Die Aachener Webcon: Wo das Publikum aufs Handy guckt

Von: Marc Heckert
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Technik trifft Mensch: Wie sich die Software Tumblr für das Veröffentlichen von Koch- und Essenserlebnissen im eigenen Blog einsetzen lässt, erklärten Andreas Werner und Verena Bock. Foto: Heckert

Aachen. Ein Redner, dessen Zuhörer auf die Displays ihrer Smartphone starren, sollte sich fragen, was er falsch macht. Beim Aachener Internettag Webcon kann er sicher sein, dass er alles richtig macht: Er gibt so spannende Dinge von sich, dass sein Publikum sie umgehend in die weite Welt hinaustwittern muss.

Für die rund 180 Teilnehmer war die bereits dritte Mischung aus Fachtagung und Szenetreff im Aachener Jugendgästehaus am Wochenende halb Pflichtveranstaltung, halb Spaß-Event.

Man musste denn auch kein Hardcore-Hacker, Facebook-Fanatiker oder Apple-Anbeter sein, um sich bei den gebotenen rund 30 je knapp einstündigen Vorträgen rund ums Netz gut zu unterhalten. Zwar kam der technische Part nicht zu kurz: Wer wollte, konnte etwa einen Crashkurs im Video-Marketing nehmen oder sich über die Programmiersprache Javascript informieren, über Skeuomorphismen – imitierte Materialoberflächen im digitalen Design diskutieren oder etwas über den Einfluss von Werbeblockern auf Online-Werbung erfahren.

Bei vielen Referaten war die Technik allerdings eher Nebensache: Da ging es um den Umgang mit Trollen, den permanent aggressiven Kommentatoren auf Webseiten, um Stress und Burnout oder um ein geplantes regionales Portal für Musikgruppen, das in Kürze unter www.youhear.it starten soll. Von regelrechten Lachsalven erschüttert war der Vortrag von Armin Reuter über Usability, der oft vernachlässigten Benutzerfreundlichkeit – von wegen, Netz-Stoffe seien tendenziell eher dröge.

Heiterkeit wogte auch beim Referat von Andrea Hartenfeller durchs Publikum. Sie moderiert das Forum für Freunde historischer Allrad-Lastwagen www.allrad-lkw-gemeinschaft.de. Bei ihr kam zur Technik die Nostalgie. So eröffne der Umgang mit den stählernen Sauriern neue Wege der Meditation: „Unser Hanomag hat 72 Schmiernippel.“ Letzteres ein völlig aus der Mode gekommener Begriff, der unversehens seinen Weg ins Neuzeit-Medium Twitter fand, Webcon sei Dank.

„Wir haben sehr viele sehr verhaltensoriginelle Menschen bei uns“, erklärte Hartenfeller ihren amüsierten Zuhörern. Einen Nutzer aus der Eifel etwa, „der nur Dinge schreibt, die niemand versteht“. Ihr Tipp an alle Foren-Administratoren und Social-Media-Hirten: „Solange ihr euren Humor nicht verliert, geht es eigentlich ganz gut.“

Auch die komplizierter gewordene Beziehung zwischen Medien und ihren Nutzern war ein Thema. „Heute muss ein Journalist viel mehr Kanäle bespielen“, erklärte Social-Media-Redakteurin Tina Halberschmidt vom Handelsblatt. „Das gefällt natürlich nicht allen.“ Dem Medienwandel entsprechend stellte Ulrich Kutsch, Leiter der Onlineredaktion dieser Zeitung, das neueste digitale Produkt des Zeitungsverlags Aachen vor, die Abendzeitung „Am Abend“ für Tablet-PCs. Der Verlag unterstützte die Veranstaltung in diesem Jahr übrigens erstmals als Medienpartner.

Wie loyal die Webcon-Besucherschaft ist, zeigte sich nicht nur am familiären Umgang, etwa dem durchgängigen „Du“ in der Anrede, oder der gesponsorten M & M-Verpflegung – Mettbrötchen (vor der Mittagspause) und Muffins (danach). Auch, dass auf den Ausfall eines Referenten hin die beiden Besucher Agniezka Walorsa und Ralf Meschke spontan einen Ersatzvortrag über „Digitales Erbe“ hielten, darf als Kompliment an Veranstalter und Veranstaltung gewertet werden.

Bereits zuvor war Corina Pahrmann für einen durch den Bahnstreik verhinderten Vortragenden eingesprungen. Zu Beginn ihrer Ausführungen über das Selbstveröffentlichen von Büchern scheuchte sie alle Zuhörer aus dem Raum, die nur an Digitalthemen interessiert wären: „Raus! Hier geht's um bedrucktes Papier!“ Begeisterung im Saal – und auf Twitter.

Angesichts solch launiger Momente wundert es nicht, dass Besucher und Referenten den jährlichen Webcon-Termin fest im Kalender vorgemerkt haben. Karin Krubeck etwa, die im vergangenen Jahr ein konzern-internes Soziales Netzwerk der Telekom vorstellte, hat zwischenzeitlich den Arbeitgeber gewechselt. Sie machte ihre Leidenschaft für Bloggen und gutes Essen zum Beruf und schilderte nun ihre Erfahrungen als Leiterin des Social-Media-Bereich des Webseite Chefkoch.de.

Über die Webcon schrieb sie tags darauf in ihrem Blog „Curryandculture“, der lokale Internettag in Aachen habe sich „beachtlich gemausert zu einem Event, von dem auch überregional immer mehr Notiz genommen wird“.

Dem stimmte Tobias Kollewe vom Veranstalter zu, der Aachener Netzagentur Aixhibit. Er  freute sich über „viel mehr neue Gesichter“ – und eine deutlich über Aachen hinaus gehende Reichweite. Eigens aus Hamburg, Karlsruhe und Bonn angereiste Teilnehmer seien der Beweis.

Unter den zahlreichen positiven Abschluss-Statements der Referenten war das von Christof Ziegler bezeichnend: „Volles Haus, viel Feedback, gute Stimmung - mega!“

Der Termin fürs nächste Jahr steht bereits fest: der 14. November 2015. Der Eintrittspreis wird dann allerdings etwas höher sein: Statt wie in diesem Jahr 20,14 Euro soll das Ticket dann genau ein Cent mehr kosten.

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