Vom Heimweh nach einem virtuellen Zuhause

Von: Sarah Sillius
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Der Computer war jahrelang Mer
Der Computer war jahrelang Merten Bartschs Zuhause. Der Aachener war süchtig nach Mini-Games und Strategiespielen. Selbst wenn er unterwegs war, sehnte er sich nach seinem PC. Mittlerweile hat er seine Sucht bewegt - und genießt wieder das echte Leben. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Manchmal, wenn Merten Bartsch (26) unterwegs war, verspürte er plötzlich den Wunsch, etwas abzuspeichern. Er sehnte sich nach seinem Zuhause. Merten Bartschs Zuhause war sein Computer. Denn Bartsch ist online- und computerspielsüchtig.

Mittlerweile hat er die Sucht im Griff. Zu schlimmsten Zeiten saß Bartsch bis zu 16 Stunden am Tag vor seinem PC. „Mein Computer war wie eine Wohnung”, sagt er. Wie in einer echten Wohnung verbrachte er dort aufregende und langweilige Zeiten. Wenn er Langeweile hatte, räumte er seinen Desktop auf, klickte sich durch seine Ordner. Wenn er etwas erleben wollte, dann spielte er.

Mini-Games und Strategiespiele, die zurzeit im Internet boomen, hatten es ihm besonders angetan. Spiele, in denen Bartsch eine Rolle annahm, suggerierten ihm Sicherheit, schnelle Erfolgserlebnisse und Belohnungen. Sie vermittelten ihm das Gefühl, ein Held zu sein. Sie gaben ihm das, was er in der wirklichen Welt vermisste. Von dem er glaubte, es nie als realer Held erreichen zu können. „Früher dachte ich: Du könntest jetzt etwas kochen oder in der gleichen Zeit ein ganzes Königreich aufbauen.” Noch vor zwei Jahren hätte sich Bartsch für das Königreich entschieden. Heute weiß er, dass es ein Fehler war, die Realität mit der Spielwelt zu vergleichen.

Einer von 560.000 Betroffenen

Bartsch ist einer von ungefähr 560.000 Deutschen, die als netz-abhängig gelten. Im vergangenen Monat hat die Universität Lübeck die Zahl der Betroffenen veröffentlicht. Einen besonders großen Raum nimmt der Studie zufolge die Online-Computerspielsucht ein. Merten Bartsch gehört zu den schweren Fällen. Experten sprechen in diesem Fall von pathologischem Internet- und Mediengebrauch. „Es ist aber noch keine anerkannte Erkrankung”, erklärt Kristina Latz von der Suchthilfe Aachen. Noch wird die Online-Sucht den sogenannten Impulskontrollstörungen zugeordnet. Die spezifischen Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Deshalb setzt sich mittlerweile auch Mechthild Dyckmans, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, dafür ein, dass die Internet-Sucht besser erforscht und als Krankheit anerkannt wird.

Auch David Müller (Name von der Redaktion geändert) ist süchtig nach Online-Spielen - und seit etwa zwei Jahren abstinent. Im Gegensatz zu Merten Bartsch möchte Müller (33) lieber unerkannt bleiben. Die Suchtgeschichten der beiden sind sich ähnlich. Ob es einen speziellen Charaktertyp gibt, der anfällig ist, ist bislang aber nicht bekannt. Müller glaubt, dass Probleme im Elternhaus eine zentrale Rolle spielen. Seine Eltern trennten sich früh, er zog oft um, fand nie richtig Anschluss, fühlte sich allein. Bartsch ging es ähnlich. In der Schule war er der Typ Außenseiter. Für beide wurde der Computer zum Rückzugsort.

Müller war einer der ersten Betroffenen, die sich an die Suchthilfe Aachen wandten. Weil es zu diesem Zeitpunkt noch kein anderes Angebot gab, wurde er zusammen mit Glücksspielsüchtigen in der Motivationsgruppe „Spielsucht” therapiert. Müller spielte allerdings nicht um Geld. Er spielte allein um des Spielens willen. „Bei mir war das ein schleichender Prozess”, sagt er. Als er noch ein Kind war, war das Spielen für ihn ein Zeitvertreib - wie für jeden anderen auch. Während seiner Studienzeit wurde es zur Sucht. „Ich habe ein Doppelleben geführt”, sagt er. Sobald Müllers damalige Freundin morgens aus dem Haus war, setzte er sich an den Computer. Kurz bevor sie heimkehrte, verließ er die Wohnung, und tat so, als würde er gerade erst von der Uni zurückkommen. Wenn sie schlief, schlich er wieder heimlich zum PC. Irgendwann quälte ihn sein schlechtes Gewissen. Er machte seiner Freundin ein Geständnis. Sie half ihm, versteckte das Netzteil, die Tastatur und die Maus im Schrank. Doch Müller knackte den Schrank regelmäßig. Er sorgte stets dafür, dass ein Hintertürchen offen blieb. „Es hätte ja sein können, dass ein Freund zu Besuch kommt und zocken will.”

