtkind. Beide wollten sie zuhause raus, und beide haben sie in Aachen gefunden, was sie suchten: den Ort, an dem sie studieren wollen.

„Ich wollte in eine größere Stadt“, sagt er. „Wenn schon die Universität so groß und voller Menschen ist, dann wollte ich nicht auch noch in eine Großstadt“, sagt sie. Die 19-jährige Phuong Lien Ta und der 21-jährige Lukas Dörrie sind zwei von mehr als 7200 neuen Erstsemestern an der RWTH Aachen. Hinzu kommen in dieser Stadt mehr als 3000 neue Studierende an der Fachhochschule, der FH Aachen, 210 an der Katho, der Katholischen Hochschule und die Neulinge des Aachener Standorts der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. Es ist viel los in dieser Stadt – mehr denn je.

Die Studierendenzahlen haben ein Rekordniveau erreicht – landesweit zählen die Universitäten mehr als 65.000 Studienanfänger, die Fachhochschulen rund 30.000, die katholischen und die privaten Hochschulen mehr als 17.000 und die Kunst- und Musikhochschulen fast 800 Studierende. Und die verteilen sich auf viele Disziplinen: An der RWTH Aachen gibt es 130 Studiengänge, an der FH Aachen noch einmal 48 Bachelor- und 22 Masterstudiengänge in den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften sowie Design. Hinzu kommen die an der Musikhochschule und der Katholischen Hochschule.

Lebens- und liebenswert

Phuong Lien Ta und Lukas Dörrie empfinden die Stadt auf Anhieb als lebens- und liebenswert. „Es gefällt mir richtig gut. Kassel ist kleiner und kommt mir immer viel größer vor. Aachen ist größer und kommt mir viel kleiner vor“, findet Dörrie. „Ich habe eine Stadt gesucht, in der ich mich schnell vertraut fühle. Und ich fühle mich hier schnell vertraut“, sagt Ta. Und beide wissen sie bereits zu schätzen, dass sie sich mühelos zu Fuß durch die Stadt bewegen können. „Wenn ich in Berlin feiern wollte, muss ich immer 20 Minuten mit der S-Bahn fahren. Hier brauche ich zehn Minuten zu Fuß“, erzählt Ta.

Sie wollte unbedingt Wirtschaftsingenieurwesen in Aachen studieren, hat sich nur an der RWTH beworben. Sonst nirgendwo. Sie wollte etwas derart Interdisziplinäres, sich nicht allein auf eine Naturwissenschaft fokussieren. Er hat sich für Umweltingenieurwissenschaften eingeschrieben. Beworben hatte er sich aber zunächst auch in Berlin für Gartenwissenschaften. Und in Mannheim für Psychologie. „Ich war mir nicht sicher, was ich genau wollte – Umweltingenieurwissenschaften habe ich in Kassel kennengelernt. Aber nach Kassel wollte ich nicht“, sagt Lukas Dörrie. Die Nähe zur Heimat war ihm da zu groß.

Aachen klang für den 21-Jährigen am besten – auch oder gerade weil er hier Posaune spielen kann. Das Instrument hat er in der fünften Klasse gelernt. Musik wollte er zwar nicht studieren, aber ihr weiter so viel Raum wie möglich in seinem Leben lassen. Die Big Band der RWTH suchte einen Posaunisten. Die ersten Proben sind gespielt. „Aber noch steht nichts fest“, sagt Dörrie. Er meint es ernst, wenn er sagt, dass ihm dieses Hobby wichtig ist.

Biologie am Montagmorgen

Ernst in Sachen Studium wurde es für beide nach der Einführungswoche am Montag. Da begannen die Vorlesungen und Seminare. Die Übungen und Kolloquien. Für Lukas Dörrie Montagmorgen um 8 Uhr mit einer Einführung in die Biologie. Dafür heißt es mittwochs: ausschlafen – und dann Mathematik. Phuong Lien Ta startet nicht vor zehn Uhr, dafür sitzt sie dienstagabends immer bis 20 Uhr in einer BWL-Vorlesung. „Das ist schon alles anders als in der Schule“, sagt sie.

Wie genau, haben beide bereits Anfang September im Mathe-Vorkurs erfahren, in dem sie sich auf die anstehenden Herausforderungen vorbereiten und vor allem erste Kontakte knüpfen wollten. „So eine Vorlesung im Audimax ist schon etwas anderes als eine Unterrichtsstunde in einer Schulklasse“, erzählt Dörrie. Und dann auch noch vor 800 anderen Studenten eine Frage stellen? Puh! „Das ist schon alles ganz neu für uns“, sagt Ta. „So richtig fühle ich mich nicht als Studentin, aber das kommt bestimmt noch.“ Klar, so wird es zig Erstsemestern gehen.

Durch den Abschluss des doppelten Abiturjahrgangs in Nordrhein-Westfalen gibt es an den Universitäten und Fachhochschulen des Landes so viele neue Studierende wie nie zuvor. Mehr als 600.000 sind es ganz genau, mehr als 450.000 an den Universitäten, mehr als 140.000 an den Fachhochschulen. Allein in Aachen werden durch die vielen neuen nun mehr als 52.000 Studierende gezählt. 40.000 an der RWTH, mehr als 12.000 an der FH. Das entspricht mehr als einem Fünftel der Bevölkerung der Stadt. „Wir freuen uns sehr, dass auch dieses Jahr wieder viele junge Menschen in Aachen ein Studium beginnen. Das Flair unserer Stadt wird nicht zuletzt auch durch die Studierenden geprägt. Durch sie ist Aachen nicht nur besonders lebenswert, sondern auch jung und lebendig“, sagt dazu der Oberbürgermeister Marcel Philipp.

