Am Ende bestimmen die Klausuren den Takt

Von: Thorsten Karbach
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Sie gehen ihren Weg: Phuong Lien Ta und Lukas Dörrie sind als Erstsemester an der RWTH Aachen unterwegs. Es ist eine aufregende Zeit, die sie erleben. Und eine lehrreiche. Nun stehen die ersten Klausuren in ihrem Studentenleben an. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Mit zwei Mathematikklausuren an einem Tag hatte Phuong Lien Ta nicht gerechnet. Aber so ein Studium ist weder für die 19-jährige aus Berlin, noch den 21-jährigen Lukas Dörrie aus Bad Arolsen in Nordhessen ein Wunschkonzert – auch wenn Posaunist Dörrie in der Big Band der RWTH Aachen musiziert.

Sieben Klausuren stehen für Phuong Lien Ta zum Finale ihres ersten Semesters an der RWTH Aachen an. Mathematik ist am 1. Februar erst der Anfang – und das an einem Samstag. Erst schreibt sie lineare Algebra, dann folgt Differential- und Integralrechnung. Klar hat sie längst angefangen zu lernen. Die erste Erkenntnis beider Erstsemester: So ein Studium ist schon eine andere Herausforderung als Schule und Abitur. Aber damit hatten sie dann schon auch gerechnet.

Sie sind zwei von mehr als 10.000 Erstsemestern, die Aachen seit Oktober ein Gesicht geben. Phuong Lien Ta studiert Wirtschaftsingenieurwissenschaften, Lukas Dörrie Umweltingenieurwissenschaften. Beide haben sich an der RWTH eingeschrieben – so wie mehr als 7351 andere junge Menschen. Rund 3000 neue Studierende zählt die Fachhochschule Aachen, mehr als 200 sind es an der katholischen Hochschule und dann gibt es auch noch die Neuen des Aachener Standorts der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. So viele waren es zusammengezählt noch nie. Aber es hat im Sommer eben auch der doppelte Abiturjahrgang in Nordrhein-Westfalen die Gymnasien verlassen.

Irritierender Moment

Es ist schon ein besonderer Anblick, wenn sich Phuong Lien Ta in der Vorlesung zu Rechnungswesen umdreht und fast 1000 andere Studenten sieht. „Das ist im ersten Moment schon irritierend“, erzählt sie. Die Regelgröße für Schulklassen liegt zwischen 18 und 30 Schülern. So eine Vorlesung wie Rechnungswesen besuchen nun mehr als 33 Mal so viele Studierende. „Eine riesige Umstellung“, findet Lukas Dörrie.

Ja, das ist es immer noch für die beiden Erstsemester. Und es gab auch Momente, an denen sie an ihrer Entscheidung zweifelten. Phuong Lien Ta überlegte zwischenzeitlich, ob ihr der Praxisbezug in ihren wirtschaftswissenschaftlichen Modulen nicht dermaßen fehle, dass sie nicht besser zu einem dualen Studium an einer Fachhochschule wechseln solle. Jetzt bleibt vor lauter Klausuren keine Zeit mehr für solche Gedanken: Am 7. Februar folgt Einführung in BWL, am 14. Februar Chemie, am 8. März Kristallographie (das ist die Physik der Kristalle), am 15. März Mechanik und dann abschließend Rechnungswesen am 25. März. Die drei Wochen Pause zwischen den beiden Klausurblöcken wird sie zum Lernen nutzen. Urlaub fällt im ersten Semester aus.

Auch Hobbymusiker Lukas Dörrie ist zwischenzeitlich mit seinem Studium aus dem Takt gekommen. „Ich hatte ein kleines Tief“, berichtet er. Er war zuhause, traf seine alten Freunde, alles Musiker. Sie gingen zu Konzerten, waren kreativ. In Aachen dann stand er beim Studententag im Museum nahezu alleine auf weiter Flur. Und so wuchs das Fragezeichen in seinem Kopf, ob das mit Aachen und den Umweltingenieurwissenschaften alles so richtig sei.

