Neues Geschäftsmodell Flattr: „Darf ich bitte zahlen?”

Von: Marc Heckert
Letzte Aktualisierung:
Flattr Screenshot
Flattr-Webseite: Ein Video erklärt, wie das Modell funktioniert. Am Ende jedes Monats wird die vom Nutzer eingezahlte Summe unter allen von ihm geflattrten Inhalten aufgeteilt - ähnlich wie ein Geburtstagskuchen. Screenshot: zva

Aachen. So klein die Geldbeträge sind, um die es geht, so groß ist die Aufregung um sie. Flattr nennt sich ein neues Bezahlsystem im Internet. Die Idee: Leser sollen freiwillig für Online-Inhalte zahlen, die ihnen gefallen. Freiwillig zahlen - das soll funktionieren?

Schon viele Versuche sind gescheitert, der „Kostenloskultur” im Internet gegenzusteuern. Fast jeder Betreiber einer Webseite, vom kleinen Blogger bis zum mächtigen Medienkonzern, kennt das Phänomen: Tausendfach werden Online-Artikel gelesen, kommentiert, weitergetwittert und in sozialen Netzwerken verbreitet - nur bezahlen mag dafür kaum jemand. Und Werbung deckt die Kosten kaum.

Umstrittene Figur als Gründer

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, sogenannte „Paywalls” oder Bezahlschranken vor Inhalte allgemeiner Natur zu installieren. Doch nur bei spezialisierten Inhalten scheinen solche Modelle zu funktionieren, etwa bei den Produkttests der Stiftung Warentest.

Nun also Flattr. Vater des im März offiziell vorgestellten Projektes, dessen Name sich von den englischen Worten „flatter” (schmeicheln) und „Flatrate” (Pauschalgebühr) ableitet, ist ausgerechnet Peter Sunde. Der Schwede ist eine der umstrittensten Gestalten der Netzwelt: Als Mitbetreiber der Tauschbörse „The Pirate Bay” galt er für Nutzerscharen als eine Art Robin Hood. Der öffentlichkeitswirksame Gerichtsprozess gegen die „Pirate Bay”-Betreiber in Stockholm im vergangenen Jahr hat seine Popularität noch befördert.

Für die Vertreter der geschädigten Musik- und Filmindustrie dagegen ist er schlicht ein Krimineller. Sollte der Einspruch seiner Anwälte vom Berufungsgericht abgewiesen werden, drohen Sunde ein Jahr Haft - und rund 2,7 Millionen Euro Schadenersatz.

„The Pirate Bay” ist mittlerweile Netzgeschichte, Flattr dagegen um so lebendiger. Auch zahlreiche bekannte und unbekannte Blogs und Webseiten aus Deutschland haben den grünen Flattr-Button unter ihre Artikel eingebaut. Darunter sind das Medienblog „Bildblog.de” und die linksalternative - und chronisch geldknappe - Tageszeitung „Taz”.

Auch das von zwei Aachener Jung-Physikern betriebene „Physikblog” wurde im Mai eingeladen, sich an dem Versuch zu beteiligen. „Wir dachten, das ist eine lustige Sache”, sagt Blogger Andreas Herten. „Uns gefällt das Modell.”

Das sieht auch Martin Knorr so, Blogger und Fotograf aus Aachen. „Ich finde es cool, dass man so auf unkomplizierte Weise Anerkennung zeigen kann.” Er habe sich schon beim Lesen von Beiträgen oft gewünscht, dem Autor etwas zurückgeben zu können.

Anfang Juli, nach dem ersten vollen Monat mit Flattr, hieß es für die Beteiligten: Kassensturz. Auf der Liste der veröffentlichten Einnahmen stand die „Taz” mit 988,50 Euro ganz oben, gefolgt vom Podcast-Blog „The Lunatic Fringe” von Tim Pritlove mit knapp 876 Euro. Die Seite Netzpolitik.org erflatterte rund 577 Euro, das Berliner Blog Spreeblick.de 340 Euro, Lawblog.de des Düsseldorfer Anwalts Udo Vetter fast 248 Euro.

Bescheidener nehmen sich die Einnahmen der Aachener Physikblogger aus. Herten: „Im Mai haben wir ganze 3,13 Euro verdient und im Juni 2,17 Euro.”

Auch wenn die Erträge noch klein sind, das Interesse an Flattr ist erstaunlich. Schließlich befindet sich das Projekt noch im sogenannten „Closed Beta”-Stadium, ist also technisch nicht ausgereift und nur einer kleinen Gruppe von Interessierten zugänglich - auf Einladung. „Im Moment ist Flattr eher etwas für Hardcore-User”, räumt Andreas Herten ein. „Aber ich kann mir vorstellen, dass es ein Erfolg werden kann, wenn es erst einmal für eine breitere Öffentlichkeit an den Start geht.”

So geht´s: Erst zahlen, dann kassieren

Jeder Flattr-Nutzer zahlt einen Betrag seiner Wahl auf sein Konto ein - mindestens zwei Euro.

Ein Inhaltsanbieter platziert auf seiner Webseite einen Button, den andere Flattr-Nutzer bei Gefallen anklicken.

Am Monatsende wird der eingezahlte Betrag jedes Nutzers unter allen von ihm angeklickten Seiten gleichmäßig aufgeteilt.

Flattr verlangt für die Nutzung Gebühren von zehn Prozent.

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