Electro Spiderman Kino Freisteller

Wie ein Handy-Fan von Wolke Sieben fiel

Von: Marc Heckert
Letzte Aktualisierung:
netzt-phone7-bu
Stein des Anstoßes: Vier solcher Fotos (die Gesichter der Abgebildeten haben wir verfremdet) auf Dirk Salms Web-Konto waren Auslöser, ihm mit Zugangskündigung zu drohen. Foto: Marc Heckert

Aachen. Von seinem brandneuen Windows Phone war Dirk Salm begeistert. Vor allem die Verknüpfung des Edel-Handys mit Programmen und Funktionen im Internet faszinierte den Aachener Fotografen. Bis ihm in der vergangenen Woche der Zugang zu diesen Web-Inhalten gesperrt und mit Kontokündigung gedroht wurde.

Zu seinem Erstaunen erfuhr Salm, dass einige seiner Bilder gegen Microsofts Geschäftsbedingungen verstoßen hätten. Nun wundert sich der 42-Jährige, dass seine Daten, die er für privat hielt, anscheinend durchleuchtet wurden. „Was ist mit Datenschutz?”, fragt er.

Von der „Cloud”, der Wolke, wird gesprochen, wenn Software und Inhalte nicht auf dem Computer oder Handy des Andwenders liegen, sondern auf Rechnern im Internet - der „Wolke”. Auch Dirk Salms Gerät, das erst seit Ende Oktober erhältliche HD7 von HTC mit dem neuem Betriebssystem Windows Phone 7 funktioniert so: Kontaktadressen, Terminverwaltung und sonstige Daten des Nutzers synchronisieren sich ständig mit den Servern von Microsoft und sind so auch von jedem onlinefähigen PC zu verwalten. Windows Live heißt dieses System, zu dem auch eine Skydrive genannte virtuelle Festplatte sowie Fotoalben gehören.

Virtuelle Festplatte zur Datensicherung

Auf eben jene Alben konnte Salm am vergangenen Mittwoch plötzlich nicht mehr zugreifen. Erst drei Wochen zuvor hatte er das schicke Multifunktionsgerät erworben und sich sein Windows-Live-Konto im Netz eingerichtet. Die virtuelle Festplatte hatte er als als Backup genutzt - zur Datensicherung.

Eine Begründung für die Zugangsbeschränkung gab es zunächst nicht. Erst nach Beschwerden bei der Microsoft-Hotline bekam er per E-Mail eine Erklärung: Vier Fotos in einem seiner Alben hätten gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen - wegen „Nacktheit”. Lösche er sie nicht binnen 48 Stunden, drohe ihm Sperrung seines Zugangs.

„Das waren künstlerische Teil-Akt-Bilder aus dem Studio”, ärgert sich der Fotograf, der sich unter anderem auf Motive in historisierender 50er-Jahre-Optik, Tieraufnahmen und Aachen-Ansichten spezialisiert hat. „Da sieht man ja schon im Nachmittagsfernsehen mehr Haut.” Dass Microsoft rein juristisch wohl im Recht gewesen sei, räumt er ein: „Sicher hätte ich die AGB lesen sollen.” Einem zahlenden Kunden deshalb unvermittelt den Zugang zu Daten und Programmen zu sperren, hält er trotzdem für völlig überzogen. Denn ohne „Cloud”-Anbindung sei das über 500 Euro teure Handy praktisch nutzlos.

Doch mehr noch als die für ihn schwer nachvollziehbare Begründung ärgert ihn, dass Inhalte, die er für privat und geheim gehalten hatte, offenbar kontrolliert und untersucht werden. Salm, der als Fotojournalist auch für unseren Verlag tätig ist, fühlt sich als gläserner Kunde. Und fragt: „Wie sicher sind denn meine sonstigen Daten bei Microsoft?” Er sieht seine journalistischen Kontakte, Termine, Telefonnummern und Fotos in Gefahr, von Firmenmitarbeitern ausgelesen zu werden.

In der Microsoft-Zentrale in Unterschließheim vermutete man am Montag auf Anfrage hinter der Teilsperrung von Salms Konto eine Panne. „Ich gehe davon aus, dass es sich um einen technischen Fehler gehandelt hat”, sagte Pressesprecherin Miriam Kapsegger. Der Windows-Skydrive sei seit anderthalb Jahren im Angebot, ohne dass ähnliche Beschwerden aufgetreten seien.

Der Fall werde bereits von der für Windows Live zuständigen Abteilung in der Microsoft-Konzernzentrale in Redmont in den USA untersucht. Ob Microsoft Nutzerdaten analysiert, war zunächst nicht in Erfahrung zu bringen.

Eine komplizierte Rechtslage

Darf ein Anbieter von „Cloud”-Dienstleistungen private Nutzerinhalte überhaupt untersuchen? Die rechtliche Lage sei kompliziert, sagt Michaela Zinke, Referentin für Verbraucherrechte in der digitalen Welt beim Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. Die „Cloud”- Thematik sei einfach noch zu neu. Einen Tipp hat sie dennoch: „Ich würde jedem Verbraucher raten, die jeweiligen AGB gründlich durchzulesen und sich nach Anbietern umzusehen, bei denen man die Hoheit über seine Daten hat.”

Microsoft setzt große Hoffnungen in sein neues mobiles Betriebssystem Windows Phone 7: Es soll der Konkurrenz von Apples iPhone und den Android-Handys endlich etwas Gleichwertiges entgegensetzen. Ob das gelingt, wenn sich Kunden durchleuchtet fühlen?

Am Freitag war Salms Zugang zu Windows Live wieder freigeschaltet, nachdem er die beanstandeten Bilder gelöscht hatte. „Sonst hätte ich das Gerät auch bei Ebay verkauft und mir wieder ein Android-Handy geholt. Da hatte ich keine Probleme mit Datenschutz.” Seine Freude am neuen Smartphone hat aber einen ziemlichen Dämpfer erlitten. Salm ist sozusagen von Wolke Sieben gefallen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.