Aachen - Der Road Warrior erhält eine Frischzellenkur

Der Road Warrior erhält eine Frischzellenkur

Von: Manfred Bremmer
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Mit dem Business-Smartphone „Bold 9900” versucht Research in Motion, neue Trends wie Touchscreen-Bedienung, mobiles Internet, Multimedia und Social Media zu integrieren, ohne die alten Blackberry-Werte zu vernachlässigen. Klappt der Spagat?

Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, da waren Blackberry-Geräte die erste Wahl, um auf Geschäftsreisen auf dem Laufenden zu bleiben. Damals, als „Apps” noch Anwendungen waren und das mobile Internet hauptsächlich aus WAP-Seiten bestand, genügte es den Anwendern vollends, E-Mails auf einem kleinen Bildschirm zu lesen und mit einer ähnlich winzigen Tastatur beantworten zu können.

Obgleich etwas störrisch in der Bedienung wurden die prestigeträchtigen Geräte von den Managern geliebt und Eingabecodes mit Liebe auswendig gelernt. Doch die Zeit stand nicht still und schon bald tauchten flinke neue Geräte mit einem großen Touch-Display und einer ungewohnt einfachen Benutzerführung auf und zogen immer mehr Blackberry-Nutzer in ihren Bann. Die Kunde von der neuen Konkurrenz trug sich allmählich auch ins ferne Kanada zum Hersteller Research in Motion (RIM), der daraufhin seine Wissenschafter zu Rate rief und einen Plan schmiedete...

Die Jahre vergingen und nach einigen fehlgeschlagenen Anläufen präsentierte RIM Mitte 2011 als Antwort auf Apple iPhone & Co. neue, leistungsstarke Blackberry-Modelle, ausgestattet mit dem überarbeiteten Betriebssystem Blackberry OS 7. Die Computerwoche hat sich das neue Flaggschiff-Modell Bold 9900, das klassische Blackberry-Werte in die Jetztzeit bringen soll, genauer angeschaut.

Research in Motion kennt die klassische Bold-Nutzerschaft und weiß es, diese zu verwöhnen. Die gehobene Business-Klientel erwartet dementsprechend nach dem Kauf eine edle schwarze Box, in der sich neben dem Gerät selbst umfangreiches Zubehör befindet. Dazu zählen neben so obligatorischem Equipment wie einem einfachen Kopfhörer und einem USB-Kabel samt Adapter für die Steckdose auch ein Reinigungstuch und eine Schutzhülle für den Blackberry.

Auch an eine Sicherheitsinformationsbroschüre sowie eine „Anleitung zum Schnellstart” hat RIM gedacht, wobei Schnellstart allerdings etwas euphemistisch ist: Wie die Broschüre demonstriert, hat es das Setup durchaus in sich. Anstatt Plug & Play heißt es für Blackberry-Novicen erst einmal Sit & Learn, um die verschiedenen Kniffe zu lernen. Dazu jedoch später, zunächst soll die Hardware etwas näher betrachtet werden.

Dem hochwertigen Eindruck der Verpackung steht das Gerät im klassischen Blackberry-Design in nichts nach. Das Smartphone ist gut verarbeitet und wirkt dank seines glänzenden Edelstahlrahmens robust und elegant zugleich. Beim ersten Aufheben überrascht das verhältnismäßig geringe Gewicht von 130 Gramm. Gleichzeitig fällt auf, dass das Bold 9900 mit einem Zentimeter Dicke vergleichsweise dünn ausgefallen ist.

Das Gerät ist zudem breiter als sein Vorgänger Bold 9700 geraten, wovon vor allem die Volltastatur profitiert. Die einzelnen Tasten sind deutlich größer geworden und lassen sich somit angenehmer bedienen - nach etwas Eingewöhnungszeitkommen auch Blackberry-Neulinge mit normal großen Fingern mit dem Layout zurecht und können produktiv arbeiten.

Auf der Vorderseite dominiert das ungewöhnlich große TFT-Display über der Qwertz-Tastatur, hier handelt es sich um einen kapazitiven Touchscreen mit 640 mal 480 Pixel Auflösung. Rückseitig hat RIM auf den üblichen Kunstlederbezug verzichtet und verwendet nun eine sportliche Akku-Abdeckung aus Carbon.

Doch nicht nur die Optik wurde getuned, auch bei den Bauteilen kommt RIM allmählich auf dem aktuellen Stand der Technik an. So besitzt das Bold 9900 einen 1,2-GHz-CPU, dem 768 MB RAM zur Seite gestellt sind. Im Vergleich dazu wirkt der 1230-mAh-Akku fast schon unterdimensioniert, zumal dieser kleiner als bei seinem Vorgänger ausfällt. RIM zufolge wird dieses Defizit jedoch durch eine deutlich verbesserte Energieverwaltung ausgeglichen und auch im Praxistest erwies sich das Gerät als sehr sparsam und musste frühestens nach zwei Tagen (normaler) Nutzung an das Ladekabel.

