Wie das Smartphone Sehbehinderten hilft

Von: Daniel Gerhards
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Apps für Sehbehinderte helfen auch bei ganz einfachen praktischen Dingen des Alltags: Eine Anwendung erkennt zum Beispiel die Farben von Kleidung. Symbolbild: dpa Foto: dpa
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Apps erleichtern den Alltag: Bernd Neuefeind lässt sich Mails vorlesen, diktiert Texte und nutzt ein Navigationssystem für Fußgänger. Damit bleibt der Sehbehinderte selbstständig. Foto: Daniel Gerhards

Aachen. Wenn Bernd Neuefeind auf die Oberfläche seines Smartphones tippt, dann könnte man meinen, dass sich gar nichts tut. Denn das Display des Geräts ist schwarz. Er streicht mit einem oder zwei Fingern über das Display, tippt einmal oder doppelt drauf. Jede dieser Gesten hat eine andere Bedeutung. Obwohl der Bildschirm schwarz bleibt, tut sich etwas. Neuefeind, 64 Jahre, ist sehbehindert.

Seit sieben Jahren ist er so gut wie blind. Sein iPhone kann er trotzdem bedienen – und wie. Das Gerät erleichtert ihm das Leben enorm. Er diktiert, lässt sich herumführen und Texte vorlesen.

Neuefeind verbindet mit seinem Smartphone ein „Freiheitsgefühl“. Dadurch bleibt er trotz seiner Behinderung selbstständig. Dank der Funktionen und Apps ist er nur selten auf die Hilfe von sehenden Menschen angewiesen. Erste Voraussetzung dafür ist die Voice-Over-Funktion des Betriebssystems. Das bedeutet, dass das Handy mit ihm redet, es kommentiert sozusagen jeden Befehl, den Neuefeind eingibt.
Mit seinem Smartphone kann Neuefeind weiter mit Texten arbeiten. Jede E-Mail, die er bekommt, jedes Textdokument, das den Nachrichten anhängt, kann er sich vorlesen lassen. Und Neuefeind nutzt diese Möglichkeiten intensiv.

Er hat viele Ehrenämter. Er arbeitet zum Beispiel im Landesverband des Bunds zur Förderung Sehbehinderter, in der Landesarbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen, im Inklusionsbeirat des Landes NRW. Er ist auch im Vorstand des Vereins zur Förderung Sehbehinderter Aachen, des Blinden- und Sehbehindertenvereins der Städteregion Aachen. 2010 gründete er den Treffpunkt Sehen für berufstätige Sehgeschädigte. Er hat noch einige weitere Ämter. Das bedeutet, dass er Einladungen, Tagesordnungen und Gesetzestexte kennen muss. Lesen kann er sie nicht. Also lässt er sich die Texte vorlesen. Gäbe es diese Funktion nicht, müsste er sich alle Texte ausdrucken und sie Seite für Seite auf ein Gerät legen, das sie wieder einscannt, bevor er den Text irgendwann zu hören bekommt.

Also ist die Funktionsweise des Smartphones eine riesige Erleichterung für ihn. Auch wenn noch nicht alles rund läuft. Neuefeind öffnet ein Dokument. Ein Gesetzestext, den er für eine Sitzung des Inklusionsbeirates durcharbeiten muss. Das Dokument hat 72 Seiten. „Wenn ich zwischendurch auf irgendeiner Seite aufhöre, dann ist es schwierig, beim nächsten Mal wieder an dieser Stelle anzufangen“, sagt er.
Texte zu schreiben ist auch kein Problem. Neuefeind greift dafür nicht zu Stift oder Tastatur – er diktiert.
Ohne sein Smartphone würde sich Neuefeind abgeschoben fühlen. Seine vielen Ehrenämter könnte er wohl kaum ausüben. Aber er legt viel Wert darauf, weiter arbeiten zu können: „Ich bin ja nicht dümmer geworden, seit ich blind bin“, sagt er. Er muss eben hören statt sehen.

Weil die Smartphone-Anwendungen immer besser werden, sitzt Neuefeind nur noch sehr selten an seinem PC, er nutzt fast ausschließlich sein Smartphone. „Früher war mein PC jeden Tag an. Jetzt benutze ich ihn auch mal zwei Monate lang gar nicht“, sagt er. Man müsse das Smartphone nur sehr selten an den Rechner anschließen, seit es die iCloud gibt eigentlich gar nicht mehr.

Für Blinde und Sehbehinderte gibt es zusätzlich zur Vorlesefunktion noch einige andere hilfreiche Smartphone-Programme. Navigations-Apps für Sehbehinderte können zum Beispiel wesentlich mehr als ein Navigationssystem für Autofahrer. Sie sagen ihren Nutzern, wann sie Straßen überqueren müssen und vor welchem Geschäft sie sich gerade befinden. „Da bekommt man alle Informationen, die man braucht, wenn man nicht im Auto unterwegs ist“, sagt Neuefeind.

Die Apps helfen auch bei ganz einfachen praktischen Dingen des Alltags: Eine Anwendung erkennt zum Beispiel die Farben von Kleidung. So können auch Blinde selbstständig Hemd, Pullover, Hose und Socken in zueinander passenden Farben anziehen.
Und auch, wenn er einen Gegenstand in der Hand hat, hilft ihm die Technik dabei, zu erkennen, worum es sich handelt. Er hat einen Handscanner, der über Bluetooth mit seinem iPhone verbunden ist. Eine seiner Apps erkennt so, welches Buch, welchen Aktenordner oder welchen Joghurt er in der Hand hält. „Das ist auch beim Einkaufen hilfreich, bei vielen Produkten bekomme ich auch gleich die Information, wie teuer es ist“, sagt er.

Ein paar Probleme gibt es aber doch: Es gibt Apps, bei denen die Voice-Over-Funktion nicht funktioniert. Und eigentlich müsste in jeder App auch jede Abbildung und jedes Icon beschrieben sein. Das sei noch nicht immer so.

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