Bilgi-Universität Istanbul: Kölner Juristen erfahren liberale Gesinnung

Von: Thorsten Karbach
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Macht seinen Master in Jura an der Istanbuler Bilgi-Universität: der 25-jährige Cüneyt Sali aus Heinsberg. Seine Hochschule verkörpert wie keine zweite liberale Gedanken, für die in der Türkei sonst wenig Raum ist.
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Gut vernetzt: Bilgi-Rektor Remzi Sanver und der Kölner Jura-Professor Heinz-Peter Mansel fördern den Austausch ihrer Hochschulen. Foto: Ralph Sondermann, FEV, Bilgi Universität

Aachen/Istanbul. Dass Remzi Sanver unter Strom steht, muss an der Umgebung liegen. Sanver ist Rektor der Istanbuler Bilgi-Universität. Und die ist in einem ausgedienten Elektrizitätswerk untergebracht. Wenn er spricht, dann ist sein ganzer Körper in Bewegung. Und es gibt so viel zu berichten. Die Bilgi-Universität mag zunächst einmal eine von 180 türkischen Universitäten sein. Aber sie ist weit mehr als das.

Wenn über Meinungsfreiheit in der Türkei – zurecht diskutiert wird –, dann ist es die Bilgi-Universität, die sich vom Einfluss Recep Tayyip Erdogans und seiner AKP unbeeindruckt zeigt. Die Bilgi-Universität zeigt, dass auch der Einfluss der Regierung Grenzen hat. Sie trägt ihre liberale Gesinnung vor sich her wie ein Schild. Sie ist stolz darauf, dass die Hälfte ihrer Gründer schon einmal wegen ihrer Haltung zur Macht in der Türkei eine Nacht in einem Gefängnis verbracht hat. Es gibt beste Verbindungen in die USA, die Bilgi-Universität gehört zum privaten Hochschulnetz „Laureate International Universities“, deren Ehrenpräsident Bill Clinton ist. Das mag vor Repressalien schützen.

Meinungsfreiheit

An der Bilgi-Universität gibt es jedenfalls den Mut, klare Worte zu finden. „Hier gibt es Meinungsfreiheit, hier kann jeder sagen, was er will“, erklärt Rektor Sanver.

Er sagt: „Wir haben in diesem Land ein Bildungsproblem.“

Er meint: Schon jetzt gibt es zu wenige Studienplätze und die Zahl der Bewerber wird weiter zunehmen. 25 Prozent der türkischen Bevölkerung sind im schulpflichtigen Alter. Und die meisten neuen Angebote entsprechen nicht den Maßstäben, wie sie andere Länder, etwa Deutschland, anlegen würden. Bilgi ist anders. Aber Bilgi hat auch ihren Preis.

Die Universität wurde 1996 gegründet, alles begann mit Sozialwissenschaften. Zuvor hatten sich die Väter der Universität mit Gitarren- und Sprachkursen in einem der schlechteren Viertel der Stadt Achtung verdient. „Wenn ich zurückblicke, sehe ich Leute, die mit ganzem Herzen gearbeitet haben. Vieles war noch nicht institutionalisiert, aber mit Leidenschaft hat sich Bilgi seinen Ruf erarbeitet“, erklärt Rektor Sanver.

Ort der Gegensätze

Es ist ein Ort der Gegensätze. Ausgerechnet in den Relikten vergangener Industriearchitektur hat sich eine der modernsten Istanbuler Universitäten eingerichtet. Die Bilgi-Universität hat mittlerweile 18 000 Studenten. Es gibt noch den alten Bahnhof, an dem einst die Kohle für die Stromerzeugung angeliefert wurde. Er wird immer noch genutzt – von einem Starbucks-Café. Der Campus ist gleichzeitig ein Park für die Istanbuler, auch das ist ungewöhnlich – offen und frei. Sanver erzählt dies mit Begeisterung. Immer wieder spricht er „vom besonderen Geist der Bilgi-Universität“. Der ist auf dem Campus durchaus spürbar, während der kräftige Wind feinen Nieselregen über die Wege treibt.

Die Bilgi-Universität hat sich von Beginn an vernetzt – etwa mit Universitäten in Portsmouth und London (der London School of Economics). Und: Es gibt einen gemeinsamen Masterstudiengang Deutsches und Türkisches Wirtschaftsrecht mit der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln. „Deutschland hat in Istanbul Gewicht“, sagt Sanver.

