Aachen - Twitter, Tauber, Thermomix: Das war der Online-Wahlkampf 2017

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Twitter, Tauber, Thermomix: Das war der Online-Wahlkampf 2017

Von: Marc Heckert
Letzte Aktualisierung:
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Collage: ZVA/H.-G. Claßen, Foto: colourbox, screenshots

Aachen. Zu sagen, dass Donald Trumps Paukenschläge – oder besser: Trompetenstöße – auf Twitter die US-Präsidentenwahl geprägt haben, ist nicht übertrieben. Ebenfalls nicht übertrieben ist es zu sagen, dass der Wahlkampf hierzulande derlei digitale Erdbeben etwas vermissen ließ.

Was von ihm im Gedächtnis bleibt, sind eine Reihe von eher mittelschlimmen Fettnäpfchen und Pannen, eine satirisch-feindliche Übernahme – und natürlich der Thermomix. Wir sind für Sie noch einmal durchs Netz gescrollt.

Ausgestiegen: Den Auftakt der Merkwürdigkeiten im Wahljahr 2017 markierte ein Abgang, nämlich der von Wolfgang Bosbach aus der Talkshow von Sandra Maischberger. Er ließ im Netz ein Meme erblühen, einen der bekannten Running Gags: Das Schlagwort #Bosbachleavingthings (Bosbach verlässt Dinge) wurde seitdem unter Dutzende von Bildcollagen gesetzt, in denen der CDU-Politiker unter anderem dem amerikanischen Sektor im damaligen Westberlin den Rücken kehrt, den G20-Krawallen von Hamburg oder dem „Letzten Abendmahl“ im Gemälde von Leonardo da Vinci. Wenn auch der Spontanaufbruch nicht unmittelbar mit der Wahl in Zusammenhang stand, wirkt er im Netz bis heute nach, wie sich im weiteren Verlauf dieser Liste zeigen wird. Bleiben Sie gespannt.

Angesagt: Martin Schulz sei klarer Sieger des TV-Duells gegen Angela Merkel, verkündete die SPD stolz in einer Google-Anzeige. Allerdings schon etliche Stunden vor dem Duell. Hellseherische Fähigkeiten seien nicht im Spiel gewesen, stattdessen sei einem Dienstleister ein peinlicher Fehler passiert, gab eine Sprecherin bekannt. Für diese Erklärung hatte die Netzgemeinde viel übrig, vor allem an Hohn und Spott.

Ausgedehnt: Mit seiner Wortschöpfung „Covfefe“ sorgte Donald Trump für Furore, als er vermutlich mitten im Twittern einschlief. Ob die Erfinder des überlangen Hashtags #fedidwgugl für die CDU-Wahlkampagne ganz wach waren, war bei deren Präsentation Gegenstand allgemeinen Zweifels. Der Wortwurm steht für das Motto „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Seismische Ausschläge der Begeisterung wurden in der Netzwelt nicht verzeichnet.

Abgewatscht: Ein Beben, wenn auch keines der Zustimmung, löste dagegen ein Tweet des CDU-Generalsekretärs Peter Tauber aus: Vollbeschäftigung sei besser als Gerechtigkeit, hatte er getwittert. Als ein Nutzer nachfragte: „Heißt das jetzt 3 Minijobs für mich?“, patzte Tauber zurück: „Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“ Nicht nur bei Minijobbern stieß der forsche Spruch auf noch forschere Resonanz, Twitterer Tauber tat Buße.

Abgenommen: Großer Coup des Satirikers Shahak Shapira und der Satire-Partei DIE PARTEI Anfang September: Ihnen war es gelungen, mehr als 30 geheime AfD-nahe Facebook-Gruppen mit rund 180.000 Mitgliedern zu übernehmen. Sie waren angeblich von zwei AfD-Mitgliedern aufgebaut und mit Hilfe von Bots – automatisierten Funktionen – verwaltet worden. Die Mitglieder erhielten automatisch Freundschaftsanfragen künstlicher Mitgliederprofile und wurden, so Shapira, mit „AfD-Werbung, Fake News und Hetze“ bombardiert. Nach der Übernahme fanden sich etwa Mitglieder von Gruppen wie „Heimat-Liebe“ in der „Hummus-Liebe“ wieder. Es darf bezweifelt werden, dass sich viele rechtskonservative Heimatfreunde für das pürierte Kichererbsenmus begeistern ließen.

Abgefahren: Ein Netz-Phänomen, das noch im Frühjahr die Netzwelt beschäftigte, spielte im Wahlkampf keine Rolle mehr: der „Schulzzug“. Die fröhlich-bunte Welle an Cartoons und Collagen, die den damals frisch aufgestellten Spitzenkandidaten zum Superhelden, Welten- und natürlich Wahlretter krönten, war schon im Frühsommer wieder restlos abgeebbt.

Angehängt: „Den Bosbach“ machte im September bekanntermaßen auch die AfD-Spitzenfrau Alice Weidel und marschierte aus der ZDF-Livesendung „Wie geht‘s, Deutschland?“. Die Netzgemeinde ließ sich diese Steilvorlage nicht entgehen, das Hashtag „#weidelleavingthings“ klebte unter einer größeren Zahl mehr oder minder munterer Bilderwitze. Darin flüchtete Weidel unter anderem aus der Bundesrepublik zurück in ihre Wahlheimat Schweiz. In einer weiteren Fotocollage wurde der frei gewordene Platz der AfD-Frau im Fernsehstudio umgehend wieder eingenommen – und zwar von Wolfgang Bosbach. Der Kreis schloss sich.

Angedreht: Ein Sieger des Wahlkampfes steht schon jetzt fest – der Küchen-Alleskönner Thermomix. Ein Tweet des Nutzers @Wankelmut war schuld: Er versah ein Foto des FDP-Vieleskönners Christian Lindner mit dem Text „Und jetzt kommt das beste, mit dem Thermomix können Sie wirklich ALLES zubereiten“. Flugs machten etliche weitere Bildbearbeiter den liberalen Spitzenmann unter dem Hashtag #ThermiLindner zum Haushaltsgeräteverkäufer – mit Sprüchen wie „Und wenn Sie heute zuschlagen, gibt es den zweiten Mixtopf gratis dazu!“

Fazit: Die wohl witzigste Aktion des Bundestagswahlkampfes 2017 im Internet drehte sich um einen Zubereiter für warme Mahlzeiten – soll noch jemand sagen, Politik bestehe nur aus heißer Luft.

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