Illegales Tagesschau-Archiv auf „Depub”: Kreativ oder kriminell?

Von: Marc Heckert
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Schlichte Gestaltung, explosiv
Schlichte Gestaltung, explosiver Inhalt: Rund 200.000 Artikel des Archivs von Tagesschau.de sind von unbekannten Netz-Aktivisten ins Internet gestellt worden. Hier ein Text vom 11. September 2001. Screenshot: zva

Hamburg. Es hat etwas von Guerilla-Aktion - allerdings einer, bei der nichts zerstört wird. Unbekannte Netz-Aktivisten haben auf einer Internetseite anonym ein Archiv mit rund 200.000 Artikeln der Seite Tagesschau.de online gestellt.

Die Aktion versteht sich als Protest gegen die Praxis des „Depublizierens”: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender sind seit September 2010 verpflichtet, in ihren Internetangeboten Inhalte nach einer bestimmten Zeit zu löschen.

Auch die jetzt auf http://www.depub.org ohne Erlaubnis der ARD veröffentlichten Artikel aus dem Archiv von Tagesschau.de - es handelt sich ausschließlich um Texte; Fotos oder Videos sind derzeit nicht zu sehen - sind im offiziellen Tagesschau-Webangebot nicht mehr aufrufbar.

Hintergrund des „Depublizierens” ist der zwölfte Rundfunkänderungsstaatsvertrag. Sein Ziel ist im Wesentlichen, die Internetangebote privater Verlage vor gebührenfinanzierter Konkurrenz zu schützen und so die Pressevielfalt langfristig zu stützen.

Die Macher von Depub begründeten die Aktion mit dem öffentlichen Interesse an den gelöschten Artikeln. Im Interview mit Zeit Online, dem Internetangebot der Wochenzeitung „Die Zeit”, erklärte ein ungenannter Vertreter von Depub: „Uns ist natürlich bewusst, dass die Artikel urheberrechtlich geschützt sind und die Veröffentlichung nicht erlaubt ist.”

Man habe zwischen öffentlichem Interesse und urheberrechtlichen Bedenken abgewogen. Auf der Webseite depub.org heißt es dazu: „Für uns ist die freie Verfügbarkeit gebührenfinanzierter Inhalte allerdings wichtiger. So einfach ist das manchmal.” Depub werde weitere Inhalte öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten veröffentlichen, so etwa die des ZDF.

„Beispiel für kreative Anarchie”

Bei den „Geschädigten”, sofern dieser Ausdruck passt, war ein erstaunliches Umdenken zu beobachten. Nachdem der Norddeutsche Rundfunk (NDR) zunächst ankündigte, gegen Depub „mit allen juristischen Mitteln vorzugehen”, schwenkte die Vorsitzende des NDR-Rundfunkrats, Dagmar Gräfin Kerssenbrock, später um: Depub.org sei „ein Beispiel für die kreative Anarchie im Internet, das zeigt, wie unsinnig kleinteilige Regulierungsversuche im Netz sind”.

Auch die Mitarbeiter von Tagesschau.de dürften die Aktion mit einem gewissen Wohlwollen verfolgt haben. Redaktionsleiter Jörg Sadrozinski hatte bereits im Juli im offiziellen Tagesschau-Blog geschrieben: Es sei schwer zu vermitteln, „dass mit Rundfunkgebühren zunächst etwas geschaffen wird, das nach wenigen Tagen (oder Monaten) wieder - mit Gebührengeldern - vernichtet wird”.

Auf Depub.org steht eine Vielzahl begeisterter Leserkommentare einigen wenigen kritischen Stimmen gegenüber. So schreibt ein Kommentator unter dem Namen „yato”: „Im Informations- und Kommunikationszeitalter sollten wichtige Meldungen der Zeitgeschichte dauerhaft für jeden verfügbar und verlinkbar sein, dies ist in unser aller Interesse.”

Ein Leser namens „pyh” hält dagegen: „Ich weiß nicht, warum man einem staatlichen Propaganda-Archiv auch noch den roten Teppich ausrollen muss mit so einer Aktion. So bekommt das ganze noch einen Underground-Status. Unglaublich perfide!”

Kreativ oder kriminell? Die Debatte ist hochaktuell: Auf dem Essener Zeitungkongress ging es am Montag auch um die Internetangebote der „Öffentlich-Rechtlichen”. Die Depub-Macher melden sich derweil selbst zu Wort: Auf Twitter diskutieren sie unter @depub.

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