Von selbst entwickeln sich solche Verbindungen aber keineswegs. Die Brücken, die in den Wissenschaften zwischen Deutschland und der Türkei gebaut werden, fußen oft auf persönlichem Engagement. Als Heinz-Peter Mansel von Heidelberg nach Köln kam, änderte sich für den Juristen der Anblick in den Hörsälen. Anders als in Heidelberg gibt es an der Kölner Universität viele türkische Studenten. Der Direktor für internationales und ausländisches Privatrecht sah in ihnen mehr als nur Zuhörer seiner Vorlesungen: Er sah riesiges Potenzial im kulturellen Hintergrund dieser Studenten.

Der logische Schritt

Es war für ihn nur logisch den Kontakt in die Türkei zu suchen. Ein paar Jahre später trifft er „seine“ Kölner Masterstudenten auf dem Campus der Bilgi-Universität. Es sind allesamt Deutsche, die aber türkische Wurzeln haben. Eigentlich sollten ebenso viele Studenten der Universität Köln wie auch der Bilgi-Universität den Studiengang belegen können. Doch das Interesse ist in diesem Jahr sehr einseitig, es sind ausschließlich Kölner (ein paar kommen auch aus Frankfurt, Heidelberg oder haben bereits als Anwälte gearbeitet), die sich eingeschrieben haben. Das Problem: Die türkischen Studenten zahlen auch während ihrer Zeit in Köln ihren Semesterbeitrag an der Bilgi – 12 000 Euro pro Jahr. Und haben dazu die laufenden Kosten im Ausland. Das ist kaum zu finanzieren. Umgekehrt konnte ausgehandelt werden, dass den deutschen Teilnehmern des Masterstudiengangs die Studiengebühr an der Bilgi-Universität erlassen werden.

Zum Teil haben sie bereits als Anwälte gearbeitet und sehen diesen Master-Studiengang als Zusatz, der sie weiterbringt – und für Firmen attraktiv macht, die in beiden Ländern Handel treiben. „Anwälte, die beide juristischen Sprachen beherrschen, sind in Kanzleien und Unternehmen mittlerweile sehr wichtig“, berichtet Jura-Professorin Yesim Atamer. Sie hat den Studiengang mit der Universität Köln mit Heinz-Peter Mansel im Juni 2010 entwickelt.

Atemberaubend

Cüneyt Sali ist 25 Jahre alt und kommt aus Heinsberg. Er ist zwei Monaten in Istanbul und absolviert genannten Master-Studiengang. Der erste Eindruck? Er studiert in einer atemberaubenden Stadt.

Istanbul war immer schon ein Sehnsuchtsort der Deutschen. Am Bosporus trifft Orient auf Okzident, die unfassbare Lebendigkeit der Stadt lockt nun insbesondere junge Menschen in die Stadt. Das nächtliche Treiben in der Istiklal Caddesi, der Einkaufsmeile, die vom Taksim-Platz runter zum Bosporus und dann über die Pontonbrücke zum Goldenen Horn führt, ist schwer in Worte zu fassen. Der deutsche Musiker Axel Bosse mag es annähernd treffend beschrieben haben: „So was Schön, Volles hab ich noch nie gesehen; zieh mich durch die Kneipen, bis die Mu- ezzine schreien.“

Das Interesse an der Türkei drückt sich auch in anderen Zahlen aus: 2013 haben fast 2400 deutsche Studenten eine Förderung des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) für einen Studienaufenthalt in der Türkei in Anspruch genommen. Solcher Austausch wird vielerorts forciert und neue Angebote wie ein gemeinsamer Masterstudiengang zu „Frauen in der Geschichte der Philosophie“ der Universität Paderborn mit der Yeditepe-Universität sollen Deutsche in die Türkei locken. Die Bilgi-Universität arbeitet auch mit der FH Köln und der Universität Bielefeld zusammen.

Auf Englisch

Studiert wird an der Bilgi eigentlich auf Englisch, der gemeinsame Masterstudiengang mit der Universität Köln ist aber auf Türkisch. Juristen-Türkisch. Juristen sprechen eben überall ihre eigene Sprache. Cüneyt Sali sagt: „Natürlich haben wir die Basis der Sprache, aber die Vokabeln müssen wir dennoch lernen. Das war mir aber auch bewusst, da bin ich nicht blauäugig herangegangen.“

Letztlich haben die Absolventen dieses Studiengangs am Ende beide Optionen: Sie können wieder zurück nach Deutschland gehen oder in der Türkei bleiben. Die Erfahrung zeigt, dass viele anfangs in der Türkei bleiben wollen, am Ende aber die Mehrheit zurückkehrt. „Viele lernen, wo sie sich mehr zuhause fühlen“, sagt Atamer.

Auch dazu kann so ein Studium gut sein.

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