Bartsch lacht, wenn er Müller reden hört. „Ja, die Hintertürchen kenne ich”, sagt er, und sein Lachen verstummt schnell wieder. Zu gut erinnert er sich an die eigenen Entzugserscheinungen. An die innere Unruhe, die ihn überall hin begleitete. „So, wie ein Junkie Geld sucht, um seine Sucht zu finanzieren, wollte ich immer mehr Zeit sparen, um Computer spielen zu können.” Es blieb keine Zeit mehr für so alltägliche Dinge wie Einkaufen, Kochen oder Aufräumen. Auch nicht für Freunde. Bartsch wurde immer unruhiger und schließlich depressiv. Erst als er merkte, dass er seine Ausbildung nicht mehr packen würde, machte es „Klick”. Wie Müller wandte er sich an die Suchthilfe Aachen. Weil ein kompletter und dauerhafter Internet-Entzug in der heutigen Zeit undenkbar ist, geht es um einen „kontrollierten Konsum”. Kristina Latz hat mit Bartsch einen Plan aufgestellt, der seinem Leben wieder Struktur geben soll. Sie nennt es Medien-Tagebuch. Unter der Woche darf Bartsch zwei Stunden im Internet surfen, am Wochenende drei. Im Buch hält er fest, was er im Netz gemacht hat. Die Aktionen werden einem Ampel-System zugeordnet.

Online-Games sind „rot”, eine E-Mail hingegen „grün”. „Hier ist die Gefahr niedriger als der Nutzen”, erklärt Latz. Müller, der damals die Motivationsgruppe besuchte, dachte nach einigen Therapiestunden, seine Sucht unter Kontrolle zu haben. Bis er anfing, sich selbst auszutricksen. Er stellte die Eieruhr auf 15 Minuten und erlaubte sich, in dieser Zeit Online-Poker zu spielen. Dann wurden es noch mal 15 Minuten. Wie in einem Zeitraffer waren plötzlich 12 Stunden vergangen. 12 Stunden, in denen Müller nichts gegessen und nichts getrunken hatte. „Ich habe sogar die ganze Zeit gefroren, weil ich nicht die Zeit dafür verschwenden wollte, zur Heizung zu gehen.” Der Rückfall schockierte ihn. Mit anderen Betroffenen gründete er eine Selbsthilfegruppe, zu der später auch Bartsch gehörte. Müller sagt, die Gruppe sei seine Konstante. „Sie erinnert mich daran, dass ich einmal ein großes Problem hatte.” Mittlerweile hat er all seine Spiele verkauft. „Das war ein sehr gutes Gefühl”, sagt er.

Die permanente Versuchung

Natürlich ist die Versuchung permanent da. Wenn die beiden im Internet unterwegs sind, und plötzlich ein Pop-up-Fenster mit einem Mini-Game auf dem Bildschirm auftaucht, fällt es ihnen schwer, auf das „x” zu klicken und das Spiel abzulehnen. Aber sie schaffen es.

Der Ehrgeiz ist inzwischen stärker als die Sucht. Die innere Unruhe bekämpfen sie beim Sport. Bartsch spielt jetzt Theater statt Online-Spiele. In einem sozialen Netzwerk ist er übrigens nicht angemeldet. Er ist ein Freund von echten menschlichen Kontakten, sagt er stolz. Bartsch und Müller sind umgezogen. Vom Computer in ein neues Zuhause. In ein Leben ohne Königreich, in eines, in dem es noch echte Helden gibt.

Beratungsgespräche und Selbsthilfegruppe

Beratungstermine bei Kristina Latz können telefonisch unter Tel. 0241/4134487210 oder per Email an latz@suchthilfe-aachen.de vereinbart werden.

Die Selbsthilfegruppe für Online- und Computerspielsucht trifft sich dienstags um 18 Uhr im Caritashaus, Raum 10, Herrmannstraße 14 in Aachen. Kontakt mit der Gruppe können Betroffene per Email an kontakt@sos-aachen.de aufnehmen.

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