Unter Druck gesetzt: Wie der Winterreifen beim Spritsparen hilft

Von: Stefan Weißenborn, dpa
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Luft nachtanken: Wer seine Reifen unter größeren Druck setzt, spart Sprit. Mehr als 0,5 bar zusätzlich erhöhen allerdings den Verschleiß. Foto: KÜS/dpa/tmn

Bonn/München. Es gibt mehrere Argumente, die Autofahrer zum pünktlichen Wechsel auf Winterreifen bewegen können: Werden die Pneus vor dem ersten Kälteeinbruch aufgezogen, ist man vor Eis und Schnee rechtzeitig gewappnet.

Und wenn Fahrzeughalter erst bei aufkommendem Flockenwirbel reagieren, könnte es schwierig mit einem Termin in der Werkstatt werden: Die Wartezeiten betragen dann nicht selten bis zu einer Woche. Und nicht nur Wartezeit können Autofahrer sparen, sondern mit besonders schmalen Pneus und erhöhtem Reifendruck auch manchen Tropfen Sprit. Doch nicht alle Experten empfehlen die effizientere Gummi-Lösung.

Früher galten Winterreifen wegen ihres groben Profils als Spritfresser. „Solche Reifen gibt es schon lange nicht mehr”, sagt Hans-Jürgen Drechsler, Geschäftsführer beim Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV).

Mit der sogenannten Lamellen-Technologie und der Beimischung des Kieselsäure-Salzes Silaca sei man der Lösung des Zielkonflikts zwischen möglichst geringem Rollwiderstand für höhere Effizienz und möglichst hoher Bodenhaftung für sicheres Fahren ein ganzes Stück nähergekommen. „Mittlerweile hat sich der Rollwiderstand von Winter- und Sommerreifen dadurch nahezu angeglichen”, sagt Drechsler.

Bei der Wahl des Reifens für die kalte Jahreszeit sollte die Angst vor höherem Verbrauch - abgesehen davon, dass Motoren mit fallenden Temperaturen tendenziell mehr Sprit benötigen - also unbegründet sein. Mehr noch: Wer zu schmaleren Pneus mit geringerer Standfläche greift, kann Roll- und Luftwiderstand und damit den Verbrauch weiter senken: „Rein theoretisch müsste das so eintreffen, allerdings gibt es dazu noch keine Untersuchung”, so Drechsler.

Der BVR empfiehlt deshalb trotz möglichen Öko-Effekts, Winterreifen besser in den Dimensionen der Sommerreifen aufzuziehen. Selbst wenn schmalere Reifen vom Hersteller freigegeben seien. „Wir haben heute so sensibel abgestimmte Fahrzeuge, da kann sich mit sehr schmalen Reifen schnell das Fahrverhalten ändern”, warnt Drechsler.

Solche Änderungen des Fahrgefühls durch schlankere Dimensionen sind für Hans-Georg Marmit von der Sachverständigenorganisation KÜS aber noch nicht sicherheitsrelevant. „Wenn schmalere Reifen vom Hersteller freigegeben sind, dann sind sie auch sicher”, sagt er. Plage Autofahrer der Zweifel, sollten sie sich bei Reifendiensten, in Werkstätten oder bei den Herstellern Rat holen.

Einen Spritspareffekt durch schmalere Reifen bezweifelt Marmit zwar nicht, kann diesen aber wie der BVR nicht mit Messwerten belegen. Sein Tipp für Sparfüchse: „Das Essenzielle ist der Luftdruck.” Werde er konstant rund 0,5 bar über den Herstellerempfehlungen gehalten, seien je nach Fahrweise bis zu drei Prozent Einsparungen möglich, ohne dabei Einbußen beim Fahrkomfort zu riskieren. „Noch mehr Druck sollte man nicht auf die Reifen geben, sonst erhöht sich der Verschleiß”, sagt Marmit.

