Stunde der Selbstdarsteller: Wie deutsche Reporter vom Amoklauf twittern

Von: Martin Meuthen , ddp
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Frankfurt. Wer am Mittwoch den Fernseher oder das Internet als Informationsquelle genutzt hat, der konnte feststellen: In die Flut aus Bildern, Live-Berichten und Reportern vor Ort mischte sich zunehmend eine neue Art der Berichterstattung.

Der Mikro-Blogging-Dienst „Twitter” mit seinen kurzen, meist stichwortartig gehaltenen Meldungen, deren Inhalt in erster Linie die Gefühlslage ihrer Autoren widerspiegelte, wurde von fast allen großen deutschen Medien genutzt.

Die Online-Nachrichten mit ihren maximal 140 Zeichen schienen nach Ansicht verschiedener Journalisten und Wissenschaftler jedoch eher für die Befindlichkeiten der Autoren Platz zu bieten, weniger für sachliche Information.

Bei Twitter kann jeder persönliche Mitteilungen und vermeintliche Nachrichten verschicken. Das gilt für Schüler und Studenten genauso wie für Journalisten.

Unermüdlich berichtete auch „Bild.de” über seinen Twitterkanal. Auch als es von offizieller Seite nichts zu vermelden gab, hielt das Nachrichtenportal bei Twitter die „Live”-Berichterstattung aufrecht - unter anderem mit Nachforschungen im Kreis der Schüler. Ein Beispiel: „#Winnenden #Amoklauf Freund beschreibt Täter als ruhig und zurückgezogen. Wenig Freunde, viel Geld, schoss mit Waffen im Keller”.

Der Deutsche Journalistenband (DJV) forderte am Donnerstag, bei derart tragischen Ereignissen die sachliche Berichterstattung in den Mittelpunkt zu stellen. „Selbstinszenierung von Berichterstattern verträgt sich nicht mit der Unabhängigkeit der Medien”, erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken.

Eine Berichterstattung, die den Journalisten in den Vordergrund rücke, sei pietätlos und gehe über die Informationspflicht der Medien weit hinaus. „Der zunehmende Konkurrenzdruck unter den Medien darf nicht dazu führen, Nachrichten selbst zu produzieren, wenn es mal einige Minuten lang keine gibt”, so Konken.

Das Internetportal des Nachrichtenmagazins „Focus” richtete am Mittwochmorgen bei Twitter extra den Benutzernamen „Amoklauf” ein, um alle Nachrichten zu den Geschehnissen in Winnenden zusammenzufassen.

Aufgrund mehrerer Proteste, die den Benutzernamen als „pervers” betitelten, löschte die Online-Redaktion des Nachrichtenmagazins den Account bald und berichtete fortan unter der Kennung „FOCUSLive”.

Die Art der Berichterstattung änderte sich dadurch jedoch nicht. Einträge wie „Mehrere Einsatzwagen schießen an ”FOCUS-Online„-Reportern vorbei. #Amokläufer in #Wendlingen getötet. Drehen ab nach Wendlingen!” sollten den Lesern scheinbar unmittelbar am Geschehen teilhaben lassen.

„Dieser Gebrauch von Twitter mischt für mich auf das Unangenehmste die Beiläufigkeit dieses Mediums mit der Bedeutung der Ereignisse”, schrieb der renommierte Blogger Stefan Niggemeier auf seinem persönlichen Blog im Internet.

Zur Berichterstattung via Twitter gestand „Focus-Online”-Chefredakteur Jochen Wegner auf derselben Internetseite ein, dass man als Journalist auf einem schmalen Grat wandele. „Wir werden einen Weg finden, Twitter und andere soziale Netzwerke so zu nutzen, dass sie beidem gerecht werden - den Netzwerken selbst und den journalistischen Standards”, schrieb Wegner auf „stefan-niggemeier.de”.

In eben dieser Trennung besteht nach Meinung von Jo Groebel, Direktor des Deutschen Digital Instituts in Berlin, die Aufgabe der Journalisten. „Für den journalistischen Einsatz ist Twitter nicht mehr als eine zusätzliche Quelle”, sagte Goebel am Donnerstag dem epd. Die Stärke des Netzwerkes bestehe vor allem in der Spontanität und der nichtzensierbaren Meinungsäußerung. Journalistische Kriterien könne man bei Twitter jedoch nicht erwarten.

Twitter sei authentisch und ein Medium der Expression und Selbstdarstellung. „Mit einem Glückstreffer kann man da ab und zu auch mal ein echtes Faktum erwischen”, so Groebel. „Meiner Beobachtung nach war der Großteil der gestrigen Twitternachrichten aber belanglos.”
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