Kritik von Datenschützern: Stiftung Lesen gibt Kinderdaten weiter

Von: Fabian Wahl, ddp
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Berlin. Mit dem Ernährungsspiel „Nutrikid & Das Geheimnis der Pyramide” wirbt die Stiftung Lesen bundesweit an Schulen. Eigentlich soll es um gesundes Essen gehen.

Dabei merkt die Stiftung offenbar nicht, dass mit ihrem guten Image - ihr Schirmherr ist der Bundespräsident - Daten von Kindern im großen Stil für den Projektpartner und Lebensmittelkonzern Nestlé gesammelt werden. Wer Nutrikid nach dem Kennenlernen im Unterricht zu Hause im Internet spielen will, muss seinen Vor- und Nachnamen, E-Mailadresse, Geschlecht, Geburtsdatum und Spitznamen angeben.

Die Daten der Kinder im Alter ab sieben Jahren erhält der Projektpartner und Süßigkeitenhersteller Nestlé. Datenschützer, Gewerkschaften und Schulverbände halten die Datensammlung für höchst bedenklich. ”Die Daten gehören nicht ins Internet”, sagt der Vorsitzende des Landeselternausschusses, André Schindler. Er könne nicht verstehen, warum so viele Daten angegeben werden müssen. „Wir klären Kinder immer wieder auf, generell nie das Geburtsdatum oder Adressen anzugeben.”

Aus seiner Sicht sei zur Teilnahme an einem solchen Spiel höchstens ein Vorname oder ein Spitzname nötig. Auf der Anmeldungsseite wird ein Einverständnis der Eltern gefordert, „dass die Daten meines Kindes gespeichert und ausschließlich für die Aktion verwendet werden”. In den mit dem Spiel verlinkten Datenschutzbestimmungen des Konzerns liest sich das jedoch ganz anders. „Sie stellen uns Ihre E-Mail-Adresse, Ihren Namen (...) zur Verfügung, um Informationen zu unseren Produkten zu erhalten, an Gewinnspielen oder Umfragen teilzunehmen oder einfach auf dem neusten Stand bezüglich der für Sie interessanten Nestlé-Produkte zu sein.”

Die Stiftung Lesen antwortet auf Fragen zur Kinder-Datensammlung widersprüchlich und ausweichend: „Datenschutz ist bei uns ein riesiges Thema”, beteuert Pressesprecher Christoph Schäfer auf ddp-Anfrage. Die gesamte Datenabfrage sei nicht bedenklich und diene allein der Projektauswertung. Noch nie habe die Stiftung Daten an Partner weitergeben. Dass in Wirklichkeit Nestlé die Angaben sammelt, bemerkt Schäfer erst Tage später. „Aber nur für dieses Projekt”, versichert er. Außerdem benötigten Kinder unter 14 Jahren das Einverständnis der Eltern. Eben das auf der Anmeldeseite abgefragte.

Ohne die finanzielle Unterstützung durch Partner wie Nestlé seien Projekte wie Nutrikid nicht durchführbar, verteidigt Schäfer die Kooperation mit Nestlé. Ihn scheint auch nicht zu stören, dass der Konzern sich seine Mitarbeit auch damit versüßen lässt, dass sein Logo, unter dem sonst unter anderem Eis, Kakao und Schokoriegel verkauft werden, regelmäßig auf den Seiten des Online-Spiels auftaucht. Klickt der Nutzer auf das Signet des Projektpartners Nestlé Ernährungsstudio, landet er dort auf einem Gewinnspiel, für das ebenfalls eine Registrierung erforderlich ist.

Seit vergangenem Januar verteilt die gemeinnützige Stiftung Lesen die kostenlosen und bunten Unterrichtspakete für Nutrikid inklusive Spiel-CDs, Arbeitsblättern und Lehrerheften. Bundesweit sind bereits 5000 Jungen und Mädchen aktiv. Auch in der Best-Sabel-Grundschule im Berliner Stadtteil Mahlsdorf ist das Abenteuerspiel gefragt. „Die Kinder finden das cool”, sagt der Geschäftsführer der Bildungseinrichtung, Thomas Land. Mit einer Schatzkarte laufen die Spieler durch die Kammern einer ägyptischen Pyramide und müssen dabei Rätsel um das Thema Ernährung lösen.

Ein Lehrer der Berliner Schule schlug seinen Zweitklässlern vor, zu Hause im Internet unter nutrikid.com weiterzuspielen. Bedenken hat Geschäftsführer Land deshalb nicht. „In der Unterrichtsversion werden keine Daten abgefragt.” Wenn die Kinder im Internet weiterspielen wollten, seien die Eltern verantwortlich. Das steht so auch ausdrücklich und rechtlich korrekt auf dem Anmeldeformular. ”Den wenigsten sind dabei die Datenschutzbestimmungen aufgefallen, die es wie eine Adressensammlung für Werbezwecke aussehen lassen„, sagt eine betroffene Mutter. ”Man verlässt sich auf die Glaubwürdigkeit der Stiftung Lesen, so wie die Schule auch, und klickt auf Zustimmung.

„Auf Anfrage der Nachrichtenagentur ddp kündigte Nestlé-Sprecher Alexander Antonoff an, den Umfang der Eingabemaske von Nutrikid überprüfen zu wollen. „Ich kann die Bedenken vollkommen verstehen”, sagte der Sprecher. Die Nutzung der Angaben für Werbezwecke sei allerdings ausgeschlossen. Nach Spielende würden alle Daten gelöscht, unterstrich Antonoff.

Was auf den Datenschutzseiten steht, auf die die Anmeldung mit Einverständniserklärung im Rahmen „dieser Aktion” verlinkt ist, scheint er nicht zu wissen. Aber er kündigt an, dass künftig statt des vollständigen Namens der Spitzname bei der Eingabe ausreichen soll. Weitere Änderungen wie die Auslassung einer E-Mailadresse nennt Antonoff nicht.

Nach Ansicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist Nutrikid nur ein Beispiel für systematische Werbeversuche an Schulen. „Unterrichtsmaterialien von Unternehmen schwappen mittlerweile in Massen an die Schulen”, sagt Martina Schmerr von der GEW. „Gerade Unternehmen, die in Verruf stehen, durch ihre Produkte Kinder dick zu machen, versuchen damit ihr Image aufzuwerten.” Schmerr hält das Vorgehen für wenig glaubwürdig. Eine derart plumpe Markenwerbung habe an Schulen nichts verloren.

Die zuständige Datenschutzbehörde des Regierungspräsidiums Darmstadt, in dessen Nähe Nestlé seinen deutschen Hauptsitz hat, will den Fall nun genauer prüfen. Im vergangenen Jahr war die Stiftung Lesen wegen Werbung in Unterrichtsmaterialien für ältere Schüler kritisiert worden. Der WDR hatte unter Berufung auf Lehrer und Bildungsfachleute in Nordrhein-Westfalen berichtet, dass in von Konzernen und Unternehmensberatungen gesponserten Broschüren umstrittene wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Zusammenhänge einseitig dargestellt würden. Die Stiftung wies diese Kritik seinerzeit zurück.
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