Erste virtuelle Beratungspraxis für Online-Süchtige

Von: Verena Mörath, epd
Letzte Aktualisierung:
Computersucht
Es gibt Menschen, die exzessiv chatten, spielen oder gar online Sexaffären haben. Viele verlieren sich in der virtuellen Welt. Foto: dpa

Berlin. Es gibt Menschen, die exzessiv chatten, spielen oder gar online Sexaffären haben. Manche sind bis 15 Stunden täglich im Web, vernachlässigen Schule, Beruf, soziale Kontakte - und sich selbst. Bislang ist der pathologische Internetgebrauch als Krankheit nicht anerkannt.

Vor zwei Monaten hat die erste virtuelle Beratungspraxis für Selbsthilfegruppen eröffnet.

„Onlinesucht kann jeden treffen, unabhängig von Geschlecht, Alter, beruflicher, sozialer oder gesellschaftlicher Stellung”, sagt Gabriele Farke (54), Vorstandsvorsitzende von „Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige 2007 e.V.” (HSO) mit Sitz in Buxtehude. Verlässliche Zahlen, wie viele Menschen hierzulande zwanghaft das Internet nutzen, existieren noch nicht. Auch die Ursachenforschung steckt in den Kinderschuhen, weil es weltweit keine einheitlichen anerkannten Forschungsmethoden zur Internetsucht gibt.

Farke spricht, gestützt auf internationale Studien, von rund drei bis fünf Prozent Onlinesüchtigen unter allen Internet-Usern. Bei 46,3 Millionen Deutschen ab 14 Jahren, die laut (N)Onlinder-Atlas 2009 online sind, käme man selbst bei nur einem Prozent schon auf fast eine halbe Million Betroffene, „die ihr Leben ins Internet integrieren, anstatt das Internet in ihr Leben”, so Farke. Eine krankhafte Abhängigkeit bestehe, „wenn jemand mehr als 35 Stunden pro Woche, neben Arbeit oder Schule, im Internet verbringt und es einfach nicht mehr lassen kann, selbst wenn er wollte”.

Im Gegensatz zu Alkohol- oder Drogensucht ist Internetsucht nicht offiziell als Krankheit oder eigenständige psychische Störung anerkannt. Krankenkassen übernehmen nur in wenigen Ausnahmen Behandlungskosten bei „Onlinesucht”, sofern sie denn von Ärzte überhaupt als solche diagnostiziert wird.

Gabriele Farke bemüht sich seit 13 Jahren um eine bessere Aufklärung und Beratung. Den bundesweiten Selbsthilfeverein gründete die ehemalige Industriekauffrau vor zehn Jahren, gemeinsam mit elf Mitstreitern. Heute hat HSO mehr als 1000 größtenteils anonyme Vereinsmitglieder und unterhält das Selbsthilfeportal http://www.onlinesucht.de. Die Website verzeichnet den Angaben zufolge bis zu 120.000 Zugriffe monatlich.

Ein zentrales Angebot des Webportals ist das Forum: Hier schreiben Betroffene und Angehörige anonym über ihre Probleme, suchen Rat, geben Tipps oder führen ein Tagebuch darüber, wie und ob sie einen Ausstieg aus der Onlinesucht schaffen.

Die Einträge spiegeln wider, wie sich eine pathologische Internetabhängigkeit auswirken kann. Ein 19-Jähriger schreibt: „Im Herbst 2008 fing ein gefährlicher Teufelskreis an: keine Lust auf Schule; nur am PC gehockt, schlechte Noten, noch weniger Lust auf Schule, geschwänzt, geschwänzt, geschwänzt... Ich kann mir selbst kein Limit setzen, und für eine bestimmte Zeit jetzt ist Schluss! zu sagen, ist unmöglich. Ich weiß nicht, wie ich aus diesem Teufelskreis ausbrechen kann”.

Die meisten Internetsüchtigen sind Erwachsene. Neben der vorwiegend unter Jugendlichen verbreiteten Online-Spielsucht gibt es noch zwei andere Formen der Abhängigkeit. „Die Internet-Chatsucht kommt am häufigsten bei Frauen ab 30 Jahren vor”, so Farke, „und Online-Sexsucht vor allem bei Männern. Viele sind Studenten unter 30 Jahren.”

Seit zwei Monaten bietet HSO erstmalig in Deutschland virtuelle Selbsthilfegruppen an. Die Teilnahme daran ist anonym, kostenlos und prinzipiell für alle Interessierten im deutschsprachigen Raum zugänglich. Eine Anmeldung auf der Website genügt.

„Alle unsere Projekte, die versuchten reale Selbsthilfegruppen zu etablieren, scheiterten bislang vor allem an der simplen Tatsache, dass sich zumindest der Gruppenleiter identifizieren und als onlinesüchtig outen muss”, erklärt Farke. Onlinesucht sei immer noch ein Tabuthema. „Wenn aber Anonymität garantiert ist, trauen sich viele zum ersten Mal, über ihr Problem zu sprechen. Das ist ein erster Schritt, der zum Ausstieg aus der Onlinesucht führen kann.”
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