Computerspiel aus Russland mit bizarren Kellerwesen

Von: Peter Zschunke, dpa
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Computerspiel aus Russland mit bizarren Kellerwesen
Skurrile Szene aus „Full Pipe”: Die Hauptfigur Dude trifft in einem Kellerraum auf Domino-Spieler. Foto: dpa

Berlin. Einen eigenartigen skurrilen Reiz entfaltet das in Russland entwickelte Computerspiel „Full Pipe”, das den PC in ein surreales Kellerlabyrinth verwandelt.

Ähnlich wie „Edna bricht aus” (2008) oder „Machinarium” (2009) präsentiert sich auch „Full Pipe” als Point-and-Click-Game in schlichter 2D-Grafik. Mit seinen handgezeichneten Figuren im Comic-Stil spricht es die Fantasie auf ganz andere Weise an als ein Fantasy-Adventure mit aufwendiger Grafik.

„Es gibt in Russland auch bei Computerspielen eine Tendenz zum Märchen oder zu großer Literatur”, sagt der Geschäftsführer des Spiele-Anbieters Daedalic Entertainment, Carsten Fichtelmann. „Viele Künstler versuchen, sich damit auszudrücken.”

Die märchenhafte Hauptfigur in „Full Pipe” ist Dude, ein kartoffelähnliches Wesen, das fast nur aus Kopf und Ringelschwanz besteht und vom Spieler mit der Maus durch eine bizarre Kellerwelt geführt wird. Dorthin gerät Dude, weil er eines Morgens auf der Suche nach seinem Pantoffel ein Loch unter seinem Bett entdeckt. Er gelangt in mehrere Räume, die über dicke Rohre, Leitern oder einen alten Aufzug miteinander verbunden sind.

Es gibt keine gesprochenen oder schriftlichen Dialoge in Full Pipe. Die Kommunikation mit den Kellerwesen findet mit Hilfe von Gegenständen statt, die unterwegs aufgesammelt und in einem Inventar am oberen Bildschirmrand abgelegt werden.

Da sitzt etwa in einem Raum ein unrasiertes Männchen vor einer Leiter und wirkt mit verschränkten Armen sehr abweisend. Noch nicht einmal einen Apfel will es haben, tauscht aber seine Brille gegen eine Schublade, die es sich auf den Kopf setzt. Abgefahren. Ein erdbraunes Wesen wird mit einer Kugelfrucht gefüttert und dabei immer dicker. Beim dritten Mal rückt es ein Geldstück heraus. Aber was kann man damit machen? Oft muss man lange herumprobieren, bis man die Antwort findet.

Gesteuert wird das Spiel ausschließlich mit der Maus. Je nach Spielsituation verändert der Cursor sein Aussehen. Ein Fuß zeigt an, dass man hier herumlaufen kann. Mit der Hand kann man Gegenstände aufnehmen oder benutzen. Ein Pfeil fordert Dude zu bestimmten Bewegungen auf.

So muss der Kellerheld einmal auf ein Brett springen, um kleine Gespensterfiguren in ein großes Glas zu katapultieren. Ein anderes Mal muss er einem Keller-Känguru Bälle in seinen Beutel werfen oder ein olivgrünes Rüsseltier am Schwanz ziehen, das eine lila Seifenblase ausspuckt. Diese muss an beweglichen Mäusen vorbei einer dicken Figur in den Mund gesteuert werden.

Das surreale Kellerlabyrinth ist nicht linear aufgebaut - immer wieder muss Dude in Räume zurück, die er bereits erkundet hat. Bei der Orientierung, so erklären die Entwickler, hilft eine Karte, die mit einer Schaltfläche rechts oben schnell aufgerufen wird. Die fantastische Szenerie wird unterstrichen von einer Soundkulisse mit Jazz-Klängen und realistischen Geräuschen wie Wassertropfen oder Fußschritte.

Das Design der Rätsel ist nicht immer nachvollziehbar. „Da verzweifelt der logisch denkende Spieler schon mal, vor allem, wenn die Gegenstände später wieder zurückgeholt werden und dann irgendwo erneut eingetauscht werden”, kritisierte ein Tester im Spieleportal adventurecorner.de. Da ist dann viel Geduld gefragt.

„Full Pipe” wurde bereits 2003 vom Pipe Studio in Russland entwickelt unter Mitwirkung des Animationsfilmers Ivan Maximov. Warum kommt es erst so spät in Deutschland heraus? „Es gibt einfach wenige Games-Unternehmen in Deutschland, die sich an so verrückte und besondere Spiele wagen”, antwortet Daedalic-Geschäftsführer Fichtelmann. „Wenn es uns möglich ist, diesen besonderen Titel nach so vielen Jahren aus der Versenkung zu holen, freut uns das sehr.”

Auch das einflussreichste Spiel aller Zeiten, Tetris, komme aus Russland, betont der Leipziger Computerspielexperte René Meyer. „Nicht nur russische Entwickler, ganz Osteuropa gilt als sehr talentiert auf dem Gebiet der Computerspiele.” Gute Spiele müssten nicht immer nur aus einem großen Entwicklerstudio kommen.

„Unabhängige kleine Entwickler haben nicht den Massenmarkt im Auge, sondern ihr kreatives Werk.” „Full Pipe” sei ein schönes Beispiel dafür, dass ein Spiel zunächst nur im eigenen Land bekannt sei und sich dann durch Empfehlungen auch im Westen verbreite.

Festplattenbedarf (560 MB) und der benötigte Arbeitsspeicher (128 MB) des Spiels sind überschaubar - „Full Pipe” eignet sich damit gut auch noch für ältere Computer (ab Windows 95). Der Prozessor sollte eine Taktrate von mindestens 500 Megahertz haben. Im Vertrieb von Daedalic Entertainment kostet das für deutsche Nutzer angepasste Spiel 19,99 Euro. Eine Download-Version des Portals Steam gibt es für 4,99 Euro.
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