Thomas Oberst vom TÜV Süd dagegen rät: „Die Breite der Sommerreifen sollte nicht die Richtgröße für die Breite der Winterreifen sein.” Schmalere Reifen seien für das Fahren auf Schnee und Eis schlicht besser geeignet - solange sie für ein Fahrzeug zugelassen seien. Der Einspareffekt spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Unabhängig von der Reifenbreite haben Reifenkäufer eine weitere Option bei der Suche nach den passenden Pneus: Ganzjahresreifen. Sie können im Winter und Sommer gefahren werden. Und ein Satz kostet bei der Anschaffung weniger als die Kombinationen aus Sommer- und Winterreifen, wobei man den höheren Verschleiß in dieser Rechnung nicht vergessen darf. Die Experten urteilen allderdings einhellig: Ganzjahresreifen sind immer nur ein Kompromiss. Sie sind nie so gut wie Winterreifen im Winter und Sommerreifen im Sommer.

„Ganzjahresreifen können eine Alternative für Autofahrer in Ballungsräumen sein, wo oft weniger Schnee liegt”, sagt etwa Sven Rademacher vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Wer aber in den Alpen wohnt oder in den Winterurlaub will, sollte seinen Wagen unbedingt mit reinen Winterreifen ausstatten, um in allen Situationen genügend Grip zu haben.

Wer wissen will, welche Bremswege Reifen genau ermöglichen oder wie die Laufeigenschaften der Pneus auf Nässe oder Schnee seien, sollte Tests von Automobilclubs wie dem ADAC oder von der Stiftung Warentest studieren, rät Hans-Jürgen Drechsler vom BRV. So können sich Kunden außerdem einen Überblick über das aktuelle Preisniveau der Pneus verschaffen.

Die teuerste Variante dürften rollwiderstandsoptimierte Winterreifen sein. KÜS-Sprecher Marmit dämpft jedoch die Erwartungen: „Die Industrie ist noch den Beweis schuldig, dass diese Reifen auch tatsächlich einen Spareffekt erzielen.” Wichtigeres Kriterium beim Kauf sei dagegen der Griff zu Qualitätsreifen. Wer Reifen als Billigware erkenne, solle Abstand nehmen.

Ansonsten gelten für den Reifenwechsel im Herbst laut dem TÜV Süd nach wie vor folgende Tipps und Regeln: Grundsätzlich fahren Autofahrer mit der „O bis O”-Regel gut - wenn sie also von Oktober bis Ostern mit Winterpneus unterwegs sind. Die Straßenverkehrsordnung (StVO) schreibt mit dem M+S-Symbol versehene Winter- oder Ganzjahresreifen dann vor, wenn die Straßen mit Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte überzogen sind. Wer in diesen Fällen ohne geeignete Pneus erwischt wird, zahlt mindestens 40 Euro Bußgeld, wenn er den Verkehr behindert 80 Euro.

Die StVO schreibt zudem eine Profiltiefe von 1,6 Millimeter vor. Sachverständigenorganisationen wie TÜV, Dekra oder KÜS empfehlen mindestens 4 Millimeter.

Beim Reifenkauf gilt: Immer zu einem kompletten Satz greifen. „Denn eine Mischung aus alten und neuen Winterreifen bedeutet auch eine unterschiedliche Griffigkeit der einzelnen Reifen”, warnt der TÜV Süd vor ungewohntem Fahrverhalten. Über die richtige Reifengröße gebe der Fahrzeugschein oder die Betriebsanleitung Auskunft.

Zum Winterreifen bekehrt werden müssen die Deutschen nach einer Einschätzung der KÜS nicht mehr. Zwar seien im Februar 2011 noch rund 13 Prozent der Autofahrer mit Sommerreifen unterwegs gewesen, sagt Marmit. Dabei habe es sich jedoch meist um Stadtfahrer gehandelt. Deshalb sei diese Quote nicht bedenklich.
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