Das Fragezeichen ist mittlerweile weg: Es ist das Engagement in der Big Band der RWTH, das ihm die Antwort gegeben hat. „Es ist so gelaufen, wie ich es mir gewünscht habe“, sagt er. Bei der Wissenschaftsnacht gab es ein Konzert, zuletzt war er mit der Big Band im Aachener Jakobshof zu hören. Seitdem geben aber auch bei ihm die Klausuren den Ton an: Am 14. Februar schreibt er mit Phuong Lien Ta Chemie, es folgen die Prüfungen in Mathematik, Mechanik und Physik, und dann bleibt möglicherweise noch etwas Zeit, um ein paar Tage durch England zu reisen.

Es ist ein besonderes Semester aufgrund der Vielzahl von neuen Studierenden, die volle Hörsäle, volle Seminarräume und mehr Prüfungen denn je bedeutet. Aber Chaos auf den Fluren? Davon können die Erstsemester nicht berichten. Die Hochschulen haben sich an die sprichwörtliche Decke gestreckt. An der RWTH wurden 400 neue Stellen geschaffen und die Vorlesungszeiten ausgeweitet – von morgens acht bis abends acht Uhr. Die Auslastung beträgt 136 Prozent. An der FH liegt sie bei 150 Prozent im Durchschnitt, in einzelnen Studiengängen bei 180 Prozent. „Es ist kein völlig reibungsloses Semester. Unter normalen Rahmenbedingungen dürfte ich das gar nicht zulassen und müsste Studierende zurückweisen. Das tun wir aber ganz bewusst nicht“, hat RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg dieser Zeitung gesagt.

Semester der Superlative

Nicht reibungslos, aber doch ausgesprochen ruhig läuft das Semester der Superlative bisher. „Es läuft so geräuschlos, weil wir genug Zeit hatten, um uns auf diesen Jahrgang vorzubereiten, und dafür auch die nötigen finanziellen Mittel bekommen haben. Ich glaube, dass denen, die ihr Studium aufgenommen haben, klar war, dass sie mehr sind und enger zusammenrücken müssen“, erklärt FH-Rektor Professor Marcus Baumann. „Und so eine Solidarität, die führt auch dazu, dass missliebige Bedingungen, dass morgens um 8 Uhr angefangen werden muss und abends teilweise erst um 22 Uhr aufgehört wird, in Kauf genommen werden. Wir dürfen natürlich bestimmte Standards nicht aus den Augen lassen. Da knirscht es manchmal, aber das bekommen wir hin“, sagt Baumann. „Wir haben Kollegen, die machen sogar am Wochenende Vorlesungen. Und da muss ich sagen: Ganz großes Lob an alle. Das ist total schön und wird von den Studierenden angenommen.“

Andere Probleme sorgen für mehr Unruhe: Während Phuong Lien Ta eine Wohnung in den Studententürmen am Lousberg ergattern konnte, war Lukas Dörrie zunächst bis Januar zur Zwischenmiete untergebracht. Die Wohnungssuche in Aachen gestaltet sich immer noch schwierig. Nun wohnt er wieder zur Zwischenmiete – bis Juni. Der Wohnungsmarkt ist und bleibt trotz ehrgeiziger Kampagnen wie dem Programm „Extraraum“ angespannt.

Eingelebt haben sich die beiden Erstsemester in der neuen Umgebung aber definitiv. „Es ist alles aber noch ganz schön aufregend“, erzählt Phuong Lien Ta. In der täglichen Praxis ist die Theorie des Studiums eine ständige Herausforderung, gleichzeitig gilt es, sich selbst zu organisieren. Und das ist auch gut so. Das beste am Studium? „Selbstverwirklichung“, sagt die 19-Jährige. „Freiheit“, antwortet der 21-Jährige.

