Aachen - Als behinderter Student so viel Selbstständigkeit wie möglich

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Als behinderter Student so viel Selbstständigkeit wie möglich

Von: Martina Rippholz
Letzte Aktualisierung:
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Dank der Unterstützung von Marc Kuberna (links) und Eva Malecha (rechts) vom IbS kommt der schwerstbehinderte Dzenan Dzafic in seinem Informatikstudium an der RWTH gut zurecht. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Ich kann ja eigentlich nichts selbst. Außer Denken und Reden”, sagt Dzenan Dzafic. Das klingt hart. Und ganz schön bitter. Doch wenn Dzafic diesen Satz sagt, ist von Bitterkeit so gar nichts zu spüren. Nicht, weil es nicht stimmte. Es ist wahr: Er kann die meisten Dinge wirklich nicht alleine.

Vor allem solche, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind. Laufen zum Beispiel, sich waschen und anziehen oder auch schreiben. Für all diese Dinge braucht der 28-Jährige Hilfe.

Dzenan Dzafic ist schwerstbehindert. Er leidet an einer Lähmung in allen vier Extremitäten. Deshalb sitzt er im Rollstuhl. Und auch die Arme und Hände kann er nur sehr bedingt bewegen. Trotz dieser großen Einschränkungen ist Dzafic alles andere als verbittert. Ganz im Gegenteil. Er studiert an der RWTH im dritten Jahr Informatik. Im Sommersemester will er seinen Bachelor machen.

Es gibt nur sehr wenige schwerstbehinderte Studenten wie Dzafic in Aachen. Die Zahl solcher mit einer geringeren Behinderung oder einer chronischen Erkrankung ist allerdings weit höher. „Die letzte Erhebung aus dem Jahr 2006 lag bei 19 Prozent”, sagt Eva Malecha. „Darunter fallen alle mit äußerlich sichtbaren Behinderungen, mit psychischen Problemen, aber auch mit Krankheiten.” Rund elf Prozent fühlten sich im Alltag eingeschränkt.

Malecha ist studentische Angestellte bei der Interessenvertretung behinderter und chronisch kranker Studierender (IbS) des Asta, des Allgemeinen Studierendenausschusses. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Marc Kuberna - beide haben selbst eine Behinderung - bildet sie eine Anlaufstelle für eben solche Studenten. „Die meisten kommen, weil sie ihre Zeit bis zur Prüfung oder die Deadline für die Hausarbeit verlängern wollen”, erklärt Kuberna. „Das können sie beim Prüfungsausschuss beantragen, wenn sie wegen ihrer Erkrankung länger brauchen.”

Doch natürlich geht es bei der Asta-Stelle nicht nur darum. Sie berät behinderte und chronisch kranke Studenten in allen Fragen rund um das Studium. „Wir hören zu und gucken, wo wir helfen können”, sagt Malecha. „Oftmals sind wir Vermittler. Wir stoßen aber auch eigene Projekte an.” So gibt auf Anregung der IbS bald eine neue Kennzeichnung für Allergiker in den Mensen.

Dzenan Dzafic hat die IbS vor allem in den ersten beiden Semestern gebraucht. Damals war noch Malechas und Kubernas Vorgängerin Sandra Ohlenforst im Amt. „Sie hat mich am Anfang toll unterstützt”, erzählt der Student. „Einen Schwerstbehinderten wie mich gab es an der RWTH vorher nicht.” Die damalige Interessenbeauftragte verhalf Dzafic zu so viel Selbstständigkeit wie möglich. Er wohnt in einem von sechs behindertengerechten Studentenappartments. Durch Ohlenforst bekam er auch eine elektrische Tür, da er eine normale nicht alleine öffnen kann.

Heute ist Dzafics Alltag gut geregelt. Morgens gegen sechs Uhr kommt ein Pflegedienst. Dann holt ihn ein Assistent ab, der ihn durch den Tag an der Uni begleitet und bei den Hausaufgaben hilft. „Er ist auch Informatikstudent”, sagt Dzafic. „Für seine Leistung bezahlt der Landschaftsverband Rheinland.” Abends bringt ihn ein Zimmernachbar ins Bett.

Viel Unterstützung

Im Großen und Ganzen ist der 28-Jährige mit seinem Leben zufrieden. Er ißt gerne in der Pontstraße zu Mittag, er schafft den Bachelor fast in der Regelstudienzeit und von den Professoren und Kommilitonen erfährt er viel Unterstützung. „Ich renne überall offene Türen ein. Professoren haben schon oft meinetwegen die Vorlesung in einen anderen Saal verlegt, weil ich in den vorgesehenen nicht rein kam.”

Aber manches gefällt Dzafic nicht so. „Zwar hat sich in Sachen Barrierefreiheit schon einiges getan. Aber es gibt an der RWTH noch viele alte Gebäude, die nicht behindertengerecht sind”, sagt er. „Und manchmal muss ich für die Rampe große Umwege in Kauf nehmen.” Auch Malecha und Kuberna wissen, dass hier noch Nachholbedarf besteht. „Es geht aber nicht alles auf einmal. Stück für Stück müssen wir gucken, was möglich ist”, so Kuberna.

Die größten Einschränkungen sieht Dzafic allerdings in der Freizeitgestaltung. Er würde gerne häufiger auf Party im Stadtgebiet gehen. „Das ist aber oft schwierig, weil nicht auf Barrierefreiheit geachtet wird.” Er trifft sich daher mit Freunden meist Zuhause. Aber Dzafic ist zuversichtlich, dass sich auch in dieser Hinsicht noch was tun wird.

Die Interessenvertretung für behinderte und chronisch kranke Studierende befindet sich im Asta-Gebäude der RWTH Aachen, Turmstraße 3. Sie berät Studenten bei dem Antrag auf Befreiung von Studiengebühren, zu Nachteilsausgleichen bei Klausuren und Hausarbeiten, bei der Erstattung des Semestertickets und in Sachen Bafög-Sonderreglungen sowie Studienassistenz und Pflege. Die Sprechzeiten bei Eva Malecha und Marc Kuberna sind zu finden auf der Internetseite der Vertretung.
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