Die Umschulung des Gladbacher Sturm-Bullen

Von Bernd Schneiders | 09.12.2011, 21:56

Mönchengladbach. Ketten sind so stark wie ihr schwächstes Glied - das gilt im Fußball nicht nur für Abwehrreihen. Bei Borussia Mönchengladbach hat Lucien Favre eine Zehner-Version installiert, obendrein unter zur Hilfenahme des Torhüters.
Dabei kommt ihm entgegen, dass Marc-André ter Stegen ein guten Fußballer und obendrein beidfüßig ist. Es ist eine Kombinationskette, die im Idealfall mit einer Berührung und flach den Ball zum Mitspieler bringt. Das sichert die Dominanz bei den Spielanteilen und bietet die Chance, den Gegner zu ermüden und im richtigen Moment den Risiko-Pass in die Tiefe zu spielen. Der Ballbesitz ist somit kein Wert an sich, sondern Mittel zum Zweck: wenig Torchancen zuzulassen, eigene zu kreieren und zu nutzen.

Nun gibt es aber Spieler wie Raul Bobadilla, die Fußball anders verstehen und verinnerlicht haben. Der argentinische Stürmer weiß um seine körperliche Stärke, und die versucht er, in ein Fußballspiel einzubringen. Das ist schwierig, wenn er den Ball sofort wieder abgibt. Denn der 24-Jährige braucht den Körperkontakt, die Einzelaktion, um sein sportliches Ego zu befriedigen. Damit ist er in der Regel nicht der Liebling der gegnerischen Abwehrspieler. Bei der Frage nach unangenehmen Kontrahenten rangiert «Boba» ganz weit oben mit dem Urteil: «Der tut weh!»

Favres Lehrstunden

Dies Draufgängertum aber ist Gift für die Kombinationsvorgabe seines Trainers, zumal wenn er bei seinen Durchbruchversuchen oft auch noch die Räume, die sich durch das schnelle Passspiel geöffnet haben, wieder zuwuchtet. Das Spiel am letzten Samstag gegen Borussia Dortmund zeigte diese Pro-blematik, aber auch, dass die Lehrstunden eines Lucien Favre auch am mitunter störrischen Argentinier nicht spurlos vorübergehen. «Ich versuchen, die Spieler zu verbessern. Das geht nicht in einer Woche. Manchmal dauert es mehr als ein paar Monate», zeigt sich der Schweizer öffentlich zumindest noch sehr geduldig. In einigen Wochen aber jährt sich der Unterrichtsbeginn des Borussen-Retters. Jetzt schon stellt ihm Favre ein Zwischenzeugnis aus: «Seinen Basis ist da. Manchmal spielt er schon mit wenigen Ballkontakten. Aber das muss öfter kommen», fordert der Fußballlehrer. Aber ist eine Umerziehung möglich, ohne den Stürmer-Bullen seiner Stärke zu berauben? «Wenn er öfter den Ball abgibt, ist es besser für ihn.»

Dabei meint er eigentlich einen torgefährlichen Durchbruch, aber in Gemeinschaftsarbeit. In einem anderen Ton als den freundlichen, den der Schweizer so meisterhaft beherrscht, bekäme die Schlussfolgerung allerdings eine andere Bedeutung: eine noch zart verpackte Drohung. «... besser für seine Zukunft in Mönchengladbach». Denn Fakt ist, Bobadilla war bereits da, als Favre kam. Eher unwahrscheinlich, dass der 54-Jährige ihn geholt hätte. Das sagt der Schweizer natürlich nicht, sondern: «Ich bin mit unserem Kader zufrieden.»

Das heißt schon etwas angesichts seiner hohen Ansprüche. Den Schlüssel für die Metamorphose vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan vom Niederhein hat Favre öfter genannt: «Intelligente Spieler.» Heißt, vor allem auch lernfähig. Dabei geht es nicht um den «gemeinen» IQ, sondern um Fußball-Intelligenz. Auch dabei gibt es Spätentwickler. Die Chance für Raul Bobadilla. Zumal Favre in seinen Ansprüchen und Urteilen auch entwicklungsfähig ist. Wie etwa im Fall von Mathew Leckie. Das 20-jährige Stürmer-Talent war von Max Eberl verpflichtet worden und hatte Favre nicht ad hoc überzeugt. Inzwischen aber ist klar: Der Australier bringt neben einer Bobadilla ähnlichen Körperlichkeit eine ausgefeilteTechnik mit, könnte bald der bessere Bobadilla sein.

«Ich bin wieder da. Ich habe gezeigt: Ich will spielen», beurteilte der Argentinier seine Leistung im Duell mit dem BVB, die in der Vorlage zum 1:1 gipfelte. Am Samstag in Augsburg kann und muss er erneut beweisen, dass er anpassungsfähig ist an das Spielsystem seines Trainers. Igor de Camargo sitzt erst mal auf der Bank. Auf die muss Bobadilla auch wieder - spätestens wenn Marco Reus wieder zurück ist. Und auf die Schulbank sowieso.

Lucien Favre kann am Samstag in Augsburg nicht seine Elf vom Remis-Erfolg gegen Borussia Dortmund auflaufen lassen. Harvard Nordtveit konnte wegen seiner Prellung im Sprunggelenk am Freitag beim Abschlusstraining nicht teilnehmen. Rechtsverteidiger Matthias Zimmermann (Sprunggelenk) steht dagegen wieder im Kader, ebenso wie Igor de Camargo (Rückenprobleme) und Stürmer Yuki Otsu (Erkältung).

Die Heilung bei Marco Reus (Zehenbruch) macht weiter Fortschritte. Ein Comeback übernächsten Sonntag gegen den FSV Mainz scheint immer realistischer zu werden.

Beim FC Augsburg droht Torjäger Sascha Mölders auszufallen. Der schnelle Stürmer, vor dem Lucien Favre warnte, konnte zuletzt grippekrank nicht trainieren. Eine Entscheidung über seinen Einsatz soll erst am Spieltag fallen.

Voraussichtliche Aufstellung: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dante, Daems - Marx, Neustädter - Herrmann, Arango - Hanke, Bobadilla



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