Auch die weiteren Spezifikationen des neuen Flaggschiffmodells entsprechen in etwa dem aktuellen Stand für High-End-Smartphones - von 2010: Für Daten stehen acht Gigabyte interner Speicher zur Verfügung, dieser kann jedoch über eine Micro-SD-Karte erweitert werden. Auf der Rückseite ist eine video-fähige 5-Megapixel-Kamera angebracht. Zudem ist GPS mit an Bord, ebenso ein digitaler Kompass sowie ein Beschleunigungssensor, Bluetooth 2.1 + EDR und WLAN.

Zusätzlich steht HSDPA+ für den mobilen Internet-Zugriff zur Verfügung. Der Bold 9900 bietet zudem Unterstützung für Near Field Communications (NFC), eine passende Anwendung hat RIM kürzlich mit dem „Blackberry Tag” vorgestellt. Über die Schnittstelle lassen sich damit einfach Dokumente, Webadresse, Fotos oder Musik auf ein anderes, NFC-fähiges Blackberry-Gerät übertragen.

Als eines der ersten Blackberrys wird das Bold 9900 mit dem neuen Betriebssystem Blackberry OS 7 ausgeliefert. Bei dem System handelt es sich im Grunde um eine aktualisierte Version der im letzten Jahr vorgestellten Version 6, das ursprünglich als OS 6.1 auf den Markt kommen sollte. Alte Geräte lassen sich aber laut RIM nicht updaten und auch Blackberry OS7 ist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur neuen Plattform BBX, eine Abwandlung des im Playbook genutzten Betriebssystem QNX - ein klares Zeichen dafür, dass sich die Kanadier dem Thema Usability intensiv widmen wollen.

Bereits nach wenigen Minuten Beschäftigung mit dem Bold 9900 wird klar, wo noch Hand angelegt werden muss, beziehungsweise, wo die Knackpunkte liegen: Ähnlich wie beim Auslaufmodell Symbian wurde das System über die Jahre mit so vielen Features überfrachtet, dass trotz aller Oberflächen-Kosmetik wohl ein glatter Schnitt das Beste wäre.

So kommt man über den in drei Ebenen unterteilten Startbildschirm zwar mit ein bis zwei Schritten auf fast jede Funktion. Gleichzeitig führen aber oft verschiedene Menüführungen zu ein und demselben Ergebnis. Zu anderen, selten genutzten Funktionen führen dagegen oft nur verschlungene Menüpfade.

Während man beispielsweise mehrere Homescreens vergebens sucht, ist bei RIM der Trend zur mobilen Nutzung sozialer Netzwerke endgültig angekommen. So bündelt der Hersteller in Blackberry OS 7 entsprechend die Inhalte von Blackberry Messenger (BBM), RSS-Feeds, Facebook, Twitter, Google Talk und Windows Live Messenger in den „Social Feeds” und hilft Nutzern so, auch mobil ihre Timeline im Blick zu behalten. Zusätzlich gibt es natürlich eigene Apps für Facebook, Twitter und BBM. Auch die Multimedia-Nutzung wird leidlich unterstützt.

Positiv zu bewerten ist außerdem der überarbeitete Browser. Dank eine neuen Just-in-Time-Compiler (JIT) wird das Ausführen von JavaScript deutlich beschleunigt. Zudem kann der Browser die Grafik-Hardware des Geräts nutzen, um Webseiten und -Anwendungen schneller zu verarbeiten. Dank dieser Weiterentwicklung und dem großen Display kann man auch mit dem Blackberry weitgehend schmerzfrei im Internet browsen.

App-seitig muss man vor allem die vorinstallierte Vollversion von „Documents to Go” zum Ansehen und Bearbeiten von Word-, Excel- und PowerPoint-Dateien erwähnen. Die Büro-Suite der inzwischen von RIM übernommenen Company DataViz ist über jeden Zweifel erhaben, genauso wie die übrigen Business-Funktionen.

Neu hier hinzugekommen sind in Blackberry OS 7 „Blackberry Protect” für Daten-Backups in der Cloud sowie „Blackberry Balance”, eine Lösung, mit der sich - in Verbindung mit einem Blackberry Enterprise Server oder der Express-Version private Daten von Unternehmensinhalten trennen lassen.

Research in Motion hat mit dem Bold 9900 deutliche Fortschritte dabei gemacht, eine Brücke zur Neuzeit zu schlagen, ohne Blackberry-Tugenden wie zuverlässige Push-Übertragung, umfangreiche Sicherheits- und Verwaltungs-Features oder gute Textverarbeitung über Bord zu werfen. Was die Usability anbelangt, schließen die Kanadier aber noch lange nicht zur Konkurrenz iPhone und Android auf, das Resultat verschafft ihnen bestenfalls Zeit, das Abwandern ihrer bestehenden Nutzer zu bremsen. Anwender von anderen Smartphone-Plattformen zu locken, wird indes schwierig.
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