Betonkanu-Regatta: FH-Studenten wollen an die Spitze paddeln

Von: Berthold Strauch
Letzte Aktualisierung:
5696009.jpg
Es schwimmt – und viele aus dem Team der Fachhochschule Aachen haben kräftig mit Hand angelegt, damit dieses Werk gelingen konnte: Das Betonboot mit dem sinnigen Namen „Bet-on-blue“ – Wette auf Blau – überstand die „Erstwasserung“ im Blausteinsee. Foto: Berthold Strauch

Aachen/Nürnberg. Das bunte Treiben erinnert ein wenig an Mutters Küche – alles wird streng nach Rezept gemixt, nur dass es etwas staubiger zugeht und die Portionen größer sind. „Wir bauen uns selbst ein Kanu aus Beton“, könnte Professor Hans Paschmann seine praktische Lehrstunde in den Werkstätten seiner Aachener Fachhochschule (FH) überschreiben.

Was angesichts von Leichtbau und teuren Kunststoffmaterialien fast ein wenig verrückt klingt, ist hier, im Labor des Fachbereichs Bauingenieurwesen, ernste Realität: Denn ein so spröder Baustoff wie Beton, dem man ja wohl nicht auf Anhieb nachsagen kann, dass er bei professionellen Bootsbauern erste Priorität besitzt, macht Furore – und dies keinesfalls in einem munteren Wettbewerb, wessen Boot am schnellsten untergeht wie ein Stein, den man ins Wasser wirft.

Vielmehr geht es den ehrgeizigen Studenten von Paschmann darum, sich in einer anspruchsvollen Regatta als die Schnellsten zu erweisen – oder zumindest als die findigsten, kreativsten, geschicktesten Nachwuchs-Bauingenieure, die es den Mitbewerbern auf dem Wasser mal so richtig zeigen möchten, wie es geht – oder eben schwimmt.

Schon vier Gestaltungspreise

Im Januar haben die Vorarbeiten für das Projekt begonnen, das an der FH Aachen eine große Tradition besitzt. Sechs Studierende haben sich die Aufgabe gestellt, ein Kanu komplett aus Beton zu entwerfen, zu konstruieren und zu bauen. Es soll am kommenden Freitag und Samstag auf dem Großen Dutzendteich in einem beliebten Naherholungsgebiet der Stadt Nürnberg seine große Bewährungsprobe bestehen. Und die Chancen stehen nicht schlecht, bei dieser 14. Auflage der Deutschen Betonkanu-Regatta wieder die Konkurrenz abzuhängen, wie es schon vielfach gelungen ist – zumindest in Sachen Gestaltung.

Es ist ein spannender Praxistest auf Einladung der Deutschen Zement- und Betonindustrie („Es kommt drauf an, was man draus macht“), bei dem die jungen Leute von Prof. Paschmann, dem Spezialisten an der FH für Baustoffkunde, intensiv betreut werden. Der 58-Jährige gibt Tipps, packt im Labor auch mal kräftig mit an. Aber überwiegend sind die Studenten auf sich gestellt, damit das Betonboot tatsächlich Realität werden kann.

Dazu gehört neben dem computergestützten Plan auch die Entwicklung geeigneter Rezepturen, die Herstellung von präzisen Betonschalungen, in denen die einzelnen Teile des Kanus gegossen werden, der spätere Zusammenbau, das Erstellen einen Konstruktionsberichts und die Präsentation des Kanus bei der Regatta selbst – mitsamt dem Einsatz von zupackenden Paddlern aus dem Kreis der jungen Baumeister selbst.

Die FH hat seit dem Jahr 2000 bereits sechsmal an der zumeist alle zwei Jahre stattfindenden Regatta mit selbstgebauten Betonbooten kreuz und quer durch Deutschland teilgenommen. Zuletzt wurde sogar schon viermal hintereinander der Gestaltungspreis einer strengen Expertenjury eingeheimst. Bei den sportlichen Resultaten waren die jeweiligen Zwei-Mann- oder Zwei-Frau-Crews nicht ganz so erfolgreich. Aber was soll‘s, der Spaß an der Freude und der Happening-Charakter rund um die Regatta zählen allemal mit.

Und diesmal wird es wohl besonders hart bei dieser „Veranstaltung der Rekorde“: Denn mit 117 Teams von 49 Instituten von Hochschulen haben sich so viele Kontrahenten wie noch nie für die Regatta in Bayern angemeldet. Dieser große Andrang schreckt das FH-Team keineswegs, es ist sich der eigenen Stärken bewusst. Sechs Studenten der FH sind ab Freitag in Nürnberg dabei: Dina Graetz, Simone Höppner, Fabian Onkels, Konstantin Reineke, Claus Richter und Dirk Thal. Neben Prof. Paschmann gehören von der Hochschulseite auch die erfahrenen Betreuer Franz Basner und Wolfgang Voigt zum Team, die teils schon lange mit von der Partie sind.

Für das Boot werden wie gewohnt die bewährten Materialien zusammengerührt: Zement, Wasser und Sand verschiedener Körnungen. Zudem wird ein spezielles Fließmittel in die Mischmaschine geschüttet. Und weil das Endprodukt nicht betongrau wie sonst auf dem Bau üblich werden soll, kommen Farbpigmente hinein. Damit wird der Beton durchgängig eingefärbt – in leuchtend hellem Kobaltblau. Dies inspirierte die Schöpfer des Kanus zu einer pfiffigen Namenswahl: „Bet-on-blue“ – Wette auf Blau heißt das Regattaboot. Und die Aachener wollen jede Wette halten, wieder unter den Besten abzuschneiden.

Dafür sorgt auch, dass der Beton nicht pur verwendet wird, weil das dünne Material ansonsten empfindlich gegen Schläge und Zugkräfte wäre. Die notwendige Stabilität schaffen Glasfasermatten, die der Form der Bauteile angepasst werden, bevor der Beton sorgfältig aufgetragen und glattgestrichen wird. Der Bootsrumpf wurde aus zehn einzelnen Segmenten zusammengefügt – jeweils ein Unterteil und ein Deckel. Später wurden sie mit Zweikomponenten-Epoxidharz geklebt, der im Bauwesen häufig Verwendung findet. Somit entstanden fünf Kanustücke, die den Transport zur Regatta sehr erleichtern. Denn erst vor Ort werden sie zusammengesetzt und mit speziellen Keilen aneinander befestigt. Das Gesamtergebnis: nur rund 145 Kilogramm schwer.

So auch bei der Jungfernfahrt kürzlich auf dem Blausteinsee in Eschweiler. Dabei trat zunächst allerdings Wasser in die einzelnen Kanubestandteile: Die Dichtungsstellen mussten kurzerhand mit Silikon nachgebessert werden. Danach klappte alles wie am Schnürchen. Die jungen Ruderer wollten – bei herrlichem Sonnenschein – gar nicht mehr ans Ufer zurückkehren, so viel Spaß machte die Premiere, die vor Ort mit einer zukünftigen Sekttaufe natürlich standesgemäß gefeiert wurde.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert