Nokia Lumia 800 im Test

Von: Manfred Bremmer
Letzte Aktualisierung:
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Das Nokia Lumia 800 soll den Finnen den Anschluss im Smartphone-Markt sichern und das mobile Microsoft-System Windows Phone aus der Bedeutungslosigkeit holen.

Aachen. Das Nokia Lumia 800 soll den Finnen den Anschluss im Smartphone-Markt sichern und das mobile Microsoft-System Windows Phone aus der Bedeutungslosigkeit holen. Kann das Gerät die hohen Erwartungen erfüllen?

Als erstes Ergebnis einer breit angelegten Partnerschaft mit Microsoft hat der finnische Handy-Riese Nokia nach nicht einmal neun Monaten sein erstes Windows Phone, laut Nokia-CEO Stephen Elop das erste Windows Phone, auf den Markt gebracht. Ein Schnellschuss oder der große Wurf? Die Computerwoche hat sich das Nokia Lumia 800 genauer angeschaut.

Falls beim Handy-Kauf der erste Eindruck der Entscheidende ist, kann das Nokia Lumia 800 hier voll punkten. Das Gerät hebt sich mit seinem aus schwarzem, cyan- oder magenta-farbenen Polycarbonat gefrästen Unibody-Gehäuse von der Masse an iPhone-Klonen ab. Wäre nicht das hierzulande wenig bekannte Meego-Gerät „Nokia N9” könnte man fast von einem einmaligen Design sprechen: Die Vorderseite besteht fast vollständig aus dem leicht gewölbten Bildschirm aus Gorilla-Glas, physische Tasten fehlen völlig.

Auf der Rückseite sitzt mittig in einer Chromblende angebracht die 8-Megapixel-Kamera von Carl Zeiss samt Doppel-LED-Blitz. Einen Akkudeckel sucht man vergeblich, der Akku ist fest verbaut. Mit seinen Abmessungen von 116 mal 61,2 Millimeter liegt das Smartphone auch gut in der Hand, auch die Dicke von 12,1 Millimetern stört nicht.

Den hochwertigen Eindruck trüben indes die seitlich angebrachten Tasten für Lautstärke, Ein/Aus und Kamera. Diese sind nicht nur scharfkantig, sondern ragen zudem noch gefährlich weit aus dem Gehäuse heraus. Auch Nokia scheint dieses Defizit - wenn auch zu spät - erkannt zu haben, weshalb dem Lumia 800 eine kostenlose Schutzhülle aus Gummi beiliegt. Auf diese Weise sind Jackentaschen oder die Tasten selbst vor Unfällen gefeit, das Smartphone verliert aber viel von seiner Eleganz.

Nicht ganz problemlos ist auch der mehr oder weniger ausgeklügelte Verschlussmechanismus auf der Oberseite. So muss man zum Einlegen der Micro-SIM-Karte erst kompliziert die Klappblende über dem Micro-USB-Slot öffnen und dann den Riegel für die Micro-SIM-Karte zur Seite schieben. Weigert sich der darunter sitzende Kartenhalter nach dem Einlegen in seine Ausgangsposition zurückzukehren, wird dies nicht nur für ungelenke Redakteursfinger zu einer echten Herausforderung.

Was die übrige Hardware angeht, hat es Nokia aufgrund der strengen Vorgaben von Microsoft nicht leicht, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Zu den Wettbewerbern zählen nicht nur iPhone 4 S und diverse Android-Boliden, sondern auch Windows Phones von anderen Herstellern, etwa das neu vorgestellte HTC Titan.

Immerhin ist das Lumia 800 mit seinem 1,4-GHz (Single-Core-)Prozessor von Qualcomm mit Hardware-Beschleunigung und Grafik-Prozessor noch in etwa auf Höhe der Zeit, was man in der Vergangenheit von etlichen Symbian-Handys - zumindest auf dem Papier - nicht behaupten konnte. Und auch in der Praxis reichen die Motorisierung und selbst 512 MB Arbeitsspeicher völlig aus, um mit Windows Phone 7.5 in jeder Lebenslage zurechtzukommen.

