Aachener bringen den Weltraum nach Göttingen

Von: Thorsten Karbach
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Gegensätze ziehen sich an – oder werden von Architekten so zusammengefügt: Das neue Center of Mobile Propulsion an der RWTH besteht aus einem schlichten Kasten voller Technik (Motorenprüfstände) und einem sehr schwungvollen Büro- und Seminargebäude. Beide Teile müssen enorme Anforderungen erfüllen. Foto: Andreas Steindl
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Überragende Anforderungen durch die Wissenschaft: Das Aachener Büro Carpus + Partner hat den Neubau des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Göttingen verantwortet. Foto: Carpus+Partner
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Stellten sich den Anforderungen der Spitzenforschung: Sabine Schmidt und Boris Felsecker vom Kölner Architekturbüro Lepel & Lepel. Foto: Andreas Steindl
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Holten den Weltraum nach Göttingen: Heinz-Peter Frantzen (links) und Thomas Habscheid-Führer vom Aachener Büro Carpus+Partner. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Aachener Planer haben den Weltraum nach Göttingen geholt. Jedenfalls gibt es im neuen Max-Planck-Institut einen Raum, in dem sozusagen Weltraumbedingungen herrschen. Er ist zum Beispiel frei von jeglicher Aminosäure.

Denn Aminosäure ist Leben, und das findet sich zumindest auf dem Kometen Churymuov-Gerasimenko nicht. Er ist das Ziel der Weltraumsonde Rosetta (mit dem Lander Philae an Bord, dessen Daten im Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln ab dem 28. März erwartet werden), 800 Millionen Kilometer entfernt, und in Göttingen werten die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Zukunft die Signale aus, die Rosetta zur Erde ins ESA-Zentrum in Darmstadt sendet.

Verantwortlich für den dazu notwendigen 50-Millionen-Euro-Forschungsbau ist als Gewinner eines entsprechenden Wettbewerbs das Aachener Planungsbüro Carpus+Partner. „Das ist alles, aber kein Standard. Diese Gebäude planen zu können, war auch für uns ein Highlight“, sagt Projektverantwortlicher Thomas Habscheid-Führer.

Es war eine besondere Herausforderung. Keine Frage. Auf der einen Seite waren die Anforderungen für das Gebäude turmhoch. Es gibt Sonderfundamente mit Gummipolstern, um vollkommen schwingungslose Bereiche mit konstantem Raumklima zu schaffen. Die Messgeräte vor Ort sind derart empfindlich, sie würden in einem „normalen“ Gebäude schon von Schritten auf dem Flur beeinflusst. Es gibt hohe sogenannte Reinräume (partikelfreie Luftqualität), in denen ganze Satelliten aufgebaut werden können.

Auf der anderen Seite musste das Gebäude Ende Januar fertig sein. Nach 957 Tagen Flug war Rosetta aus einem energiesparenden Tiefschlaf geweckt worden. Und ihre Daten sollten natürlich direkt ausgewertet werden. „Es wäre peinlich geworden, wenn es nicht fertig gewesen wäre. Das Ziel hat dem Projekt letztlich gut getan. Es war ein ungewöhnliches Miteinander“, sagt Habscheid-Führer, der Bereichsleiter Architektur bei Carpus+Partner ist. Im April sollen – wie vorgesehen – die letzten Umzugskartons in die Büros getragen werden.

Optimal organisiert

Das Max-Planck-Institut zeigt, was gefordert ist. Da gibt es enorme Technik, die Laborbereiche müssen optimal organisiert sein. Wesentlicher Bestandteil ist eine neun Meter hohe „Ballonhalle“. Die Anforderungen insbesondere an das Schwingungsverhalten stiegen im Laufe des Projektes noch einmal an. „Die Wissenschaftler meinen das nie böse“, sagt Habscheid-Führer. Er kennt das bereits aus anderen Projekten. Aber dieses hatte so viele Seiten. In anderen Teilen des 20.000-Quadratmeter-Komplexes – angesiedelt um einen großen Innenhof – liegen neben Büros wiederum ein kleines Hotel und eine Kindertagesstätte. Die Kinder haben einen Spielplatz auf der Dachterrasse. „Es ist auch ein sehr kommunikatives Gebäude“, erklärt Habscheid-Führer. Wissenschaftler forschen eben nicht nur. Sie haben auch ein Leben.

