Paderborn - Nixdorf aus der Asche: Wie ein mittelloser Physikstudent eine Region veränderte

Nixdorf aus der Asche: Wie ein mittelloser Physikstudent eine Region veränderte

Von: vo
Letzte Aktualisierung:
Bild 1
Die Hohe Kunst der Naturwissenschaften. Foto: Marina Sun / 306402011 / Shutterstock.com
Disketten
Disketten waren damals das Maß aller Dinge, bezüglich Speicherkapazität. Foto: nampix / 301904054 / Shutterstock.com
Bild3
Damals wurde Wissen in Büchern gesammelt, heute ist der Verkauf von Büchern rückläufig. Foto: jorisvo / 103225520 / Shutterstock.com

Paderborn. Es gibt zwei Zeitrechnungen in Paderborn: Die Zeit vor Heinz Nixdorf, und die Zeit danach. Er sorgte dafür, dass die Stadt einen eigenen Flughafen erhielt, er verschaffte ihr einen eigenen Autobahnanschluss, er schuf zehntausende von Arbeitsplätzen in der bis dahin strukturschwachen ostwestfälischen Region.

Und er setzte sich stets für eine gute Aus- und Weiterbildung seiner Mitarbeiter ein. Das von ihm gegründete Computerunternehmen wuchs unter ihm zum viertgrößten Computerhersteller Europas. Er war Duzfreund und Geschäftspartner der deutschen Computerlegende Konrad Zuse und selbst sein plötzlicher Tod - 1986 auf der Computermesse Cebit in Hannover - stand noch im Zeichen von Nixdorfs Streben nach Fortschritt und Weiterentwicklung. Wer war der Mann, den Bundeskanzler Helmut Schmidt einst als "Primaballerina der europäischen Wirtschaft" bezeichnete?

Nixdorf - Die wichtigsten Daten im Überblick:

1925 wird Heinz Nixdorf in Paderborn geboren

1946 Abitur

1947 Beginn Physikstudium an der Uni Frankfurt

1952 Eigenes Labor bei RWE in Essen

1959 Verlegung des Firmensitzes nach Paderborn

1965 Erfolg mit Tischrechner Wanderer Logatronic

1969 Gründung der Nixdorf Computer AG

1971 Firmensitz in der Fürstenallee (heute Museum)

1986 Tod durch Herzinfarkt auf der Cebit Hannover

1990 Übernahme durch Siemens AG

1996 Eröffnung des Heinz Nixdorf MuseumsForums

1999 Ausgründung der Wincor Nixdorf AG

Heinz Nixdorf: Gründerpionier von Weltruhm

Wer mehr über einen der bedeutendsten Gründerpioniere der jungen Bundesrepublik Deutschland erfahren möchte, der begibt sich am besten direkt in die Paderborner Fürstenallee in das ehemalige Verwaltungsgebäude des Nixdorf-Konzerns, das zehn Jahre nach Nixdorfs Tod von Bundeskanzler Helmut Kohl als HNF - Heinz Nixdorf MuseumsForum eröffnet wurde und seitdem jedes Jahr Hunderttausend von Besuchern aus aller Welt anzieht.

Dort - in der Paderborner Fürstenallee - befand sich einst die Schaltzentrale der Macht und eines der bedeutendsten Technologielabore Deutschlands. Wo einst mehr als 30.000 Mitarbeiter jährlich über 4 Milliarden DM Umsatz mit der Herstellung modernster Computertechnologie erzielten, findet man heute Sammlungen und zum Teil wechselnde Ausstellungen auf über 6.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, ein Auditorium, sieben Tagungsräume, Bibliotheken und Schülerlabore, die Wissenschafts- und Technologiegeschichte zum Anfassen anbieten.

Der Kampf um das Speichervolumen

Was fasziniert die Besucher so an Nixdorf? Zum einen ist es das Gespür, das an diesem Ort nicht nur deutsche Nachkriegsgeschichte, sondern im Sinne der technologischen Entwicklung auch Weltgeschichte geschrieben wurde. Ob Kassensysteme, Datenverarbeitungsanlagen oder Geldautomaten - in vielen Feldern der elektronischen Datenverarbeitung zeigte sich Nixdorf als Pionier. Seine Geräte verkauften sich millionenfach in die ganze Welt.

Eine große Herausforderung war für Nixdorf stets die Speicherkapazität gewesen. Für die immer größer werdenden Anforderungen anwachsendem Arbeitsspeichervolumen auf immer geringerer Fläche bei immer sinkenden Kosten erwiesen sich Nixdorfs Ideen oft als die erfolgreicheren und konnten sich so durchsetzen.

Um dafür einen Maßstab zu haben: In den 125 Jahren Computergeschichte ist die Speicherkapazität, angefangen von der Lochkarte bis hin zur SD-Karte mit 2 Terrabyte Speicher um den Faktor 25 Milliarden gewachsen! (Quelle: www.mkdiscpress.de/chronik-der-speichermedien/).

Nach Nixdorfs plötzlichem Tod geriet der Weltkonzern plötzlich ins Straucheln. 1990 wurde die Mehrheit der Nixdorf Stammaktien durch die Siemens AG übernommen. Der Name des Paderborner Computerpioniers lebt auch heute noch in der Wincor Nixdorf AG weiter, einem Unternehmen, das führend in den Bereichen Geldautomaten, Kassen- und Kiosksysteme ist.