Zu den Highlights des neuen Nokia-Flaggschiffs gehört sicher das Amoled-Clear-Black-Display. Zwar rufen die Kernwerte mit 3,7 Zoll Bildschirm-Diagonale und einer Auflösung von 480 mal 800 Pixeln nicht gerade Begeisterungsstürme hervor. Das Display lässt sich aber selbst im Freien und bei direkter Sonneneinstrahlung gut einsehen.

Hervorzuheben muss man auch die Acht-Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Optik: Sie liefert gute, wenn auch nicht überragende Bilder und eignet sich besonders für mehrere Schnappschüsse hintereinander. Videos schießt das Lumia 800 aber „nur” mit maximal 720p (1280 mal 720 Pixel) Auflösung und ist damit leider nicht mehr auf den neuesten Stand (1080p). Zu bemängeln ist außerdem eine fehlende Frontkamera für Videotelefonate, zumal bereits andere Windows Phones damit ausgestattet sind und eine Skype-Version für WP7.5 in Arbeit ist.

Auch die übrigen Hardware-Features sind nicht unbedingt berauschend. So beträgt der interne Speicher nur 16 GB und kann mangels MicroSD-Kartenunterstützung auch nicht erweitert werden. Die von Microsoft angebotenen 25 GB im Skydrive sind keine gleichwertige Alternative, da nicht überall eine schnelle und günstige Internet-Verbindung besteht. Außerdem werden Bilder beim Hochladen in den Online-Speicher heruntergerechnet.

Der Akku ist mit einer Kapazität von 1450 mAh angemessen, langjährige Nokia-Nutzer werden jedoch mit Verwunderung feststellen, dass ihr Gerät nun fast jeden Abend nach dem Ladestecker verlangt. Für iPhone- und Android-Besitzer ist dies hingegen schon längst Alltag. An Verbindungen unterstützt das Lumia 800 WLAN, Bluetooth 2.1 sowie HSDPA+ mit 14,4 Mbit/s Durchsatz. Auf Extras wie NFC oder HDMI zur Wiedergabe von Multimedia-Inhalten auf einem Fernseher wurde dagegen verzichtet.

Auch bei der Software tut sich der finnische Hersteller schwer, eigene Akzente zu setzen. Echtes Alleinstellungsmerkmal besitzt dabei nur die von Symbian bekannte und über fast alle Kritik erhabene Navigationslösung „Nokia Navigation”. Der Nutzer kann sich nicht nur kostenlos Karten aus zahlreichen Ländern rund um den Globus auf sein Smartphone laden, gleichzeitig wird auch Sprachnavigation in 60 Sprachen unterstützt.

Eine große Leistung ist dies allerdings nicht, da sich die Sprachsteuerung auf einfache, den Karteninhalt begleitende Kommandos beschränkt („Jetzt links abbiegen”, „recht halten” etc.), für die kein großer Wortschatz benötigt wird. Die Navigation erfolgt offline, lediglich für die erste Positionsbestimmung und erste Berechnung der Route ist eine Internet-Verbindung erforderlich. Zunächst muss außerdem Kartenmaterial auf das Gerät geladen werden. Für Deutschland umfasst das Download 500 MB, bei Ländern wie Kenia sind es nur 15 MB.

Außerdem bieten die Finnen als Alternative zu Bing Karten ihre eigene Lösung „Nokia Karten” an und stellen in „App-Highlights” interessante WP-Anwendungen vor. Mit „Nokia Musik” hat der Hersteller außerdem einen eigenen Shop für Musik-Downloads und Konzertkarten auf dem Gerät platziert.

Auf den damit verbundenen Service "Mix Radio" müssen deutsche Nutzer indes aus Urheberrechtsgründen verzichten. Mit dem Feature lassen sich in anderen Ländern Musiktitel per Stream auf dem Smartphone wiedergeben - auf Wunsch allerdings auch verzögert, was der hiesigen Musikbranche offenbar ein Dorn im Auge ist.

