Aachen - Von digitalen Eingeborenen und Einwanderern

Von digitalen Eingeborenen und Einwanderern

Von: Amien Idries und Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:
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Alle tummeln sich im Netz: Auf Jugendliche übt das Internet einen besonders starken Reiz aus. Foto: imago/imagebroker

Aachen. Eigentlich ist das, was Werner Pantke zu erzählen hat, nicht mehr als eine Anekdote aus dem Alltag eines Lehrers. Doch sie verdeutlicht die Kluft, die sich auftut, wenn es um das Thema Internet geht. Speziell, wenn es um den Umgang von Kindern und Jugendlichen mit den Neuen Medien geht.

Pantke, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist Lehrer an einem Berufskolleg in unserer Region und unterrichtet in einem Klassenraum, in dem der Handyempfang stark eingeschränkt ist. Das hat zur Folge, dass die anwesenden Schüler seinem Unterricht besser folgen, weil sie weniger abgelenkt sind. Aber es gibt auch Schüler, die sich weigern, in dem vom digitalen Nachrichtenstrom abgeschnittenen Raum unterrichtet zu werden. „Eine Schülerin hat mir das genauso gesagt“, erzählt der Mittfünfziger.

Daran, wie jemand auf diese Anekdote reagiert, lässt sich erkennen, auf welcher Seite der oben beschriebenen Kluft er oder sie steht. Da gibt es die, die es völlig in Ordnung finden, dass Schüler auch während des Unterrichts online sind. Auf der anderen Seite jene, die den Kopf schütteln und so etwas wie „wo soll das alles nur hinführen“ murmeln. Dass es diese Kluft überhaupt gibt, liegt vor allem daran, dass es Computer, Internet & Co. noch nicht lange gibt. Deshalb hängt die Frage, welcher der beiden Gruppen man angehört, vor allem vom Alter ab.

Digitale Eingeborene („digital natives“) nannte der amerikanische Pädagoge Marc Prensky 2001 die Menschen, die von klein auf mit Computern, dem Internet und Mobiltelefonen aufgewachsen sind. Bei ihnen führt diese allgegenwärtige Ausstattung und die massive Interaktion damit laut Prensky zu einem anderen Denken, vor allem zu einer fundamental anderen Art, Informationen zu verarbeiten. Für die Eingeborenen sei es selbstverständlich, sehr schnell an Informationen zu kommen und viele mediale Aktivitäten parallel auszuüben (Multitasking).

Den Eingeborenen stehen in Prenskys Modell die Einwanderer („digital immigrants“) gegenüber. Das sind alle vor etwa 1970 Geborenen, die noch drei TV-Programme und den Sendeschluss kennen. Sie müssen sich die digitale Welt erst erarbeiten. Sie drucken einen Text aus, um ihn zu bearbeiten, zeigen Kollegen an ihrem Bildschirm eine Homepage, anstatt den Link zu verschicken und können sich nicht vorstellen, dass man gleichzeitig Musik hören, chatten und lernen kann.

Folgt man Prensky, so könnte man überspitzt von einem Kulturkampf zwischen jungen Eingeborenen und älteren Einwanderern reden. Ein Kampf, bei dem die Jungen einen weitgehend positiven Blick auf die Möglichkeiten des Internets haben, während die Älteren sie ständig „nerven“ und vor Suchtgefahr, gewaltverherrlichenden Computerspielen und Cybermobbing warnen. Ein Kampf, der vor allem auf Seiten der Einwanderer von einem hohen Maß an Verunsicherung geprägt ist.

Digitale Demenz

Die Elterngeneration ist es nämlich, die als Anwalt ihrer „eingeborenen“ Kinder, Chancen, aber vor allem Risiken der neuen Technik einschätzen sollen. Ein Medium, von dem sie in der Regel weniger Ahnung haben, als die zu schützenden Kinder, weil es sich rasend schnell verändert. Sowohl was das Nutzungsverhalten der User angeht als auch im Hinblick auf die technischen Endgeräte und Übertragungswege. Die Eltern haben gerade erst verstanden, wie „Schüler-VZ“ funktioniert, da ist das Netzwerk bereits wieder auf dem absteigenden Ast und die Kinder toben sich bei „Pinterest“ oder „Spotify“ aus. Diese Schnelllebigkeit erklärt auch die unzähligen Studien, die im Wochentakt auf die Nutzer einprasseln und aufgrund der Fülle der Daten und sehr unterschiedlicher Befunde eher verunsichern als aufklären.

