„Spotted“: Mehr Liebe auf den Campus!

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
spotted bibflirt
Hab dich: „Spotted“ bedeutet so viel wie „erblickt“. An vielen Hochschulen gibt es inzwischen Facebook-Seiten, auf denen Studenten anonym nach dem süßen Wesen neulich in der Mensa-Schlange suchen können. Auch in Aachen. Foto: imago/INSADCO, Screenshot: zva

Aachen. Manche sind nahezu poetisch: „Du besitzt eine wunderbare Ausstrahlung, die sowohl Kraft als auch Weisheit transportiert.“ Andere eher unterhaltsam: „Gesucht ist die Schönheit, die heute kurz vor 11 Uhr im Aldi am Alexianergraben einkaufen war. Als sich unsere Blicke beim Gemüse kreuzten, war es um mich geschehen.“

Diese teils amüsanten, meist aber durchaus ernst gemeinten Anzeigen finden sich auf der Seite „Spotted: RWTH Aachen University“ auf Facebook. Seit Anfang Januar ist die Seite online. Gut 4600 Menschen klickten seither bei Facebook auf den „Gefällt mir“-Button – und es werden täglich mehr.

Das Prinzip ist simpel: Den Traummann in der Mensa-Schlange gesehen und nichts gesagt? Bei der attraktiven Blondine im Seminar auch in der letzten Sitzung des Semesters nicht den Mund aufbekommen? Früher war die Uni-Romanze damit vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hatte. „Spotted“ will Abhilfe schaffen. Facebook-Nutzer können auf den „Spotted“-Seiten einen Suchaufruf starten und hoffen, dass der- oder diejenige die Botschaft liest und sich angesprochen fühlt.

Mit konkreten Angaben zum Äußeren, dem Zeitpunkt des Treffens und ein paar romantischen Floskeln („Dein wunderschönes Gesicht hat mich völlig aus der Fassung gebracht“) wird das Ganze an die Macher der Seite geschickt und nach einer kurzen Gegenprüfung anonym veröffentlicht.

Wer die virtuellen Liebespfeile in Aachen verschießt? Drei Studentinnen stecken hinter der Seite „Spotted: RWTH Aachen University“ und der Schwesternseite „Spotted: Aachen Nightlife“. Ihre Namen wollen sie allerdings nicht in der Zeitung lesen. Ihr Ziel: an der weitläufigen RWTH Menschen zueinander bringen. Rund zehn Nachrichten erhalten sie pro Tag. „Wir schauen immer, ob wir die Nachricht für unpassend oder fehl am Platz halten, damit niemand durch unsere Seite verletzt wird“, sagt eine der Betreiberinnen.

Das Phänomen „Spotted“ wurde allerdings nicht in Aachen erfunden. Der Trend schwappte vor einigen Wochen aus Großbritannien und Amerika nach Deutschland. „Spotted“ bedeutet übersetzt so viel wie „erblickt“ oder „erspäht“. Mittlerweile gibt es für nahezu alle größeren deutschen Hochschulen „Spotted“-Seiten. Und das Flirten ist nicht nur auf die Universitäten beschränkt, auch für romantische Begegnungen etwa im Wiener Nahverkehr oder im Münchener Nachtleben gibt es eigene „Spotted“-Seiten.

Aber was hat es mit der „Spotted“-Trendwelle auf sich? „Spotted ähnelt durchaus der alten Kontaktanzeige oder Aushängen, wie es sie früher am Schwarzen Brett der Universitäten gab“, sagt der Medienpsychologe Dr. Stephan Winter von der Universität Duisburg-Essen. „Aber es gibt eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit, dass es jemand liest, weil gezielter gesucht werden kann.“ Winter sieht „Spotted“ durchaus als Chance für schüchterne Menschen, die sich sonst nur selten trauen, jemanden direkt anzusprechen: „Die Hemmschwelle ist durch die Anonymität relativ niedrig.“

Allerdings ist „Spotted“ nicht vollkommen anonym. Thomas Spaeing, Vorstandsvorsitzender beim Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands, sieht die Sache mit Skepsis: „Aus datenschutzrechtlicher Sicht wird Spotted dann zum Problem, wenn die gesuchte Person identifiziert werden kann.“ Dies sei der Fall, wenn Leute die Suchanzeige kommentieren und dabei zum Beispiel den Namen der oder des Gesuchten preisgeben. Spaeing sieht hier jedoch nicht Facebook in der Pflicht. Sein Appell: „Die Leute müssen mit den Daten vernünftig umgehen und nur Informationen preisgeben, wenn sie wissen, dass der- oder diejenige das auch wirklich will.“

Ein weiterer Haken an „Spotted“: Jeder kann das Gesuch kommentieren und andere Facebook-Nutzer verlinken. So sollen Suchender und Gesuchte zueinanderfinden. Viele der Kommentare geizen nicht mit Häme und Spott. Mittlerweile sind als ironisches Pendant „Verspotted“-Seiten entstanden, die ebenfalls einen regen Zulauf verzeichnen.

Wenn sich jemand wiedererkennt und tatsächlich Interesse besteht, kann er die Betreiber der Seite kontaktieren, damit die Kontakt herstellen. Die Erfolgsquote? Unbekannt. Eine direkte Möglichkeit mit dem Liebessuchenden in Kontakt zu kommen, gibt es nicht. „Zu kompliziert“ findet Nik Myftari. Der Student aus Heidelberg betreibt mit vier Freunden die Seite www.bibflirt.de.

„Wir wollen das Flirten an der Uni revolutionieren“, sagt der 27-Jährige. Bescheidenheit klingt anders. Bibflirt funktioniert ähnlich wie die „Spotted“-Seiten bei Facebook, allerdings hat der Gesuchte die Möglichkeit, sich direkt per Kontaktformular an denjenigen zu wenden, der die Anzeige geschaltet hat. Von drei Paaren, die sich bisher über Bibflirt gefunden haben, kann Myftari berichten. Seit Anfang Januar ist die Seite online – über eine Leiste kann man seine Universität auswählen und die Flirtbotschaften durchstöbern.

Eine Zusammenarbeit mit den Betreibern einiger „Spotted“-Seiten läuft bereits, weitere sollen folgen. „Ich glaube, dass Studenten sehr gerne flirten und in der Bib oder der Vorlesung darf man ja nunmal nicht reden.“ Oft werde dann deshalb der entscheidende Augenblick verpasst. Myftari und seine Kommilitonen investieren viel Zeit in ihr „Baby“ Bibflirt. Wenig Schlaf, viel Arbeit. Und warum das Ganze? „Es soll mehr Liebe auf dem Campus geben“, sagt Myftari.

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