Wer bereits mit Windows Phone 7.5 zu tun hatte, wird außerdem bemerken, dass dem Lumia 800 die mobile Hotspot-Funktion (Tethering) fehlt, Medienberichten zufolge soll diese per Software-Update nachgeliefert werden. Auffällig ist außerdem die Sammelwut, die Microsoft und Nokia - natürlich separat - beim Lumia 800 an den Tag legen.

Über das Betriebssystem selbst muss man nicht viele Worte verlieren: Zwar hat Microsoft mit seinem Mango-Update zahlreiche Schwachpunkte ausgebessert, dennoch handelt es sich noch immer um eine junge Plattform mit ihren Höhen und Tiefen.

Insbesonders im Enterprise-Umfeld fehlt Windows Phone noch die nötige Reife, vermisst werden hier vor allem die vielfältigen Sicherheits- und Verwaltungsfunktionen, wie sie das Vorgängersystem Windows Mobile bot. Was die Benutzerführung anbelangt, lässt sich Windows Phone deutlich intuitiver bedienen wie der Vorgänger oder auch Symbian.

Nicht zu übersehen ist allerdings, dass Microsoft auch bei der Gestaltung seines Mobile-Betriebssystems nicht die anderen Bereiche aus dem Auge verloren hat und diese entsprechend promotet. Dabei ist die enge Verknüpfung mit Bing als Suchmaschine oder Xbox 360 im Bereich Spiele noch zu tolerieren.

Problematischer wird es jedoch, wenn das System nach der geforderten Eingabe der Windows Live ID ungefragt Inhalte aus dem Hotmail- oder Windows-Live-Konto mit dem Gerät synchronisiert oder man mit Version 7.5 plötzlich keine Office 97-2003-Dokumente mehr bearbeiten kann.

Ansonsten hat Windows Phone sicher mehr Beachtung verdient, als es aktuell bei unter zwei Prozent Marktanteil der Fall ist. Die Metro-Benutzeroberfläche mit ihren Live-Tiles auf dem Startbildschirm und den locker gestalteten Themen-Hubs mag zwar nicht jedermanns Geschmack treffen, stellt aber dennoch eine gelungene Alternative zu iOS und Android dar.

Leider ist das System auch nach einem Jahr noch nicht voll bei Anwendern und Entwicklern angekommen. Zwar finden sich im Windows Marketplace for Mobile inzwischen 40.000 Apps. Die Auswahl ist allerdings eingeschränkt und manche Apps sind sogar richtig teuer. Auffällig ist auch, dass nur wenig Anwendungen an das Metro-Design angepasst sind - ein Zeichen, dass sie nicht extra und aufwendig für Windows Phone entwickelt, sondern einfach auf die Plattform portiert wurden.

Gemessen an der kurzen Entwicklungszeit hat Nokia mit dem Lumia 800 ein doch sehr ansprechendes Ergebnis hervorgebracht. Dennoch dürfte sich das Gerät angesichts des aktuellen Wettrüstens im Smartphone-Markt schwer tun - zumal der Preis mit 500 Euro nicht gerade niedrig angesetzt ist. Für den Preis bekommt man zwei Windows Phones der ersten Generation wie das Samsung Omnia 7, die dem Lumia 800 in Optik und Bedienung nur wenig nachstehen.

Soll Windows Phone tatsächlich - wie von Gartner prophezeit - bis 2015 an Apple iOS vorbeiziehen, müssen sich Microsoft und Nokia noch stärker anstrengen. Selbst wenn das Gerät die Ansprüche der meisten Nutzer locker erfüllt: Eine eher durchschnittliche Ausstattung oder - wie bei Orange UK - eine kostenlose Xbox 360 als Beigabe von Microsoft reichen nicht aus.

Vielversprechender erscheint hier das vermutlich Lumia 900 genannte Smartphone, dessen Bild kürzlich in einem Werbevideo für Entwickler gezeigt wurde. Angeblich soll das Gerät ein 44- oder sogar 4,3-Zoll großes Display erhalten. Als weitere Features werden eine 8-Megapixel-Kamera auf der Rückseite, eine Frontkamera für Videotelefonate, NFC und Bluetooth 4.0 gehandelt.

Quelle: http://www.computerwoche.de/netzwerke/mobile-wireless/2499938/
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