Deshalb wundert es nicht, dass der Kulturkampf nicht nur zwischen den Eingeborenen und den Einwanderern, sondern auch innerhalb der Elterngeneration tobt. Auch darum, ob und ab wann die Neuen Medien in der Schule eingesetzt werden sollten. Ein besonders düsteres Bild zeichnet beispielsweise Manfred Spitzer, dessen Buch „Digitale Demenz“ sich seit August 2012 in den Top Ten der Bestsellerlisten hält. Der Psychiater, dem die FAZ analoge Arroganz vorwirft, warnt vor Computern, weil sie süchtig, einsam und dumm machen und würde am liebsten alle Bildschirme, digitale Tafeln und Internetanschlüsse aus den Lehranstalten verbannen. Medienpädagogik, die er frühestens in der Oberstufe für sinnvoll hält, sei nichts anderes als das Anfixen der Kinder.

Dem gegenüber stehen Experten, die Spitzers Forderungen für unrealistisch halten und stattdessen dafür plädieren, Kindern auch in der Schule möglichst früh einen mündigen Medienumgang beizubringen. Medienkompetenz ist das Stichwort, das übrigens 1996 zum Wort des Jahres gewählt wurde, woran sich erkennen lässt, dass der hier beschriebene Konflikt nicht ganz so neu ist.

Aber auch hier gibt es Unterschiede. Während beispielsweise Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Medienerziehung in der Schule erst ab dem Alter von zehn Jahren empfiehlt, hält der Medienpädagoge Stefan Aufenanger einen begleiteten Computereinsatz für die sprachliche und kognitive Entwicklung bereits ab dem Kindergartenalter für sinnvoll.

Die Politik scheint sich im Gegensatz zu den Experten festgelegt zu haben. So entwickelte etwa das Bundesfamilienministerium die Kampagne „Ein Netz für Kinder“ und das NRW-Schulministerium bietet mit mehr als 800 Grundschulen den „Medienpass NRW“ an. Kinder sollen von Beginn an in den Klassen den Umgang mit Computer und Internet erlernen. „Da der Unterricht fachbezogen stattfindet, ist auch die Medienkompetenz fachbezogen im Unterricht verankert“, teilte das NRW-Ministerium auf Anfrage unserer Zeitung mit. Das bedeutet: In Mathe ebenso wie in Deutsch, Erdkunde oder Geschichte. Entsprechend würden die Lehrer ausgebildet, um Medienkompetenz „didaktisch sinnvoll“ in den Unterricht zu integrieren.

Alles klar, also? Nicht ganz. Fragt man nämlich Herrn Pantke, dann werden die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis deutlich. Die technische Ausstattung an seiner Schule sei hervorragend, lobt Pantke, der sich selbst als internetaffin bezeichnet und Computer gerne in seinen Unterricht einbindet. Allerdings gebe es Kollegen, die bei einer bloßen Facebook-Registrierung schon den „Untergang des Abendlandes“ vorhersähen und „ein Smartphone nicht von einer Nähmaschine“ unterscheiden könnten. „Die wissen überhaupt nicht, was da abgeht und sind dementsprechend nicht in der Lage, Chancen und Risiken zu vermitteln“, sagt Pantke.

Dafür macht er auch die Fortbildungspolitik der Schulbehörden verantwortlich. Die orientiere sich eher an realitätsferner Kuschelpä-dagogik. Außerdem fänden viele Fortbildungen in der Freizeit statt und die Kosten müssten oft selbst aufgebracht werden. Pantkes frustriertes Fazit: Medienpädagogische Arbeit in der Schule hänge viel zu sehr vom Engagement und dem Interesse des Lehrers ab.

Über beides verfügt Beate Ackens. Die 58-Jährige unterrichtet Theologie, Politik und Geschichte an der Aachener David-Hansemann-Realschule und „macht gerne Computersachen“. Sie ist viel im Internet unterwegs und bekommt mit, was ihre Schüler bewegt. So nahm sie beispielsweise den Suizid der 15-jährigen Amanda Todd auf, um in der Klasse über Cybermobbing zu reden. Auf die Frage, woher ihre Motivation stammt, sich in die neue Thematik einzuarbeiten, erzählt sie eine Anekdote von ihrem ersten Chef.

Das war zu Beginn der 80er Jahre, als Personal Computer gerade aufkamen, an ein flächendeckendes Internet oder Soziale Netzwerke aber noch nicht zu denken war. Der damals 61-jährige Direktor sagte der jungen Lehrerin Ackens: „Das sind die Neuen Medien, das müssen Sie können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Sie den Kontakt zu Ihren Schülern und Kindern verlieren.“

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