Szenenwechsel: Kaum ein paar Steinwürfe von der Carpus-Zentrale in Aachen entfernt haben die Kölner Architekten aus dem Büro Lepel & Lepel für den Lehrstuhl für Verbrennungskraftmaschinen der RWTH ein nagelneues Forschungszentrum entworfen: das Center for Mobile Propulsion (CMP), in dem sich 16 Lehrstühle der RWTH zusammengeschlossen haben und insbesondere der Abgasausstoß von Autos erforscht wird. 41 Millionen Euro hat der Neubau gekostet, Bauherr ist der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW. Es ist öffentliches Geld, das verbaut wird. Und es ist klar: Mit den Anforderungen steigen die Kosten für solche Forschungsbauten – in Göttingen, Aachen und sonst wo.

Klar, das CMP, ist in erster Linie ein Hochschulgebäude. Aber eben eines in dem sich Deutschlands Automobilbauer die sprichwörtliche Klinke (dazu gleich mehr) in die Hand geben, weil hier in ihrem Sinne geforscht wird. „So ein Gebäude muss deswegen eine Wertigkeit haben“, betont Projektleiter Boris Felsecker. Und mit der müssen Lepel & Lepel überzeugt haben, als sie 2007 in einem Architekturwettbewerb als Sieger hervorgingen. 2008 begann die konkrete Planung – in enger Zusammenarbeit mit den Ingenieuren vor Ort, schließlich musste alles auf die zukünftige Nutzung abgestimmt werden. 2010 begannen die Bauarbeiten. Weil aber erst noch Frösche umgesiedelt werden mussten, war die Versuchshalle 2012 und der Verwaltungsbau erst 2013 fertig.

Das Ergebnis ist eine Art Komposition der Gegensätze, die da ein denkbar passendes Bild abgibt. Die Versuchshalle ist eine dunkle Festung mit Ecken und Kanten, der Bürokomplex ein geschwungenes Z, transparent, mit großer Leichtigkeit. Die Fassade ist aus Glas und Aluminium, die Architekten sprechen von einem Aushängeschild für den Lehrstuhl. Die Versuchshalle ist in erster Linie schwarz, im Bürokomplex mit seinen Seminarräumen und der Bibliothek das meiste weiß.

Ja, Gegensätze ziehen sich an – und in diesem Fall sind sie sogar miteinander verbunden durch einen Labortrakt. Wer den Bürokomplex betritt, der kommt in ein luftiges, großzügiges Foyer. Und wer genau hinschaut, der sieht, dass sich das große Z der Gebäudeform im Innern im Kleinen fortsetzt – bis hin zu den Türgriffen. So haben die Architekten viele kleine Ausrufezeichen gesetzt. „Wir wollten nicht an der Außenhülle aufhören“, sagt Sabine Schmidt von Lepel & Lepel, das 1993 von Monika und Reinhard Lepel gegründet worden ist.

Wer die Versuchshalle betritt, der ist zunächst einmal Forscher oder hat großes Glück. Denn die Experten vom Lehrstuhl für Verbrennungskraftmaschinen der RWTH Aachen sind in der Regel ihrer Zeit voraus, arbeiten sozusagen in der Zukunft und was dort auf die Straßen kommt, ist heute noch streng geheim. Zumindest so viel wird klar: Hinter den dicken Stahltüren kann es ganz schön laut werden. Motorenprüfstände eben.

Die bedeuten ganz viel Haustechnik und möglichst flexible Strukturen, damit sich Prüfstände verändern können. „Das ist für uns Architekten schon etwas Besonderes“, berichtet Felsecker. „Auf der einen Seite ist die Kraft, hier ist die Bewegung“, erläutert Felsecker den architektonischen Ansatz. Die Kraft wird dabei auch für die Bewegung genutzt: Die Abwärme der Motorenprüfstände kann teilweise das Verwaltungsgebäude wärmen. Aber die Funktionen der beiden Bauteile sind klar getrennt. Der Übergang zwischen beiden Gebäuden ist aber unübersehbar. Der Fußboden ist knallgelb. Es ist wie ein Signal: Achtung, gleich beginnt die Zukunft.

In Göttingen ist Rosetta in der Gegenwart der Forscher angekommen. Das Forschungsprojekt der Europäischen Weltraumorganisation ESA hat ein Budget von einer Milliarde Euro. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet. Das begeistert auch die Architekten und Planer aus Aachen. Klar. Carpus+Partner mit seinen mehr als 200 Mitarbeitern und Standorten in Köln, Frankfurt und Ulm plant mit dem Hannover Institut für Technologie und dem Ersatzneubau Experimentalphysik der Universität ähnlich maßgeschneidert für die Forschung. Diesmal geht es um Quantenengineering – quasi um „Die Vermessung der Welt“. Doch die Signale aus dem Weltraum landen letztlich in Göttingen. Projektleiter Thomas Habscheid-Führer sagt: „Wir haben hier schon die Grenzen des Machbaren ausgelotet. Das war auch für uns sehr spannend.“

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