Es fehlt Wohnraum

Doch ist diese Situation nicht unproblematisch: Es fehlt schlichtweg Wohnraum für Studierende. Seit Monaten wird mit der Kampagne „Extraraum“ um Zimmer geworben, längst haben sich die umliegenden Städte auch in den Niederlanden als Wohnort für die Aachener Studenten empfohlen. Während Phuong Lien Ta frühzeitig wusste, dass sie in Aachen studieren würde und sich deswegen schon im Mai erfolgreich um ein Zimmer in den „Türmen“, den Studentenwohnheimen an der Rüttscher Straße, bemüht hatte, schrieb sich Lukas Dörrie erst am letztmöglichen Termin ein. Und suchte.

Fünf Betten in der Hostel-WG

270 Kilometer liegen zwischen Bad Arolsen und Aachen. Er hat versucht, möglichst viele Wohnungsbesichtigungen zusammenzulegen. Doch oft genug war er unterwegs. Anfangs wohnte er dann in einer Übergangs-WG in einem Hostel. Es war ein Zimmer mit fünf Betten. 21 Euro hat er pro Nacht gezahlt. Dann fand er endlich ein Zimmer in einer Zweier-Wohngemeinschaft. „Was anderes als eine WG kam für mich nicht in Frage“, sagt er. Allerdings hat er dies nur zur Zwischenmiete. Im Januar muss er wieder raus. „Dann brauche ich etwas Neues, aber dafür habe ich jetzt ausreichend Zeit“, sagt er.

Seit einem Monat sind beide in der Stadt. Sie kennen das Hauptgebäude, das futuristische „Super C“, die Innenstadt, die Pontstraße. Und Phuong Lien Ta hat – kaum war sie in Aachen – gelernt, dass die Welt ein Dorf ist. Zumindest in Aachen. Erst traf die junge Frau, geboren und groß geworden in Berlin-Friedrichshain, einen ehemaligen Mitschüler. Dann begegnete sie jemandem, den sie in Shanghai kennen gelernt hatte. Dort verbrachte sie ein Freiwilliges Jahr in Diensten des Goethe-Instituts, unterstützte Lehrer, die in einer Schule Deutsch unterrichteten. Es war eine aufregende Zeit und auch für die Assistentin der Pädagogen eine lehrreiche: „Ich bin froh, dass ich das gemacht habe, denn vorher wollte ich noch auf Lehramt studieren. Jetzt weiß ich, dass ich das nicht mehr will.“

Aber Studieren, mit allem, was dazugehört, das wollen beide. „Es ist der Beginn eines spannenden und wichtigen Lebensabschnitts. Dazu wünsche ich allen einen guten Start und viel Erfolg“, sagt RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg.

RWTH und FH haben sich seit Jahren auf diesen besonders großen Jahrgang vorbereitet. Die Hochschulen haben neu gebaut und Raumkapazitäten noch besser aufeinander abgestimmt. Weil das Hörsaalzentrum der RWTH – ein gigantischer Bau mit Platz für 4000 Studierende (die größten Hörsäle zählen 800 beziehungsweise 1000 Plätze) – nach Verzögerungen in der Planung und einer Klage gegen die Vergabe von Aufträgen an Baufirmen nicht rechtzeitig fertig wurde, musste kurzfristig ein Ersatzbau her. Der steht nun am Westbahnhof. Es ist ein sogenannter Modulbau mit Platz für 1000 Studierende, der wieder abmontiert werden kann, wenn er nicht mehr benötigt wird – also voraussichtlich 2015. Zig Millionen Euro wurden ohnehin in den letzten Jahren in die Infrastruktur beider Hochschulen investiert. Es gab – anders als bei der Abschaffung der Wehrpflicht – ausreichend Vorlauf zur Vorbereitung dieses Ansturms.

„Ich bin gespannt, was mich erwartet“, sagt Lukas Dörrie. „Ich bin gespannt, wie es wird, wenn der Lerndruck da ist. In Aachen liegt die Messlatte hoch. Ich schiebe das Lernen sonst gerne vor mir her und lerne dann auf den letzten Drücker. Das will ich als Studentin nicht“, erklärt Phuong Lien Ta. Ihr Motto: „Work hard, play hard“. Das heißt so viel wie: Arbeite hart, aber der Spaß soll dabei auch nicht zu kurz kommen.

Den hat sie bereits, wenn sie mit den ersten Freunden in der neuen Heimat gemeinsam kocht und dann ausgeht. Oder beim Yoga, für das sie sich am Hochschulsportzentrum bereits angemeldet hat. Hier warten über 1000 Kurse in 70 Sportarten auf die Studierenden. Badminton will sie hier auch spielen. Sie hat viel vor – auch Chinesisch will die 19-Jährige, ihre Eltern kommen aus Vietnam, weiter lernen. Nach Berlin wird sie es wohl erst Weihnachten wieder schaffen. Für beide gilt: Jetzt wird erst einmal studiert!

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