Doch so ein Studium bedingt auch viel Disziplin. In Mathematik hat Lukas Dörrie wöchentliche Tests, da bleibt er am Ball, trifft sich montags mit Kommilitonen bei sich in der Wohnung und büffelt. Doch in anderen Fächern müssen die Erstsemester ohne diese ständige Kontrolle dabei bleiben. „Da lernt man, von sich aus dranzubleiben“, erklärt Phuong Lien Ta. Und sie musste einsehen, dass bei ihr vor lauter Studium der Sport auf der Strecke blieb. Sie hatte sich sogar eine Badmintonkarte gekauft, auf dem Platz stand sie seitdem aber kein einziges Mal. „Das ist schon ein bisschen traurig. Aber ich hatte dafür einfach keine Zeit.“

Knapp ist die zwischen den Vorlesungen und Seminaren bemessen. Dienstags und donnerstags hat sie bis 11.45 Uhr Chemie im Audimax, um 12 Uhr beginnt dann Kristallogie an der Jägerstraße. Das ist am anderen Ende der Innenstadt. Ein sportlicher Stundenplan, aber die Hochschule hat keine Alternativen. Ohne die enge Taktung der Veranstaltungen ließe sich dieses Semester nicht organisieren.

In Chemie oder Rechnungswesen sitzen die Studierenden noch dazu mangels Plätzen auf den Treppen. Die TH kämpft wegen Problemen mit dem neuen Hörsaalzentrum, das weit später fertig wird, als geplant, mit dem Raumprogramm, muss jeden Quadratmeter maximal nutzen. „Der größte Kummer ist, dass wir zu wenige Hörsaalplätze haben. Daher haben wir die Vorlesungszeiten ausgeweitet. Und abends bleibt Studierenden wie Professoren wenig Zeit für kulturelle und gesellige Veranstaltungen, für das, was Universität auch lebenswert macht“, sagt Rektor Schmachtenberg.

Neue Freundeskreise

Etwa 12.000 Studierende zählt die FH, 40 375 sind es an der RWTH. Mehr als 600.000 sind es insgesamt in NRW. Was für beeindruckende Zahlen! Und jeder einzelne neue Student macht seine ganz eigenen Erfahrungen in einem komplett neuen Lebensabschnitt. „Die Uni gefällt mir insgesamt gut“, sagt Lukas Dörrie. Er hat – wie auch Phuong Lien Ta – einen neuen Freundeskreis aufgebaut, die Umgebung bereist, die kulturellen Möglichkeiten seines neuen Umfeldes entdeckt – auch wenn die ihn enttäuscht haben. „Auch zum Feiern ist es hier nicht so cool“, findet er. Noch dazu stehen seine Anlaufstellen Jakobshof und Musikbunker vor dem Aus. Aber Köln, Maastricht, auch Brüssel und Paris liegen von Aachen aus nah. „Da ist schon ganz viel Freiheit“, meint Phuong Lien Ta.

Für Lukas Dörrie ist auch der Weg nach Bad Arolsen nicht unendlich weit. Einige Wochenenden hat er dort verbracht. Es gab Geburtstage in der Familie, Konzerte mit den Freunden aus der Heimat. Berlin dagegen ist zu weit weg, um einfach mal übers Wochenende heim zu fahren. Und während viele neue Freunde Samstag auf Sonntag nach Hause fuhren, blieb Phuong Lien Ta meist in Aachen. „Ich konnte nicht spontan heim und habe dann auch mal Heimweh bekommen“, gesteht sie. Als sie ein Jahr in Shanghai – in Diensten des Goethe-Instituts – verbracht hatte, war ihr dieses Gefühl fremd. Aber da fuhr auch sonst niemand mal eben nach Hause. „Auch das gehört wohl zum Lernprozess des Studiums“, meint sie. Und so steht für beide fest: Sie haben schon vor den ersten Klausuren viel gelernt. Auch damit war zu rechnen.

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