Anmachen auf dem Campus: So wehren sich Studentinnen

Von: Andreas Thieme, dpa
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Sind Studentinnen von anzüglichen Blondinenwitzen genervt, ist ignorieren die falsche Devise: Das bestärkt Machos eher. Foto: Bodo Marks/dpa/tmn

München. Sex für gute Noten - für dieses unmoralische Angebot an eine Studentin ist ein Professor der Universität Augsburg vor Gericht gelandet. Ein krasser Einzelfall? Mag sein. Er lässt dennoch tief blicken. Und Vorfälle wie dieser dürften so manche Studentin verunsichern.

Lästige Anmachen müssen Frauen immer wieder ertragen - auch auf dem Campus. Gerade an anonymen Massenunis werden sie selten von anderen bemerkt. Allein sind Betroffene jedoch nicht. Für sie gibt es Anlaufstellen, in denen geschultes Personal anonym berät und hilft.

Mancher Kommilitone sieht in der Uni die perfekte Flirtbühne. Annäherungsversuche können aber schnell nerven, wenn sie zu weit gehen. Dazu gehören nicht nur unerwünschte Berührungen, sondern auch anzügliche Bemerkungen oder Gesten. „Die meisten Belästigungen sind verbal”, hat Margit Weber beobachtet. Sie ist Frauenbeauftragte der Universität München. Wer sich durch „Blondchen”-Sprüche im Seminarraum erniedrigt fühlt, sollte das sofort ansprechen. Oft werde dem Gegenüber sein Verhalten dann erst bewusst.

Solche Sprüche mögen noch als Witz gemeint sein. Bei einem Klaps auf den Hintern hört der Spaß aber definitiv auf. „Hier gilt es, ein klares Nein zu äußern”, rät die Pädagogin. In jedem Fall müsse klarwerden, dass das Verhalten unerwünscht ist. Scherzhafte Bemerkungen seien dagegen uneffektiv und führten eher dazu, die Situation zu verharmlosen. Keinesfalls dürften Studentinnen es ignorieren, wenn andere aufdringlich werden. „Das wird häufig als Zustimmung gewertet”, erklärt Weber.

Genau diesen Fehler machen manche Studentinnen aber, wenn sie das Gefühl haben, vom Dozenten als mögliche „Beute” angesehen zu werden. So würden lästige Anmachsprüche des Betreuers mitunter verdrängt oder billigend in Kauf genommen, wenn eine Studentin ihre Examensarbeit schreibt, glaubt Anja Gadow vom Dachverband der Studentenschaften in Deutschland (fzs) in Berlin. „Da der Leistungs- und Notendruck hoch ist, trauen sich viele Betroffene nicht, gegen die Belästigung vorzugehen.” Problematisch sei zudem, dass der Lehrplan es oft nicht zulässt, bestimmte Dozenten zu meiden.

Häufig gehen Gadow zufolge Schuldgefühle und das Empfinden eines persönlichen Makels mit der emotional belastenden Situation einher. Denn Reaktionen wie „Du bist ja selbst schuld” seien nicht selten. „An der sexuellen Belästigung haftet immer noch ein Stigma.” Größer als die Angst, durchzufallen, sei für viele Betroffene der Gedanke, dass der Vorfall vom Dozenten geleugnet und ihnen von offizieller Seite nicht geglaubt wird, ergänzt Weber. Bekommen Studentinnen etwa aufdringliche E-Mails oder SMS-Nachrichten, sollten sie diese unbedingt aufbewahren und nicht etwa löschen.

Der eigene Freundeskreis ist laut Gadow ein wichtiger Ansprechpartner, um sich anzuvertrauen. Zudem sollten Betroffene eine Beratungsstelle aufsuchen. „Alle Gespräche können anonym geführt werden und unterliegen der Schweigepflicht”, erläutert Astrid Schäfer vom Deutschen Studentenwerk (DSW) in Berlin. Die Berater seien Psychologen mit therapeutischer Zusatzausbildung, die auch professionelle Hilfe vermitteln können. Im Gespräch gehe es zunächst darum, die eigene Situation zu schildern, um Frust, Scham und Angst loszuwerden. Unternommen werde erst mit Einwilligung der Betroffenen etwas.

Dann aber rigoros: Zunächst wird laut Weber mit dem Belästiger gesprochen, der sich zu dem Vorfall äußern muss. „Im Anschluss ist eine temporäre Suspendierung möglich, bis sich die Vorwürfe entkräften lassen”, ergänzt Volker Drothler, Leiter der Rechtsabteilung an der Universität Marburg. Dem Belästiger drohten arbeits- sowie dienstrechtliche Konsequenzen, mit einer Abmahnung sei es nicht getan.

Wahrscheinlicher seien im Schuldfall eine Versetzung oder gar die fristlose Kündigung. Studenten müssen mit der Exmatrikulation rechnen, Beamte zusätzlich mit einem Disziplinarverfahren. „In schweren Fällen wie Vergewaltigung, Nötigung oder Stalking droht zudem ein strafrechtlicher Prozess”, erklärt Drothler.

Die Angst, sich zu offenbaren, ist laut Weber dennoch hoch. Wer sich keine Hilfe sucht, habe aber später oft mit Ängsten und Depressionen zu kämpfen. Leistungseinbrüche im Studium oder soziale Isolation seien mitunter die Folge. Auch Männer kommen in die Beratung, sagt die Pädagogin, meist aber als Zeugen. „Wir sind dankbar über jeden, der etwas mitbekommt und es auch erzählt.”

Hilfe bei sexueller Belästigung

Studenten finden viele Anlaufstellen, wenn sie sich sexuell belästigt fühlen. Ein unverbindliches Gespräch bietet etwa die psychosoziale Beratung der Studentenwerke, die laut Schäfer in bundesweit 43 Städten angeboten wird. An der Uni München gibt es seit dem Sommersemester 2009 sogar eine spezielle Beratungsstelle für sexuelle Belästigung. Anlaufstellen sind aber auch das Frauenreferat der Studierendenausschüsse (Asta) sowie die Frauenbeauftragten, die es auch an einzelnen Fakultäten von Hochschulen gibt.
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