Das Bundeskartellamt hatte 1999 nach der Fusion von Siemens mit Fujitsu verfügt, dass der für den Mittelstand zuständige Bereich aus dem Konzern herausgelöst und eigenständig weiterbetrieben werden solle. Ein Glück für die Paderborner Beschäftigten, die nie so recht mit den Münchener Managern harmonieren wollten, die so ganz anders auftraten, als sie es von ihrem eher hemdsärmelig auftretenden Chef gewohnt waren.

Es folgten wechselvolle Jahre, wie die Aachener Zeitung berichtete. Die Firma hat bis heute Erfolg und logiert heute im - wie sollte die Adresse auch anders heißen - Heinz-Nixdorf-Ring 1, knappe 3 Kilometer von der ehemaligen Konzernzentrale und heutigem Museum entfernt.

Streben nach Bildung

Aber nicht nur Computer- und Technologiebegeisterte kommen im HNF auf ihre Kosten. Viele interessiert vor allem auch die Person Heinz Nixdorf, der unter ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und dem im Paderborn der zwanziger und dreißiger Jahre als hochbegabter Volksschüler der Besuch höherer Lehranstalten lange verwehrt blieb - bis ihm endlich aufgrund eines Leistungsstipendiums 1939 der Besuch einer Lehrerbildungsanstalt ermöglicht wurde.

Da er aber kein Lehrer werden wollte, erlangte er auf speziellem Antrag die Erlaubnis, 1941 auf ein reguläres Gymnasium zu wechseln. Doch sein Glück währte auch hier nicht lange, da ihn der Krieg von der Schulbank an die Front riss, so dass er das Abitur erst nach dem Krieg nachholen konnte.

Anders als sein Vater hatte er den Krieg jedoch überlebt und musste nun an seiner Stelle die sechsköpfige Familie ernähren, zum Teil durch Arbeit in der Landwirtschaft. Dennoch schaffte er es, sich 1947 an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe Universität für Physik einzuschreiben, erneut durch ein Stipendium unterstützt, wo er als Werkstudent bei Remington erste Kontakte zu Ingenieuren und Forschern knüpfte, die halfen sollten, seinen späteren Weg zu beschreiten.

Seine ersten Forschungsergebnisse lieferte er mit Unterstützung und auf dem Gelände des Essener RWE-Konzerns. Dort stellte er 1952 Deutschlands ersten Röhrencomputer her. Schon wenige Jahre später wuchs seine Forschungsabteilung aufgrund steigender Aufträge so stark an, dass er Essen verlassen musste und sich auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten in seiner Heimatstadt Paderborn ansiedelte.

Mit Disziplin und Sport

Nixdorfs Kindheits- und Jugenderinnerungen, die von Entbehrung und dem Streben nach Bildung geprägt waren, manifestierten sich in dem nun wachsenden erfolgreichen Technologieunternehmen. In die gute und praxisnahe Ausbildung seiner Lehrlinge steckte Nixdorf viel Energie, Geld und persönliches Engagement, das ihm rasch den Ruf eines sozial engagierten Unternehmers und etliches Lob von Politikern einbrachte.

1969 errichtete Nixdorf auf dem Werksgelände eine eigene Berufsschule. Ab 1978 machte Nixdorf in seiner Berufsschule den Sportunterricht zur Pflicht. Auch selbst tat sich Heinz Nixdorf als Sportler hervor, unter anderem im Zehnkampf und im Segeln, wo es Nixdorf selbst sogar in die olympische Auswahl schaffte.

Abenteuer Computergeschichte

Das HNF ist aber auch mehr, als nur ein Museum über den Computerpionier Heinz Nixdorf. Das weltgrößte Computermuseum hat den Anspruch, den Teil der Technologiegeschichte, der in Paderborn geschrieben wurde, in einen kulturgeschichtlichen Gesamtkontext einzubetten, der bei den mesopotamischen Keilschriften beginnt und bis zu kühnen Zukunftsvisionen künstlicher Intelligenz führt.

Selbstverständlich sind neben den legendären Nixdorf-Erzeugnissen, wie der Tischrechner aus dem Jahre 1964 auch Meilensteine anderer Computerhersteller ausgestellt. Die legendäre deutsche Chiffriermaschine Enigma, die während des zweiten Weltkrieges Hunderte von Dekodierungsspezialisten der Alliierten auf die Probe stellte, ist im HNF ebenso zu sehen, wie der legendäre Zuse Z 11 aus dem Jahr 1958, der erste batteriebetriebene Taschenrechner von Sharp von 1970 oder auch der Fußball spielende Roboterhund von Sony.

Das HNF lädt täglich außer montags von 10:00 bis 18:00 Uhr Besucher zu Erkundungstouren ein. Unter der Woche sind die Pforten für Besucher bereits ab 09:00 geöffnet. Der Eintritt kostet 7,- Euro, Ermäßigungen werden angeboten. Groß- und Sondergruppen können spezielle Führungen unter der Telefonnummer 05251 - 306660 oder per E-Mail unter info@hnf.de anfragen.

Sie schreiben unter dem Namen:

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert