Aachen - Mit Tausenden Stimmen gegen die Hetze im Netz

Mit Tausenden Stimmen gegen die Hetze im Netz

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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Anstand? Von wegen! In den Kommentarbereichen der Sozialen Netzwerk trieft es nur so vor Hass. Nun werden Nutzer unter dem Schlagwort #ichbinhier selbst aktiv. Grafik: H.-G.Claßen
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Hannes Ley (43), Unternehmer aus Hamburg, hat die Gruppe Mitte Dezember ins Leben gerufen. Foto: Dennis Mever-Schindler

Aachen. Wo kommt nur dieser ganze Hass her? In den Kommentarspalten Sozialer Netzwerke wie Facebook sind Respekt und Anstand meist Fehlanzeige. Und während Facebook nackte Haut schnell von der Bildfläche verschwinden lässt, reagiert der Konzern bei Hetze und Hassrede nur schleppend.

Viele Facebook-Nutzer wollen das nicht mehr hinnehmen und gehen mit dem Schlagwort #ichbinhier gegen den Hass vor. Hannes Ley (43), Unternehmer aus Hamburg, hat die Gruppe Mitte Dezember ins Leben gerufen – mittlerweile hat sie gut 16.000 Mitglieder und prominente Unterstützer wie ZDF-Moderatorin Dunja Hayali. Im Interview erzählt Ley, was ihn antreibt, wie #ichbinhier funktioniert und was er von Facebook erwartet.

Herr Ley, wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Facebook-Gruppe #ichbinhier zu gründen?

Ley: Ein Freund aus Schweden hat mich bei einem Besuch auf die Idee gebracht, als wir über das Thema Hass im Netz und die unterirdischen Kommentare dort gesprochen haben. In Schweden gibt es diese Aktion schon länger; eine Journalistin namens Mina Dennert hat das Ganze ins Leben gerufen. Ich habe Kontakt zu ihr aufgenommen und gefragt, ob ich ihr Konzept nach Deutschland bringen darf. Sie hat mir ihr Okay gegeben, und ich habe die Facebook-Gruppe im Dezember gegründet.

Was genau ist #ichbinhier?

Ley: Wir sind eine Aktionsplattform zum Thema Counterspeech (deutsch Gegenrede) mit dem Ziel, eine bessere Diskussionskultur in den Sozialen Medien zu etablieren. In der Praxis sieht das so aus: Wir scannen die Facebook-Seiten von großen Publikumsmedien und schauen, wo in den Kommentarbereichen gerade Beleidigungen und Pauschalisierungen überwiegen. Die Links zu diesen Artikeln veröffentlichen wir in unserer Gruppe und fordern die Menschen dazu auf, in diese Kommentarbereiche zu gehen und gegenzusteuern – gegen die Pauschalisierungen zu argumentieren und zu differenzieren, stets sachlich und höflich. Mit dem Hashtag #ichbinhier können wir uns gegenseitig erkennen und uns unterstützen.

Um was für Themen geht es dann meist?

Ley: Es ist ein Potpourri an Themen. Spitzenpolitiker wie Angela Merkel und Sigmar Gabriel werden in den Sozialen Medien stark angefeindet, das Thema Flüchtlinge ist ein Dauerbrenner oder die Kriminalitätsrate von Nordafrikanern.

Was treibt Sie an?

Ley: Die Überzeugung, dass wir über eine gute Diskussionskultur und eine gut geführte politische Debatte zu besseren Lösungen finden. Im Moment ist die Tendenz, dass alle – wie in einer TV-Talkshow – ihre Meinung kundtun und sich gegenseitig persönlich angreifen. Eine Lösung ergibt sich daraus aber nicht. Wir brauchen stattdessen Dialog, Meinungsaustausch und Überlegungen, wie wir Probleme gemeinsam angehen. Das ist mein Ziel.

Wenn man die Diskussion in den Kommentarspalten verfolgt, hat man oft den Eindruck, dass man viele der Menschen dort gar nicht mit Argumenten und Fakten erreichen kann. Was ist Ihr Eindruck?

Ley: Das stimmt. Viele Menschen dort provozieren bewusst oder haben eine sehr radikale Meinung, der man auch mit guten Argumenten und Fakten nicht beikommen kann. Aber das ist auch nicht unser primäres Ziel. Es gibt einfach viele Menschen, die in den Kommentarbereichen mitlesen, aber nicht schreiben. Sie lesen jeden Tag die gleichen Vorurteile, zum Beispiel alle Flüchtlinge seien potenzielle Vergewaltiger, alle Nordafrikaner seien kriminell. Irgendwann verändert sich bei den Menschen die eigene Wahrnehmung. Wir setzen darauf, dass wir mit unseren Kommentaren das Meinungsbild komplettieren und der Pauschalisierung und den Vorurteilen etwas entgegensetzen.

Für Ihre Postings werden Sie und Mitglieder der Gruppe oft angefeindet. Wie gehen Sie damit um?

Ley: Wir haben Richtlinien für den Umgang mit Hetze und Hassreden. Wenn unsere Gruppenmitglieder angegriffen werden, können sie dort nachschauen, wie sie sich am besten verhalten. Zudem gibt es die Möglichkeit, bestimmte Kommentare bei Facebook zu melden und es gibt Online-Meldestellen in den einzelnen Bundesländern, wo Strafanzeige erstattet werden kann, wenn eine Aussage strafrechtlich relevant ist.

Dennoch erreichen Sie oft auch sehr persönliche Beleidigungen. Wie kann man sich schützen?

Ley: Das ist die psychologische Komponente des Ganzen. Wenn es Drohungen gibt wie „Pass auf, dass die Vergewaltiger morgen nicht vor deiner Haustür stehen“, dann sind das ganz bewusste Einschüchterungsversuche, die Angst machen sollen. Da muss man die Leute auffangen und Zusammenhalt zeigen. Generell gilt: Wir alle müssen lernen, in den Sozialen Medien zu diskutieren. Die meisten Menschen haben immer noch das Gefühl, sie seien in einem rechtsfreien und anonymen Raum. Eigentlich sollte sich jeder bei jedem seiner Kommentare vorstellen, dass er das, was er dort gerade schreibt, einer Person ins Gesicht sagt. Das würden sich nur die Wenigsten trauen.

Unterstützt Facebook Ihre Arbeit?

Ley: Ich hatte gerade ein Treffen mit Verantwortlichen von Facebook, und sie helfen uns zumindest dabei, besser zu verstehen, nach welchen Kriterien Hasskommentare gelöscht werden. Generell ist Facebook von der Thematik Hass im Netz überrollt worden. Nur ein Beispiel: Das Hakenkreuz hat nicht überall die gleiche Bedeutung wie bei uns. Facebook definiert Richtlinien, die global gelten, und das schafft dann aber Probleme auf nationaler Ebene. Schwierig ist auch, ab wann ein Kommentar strafrechtlich relevant ist. Facebook kann Kommentare teils gar nicht löschen, weil die Gesetzgebung es eben verhindert.

Was wünschen Sie sich von Facebook?

Ley: Facebook muss transparenter werden. Ich bin aber auch überzeugt, dass immer mehr Einzelpersonen aktiv werden müssen, deshalb habe ich ja auch die Gruppe gegründet. Da muss Facebook uns aber helfen und zeigen, welche Möglichkeiten es gibt.

Sie haben die Gruppe Mitte Dezember gegründet. Was ist Ihre erste Bilanz nach acht Wochen?

Ley: Ich glaube, das Allerschönste an der ganzen Geschichte ist die Hoffnung, die die Menschen jetzt bekommen. Das ist unglaublich. Es ist so viel Power auf einmal. Die Leute ziehen aus diesem Team-Gefühl wieder Mut und partizipieren an einem demokratischen Diskurs. Das ist ein unfassbares Geschenk. Ob das jetzt gigantisch groß wird oder nur weiterköchelt, kann ich gerade gar nicht sagen. Das muss man sehen. Aber das ist schon ein riesiger Erfolg.

Wie soll es mit #ichbinhier weitergehen?

Ley: Ich würde mir wünschen, dass die Gruppe sehr, sehr groß wird und die Menschen weiterhin so aktiv bleiben. Unser Einsatz soll Wirkung zeigen, so dass demnächst in den Kommentarbereichen sachlicher diskutiert wird und der Hass abnimmt.

Mit Blick auf den Bundestagswahlkampf befürchten viele, dass in den Sozialen Medien Meinungen gezielt manipuliert werden könnten. Ist das ein realistisches Szenario?

Ley: Ja. Sehr viele Menschen informieren sich mittlerweile über die Sozialen Medien. Das prägt die Wahrnehmung, trägt zur Meinungsbildung bei, und das wiederum hat Auswirkungen auf das Wahlverhalten. Ich kann sehen, dass bestimmte politische Richtungen mit den immer gleichen Parolen und der immer gleichen Rhetorik sehr vehement vertreten werden. Das ist ein Indiz dafür, dass hier aktiv Meinungsmache betrieben wird.

Zu guter Letzt: Wer kann bei #ichbinhier mitmachen?

Ley: Wir schauen uns die Profile aller Menschen an, die der Gruppe beitreten wollen. Wenn wir dort rassistische oder sexistische Inhalte finden, lassen wir die Menschen nicht in unsere Gruppe. Die politische Ausrichtung der Leute ist uns egal, aber Demokratiefeindlichkeit akzeptieren wir nicht.

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