Überholen: Im Zweifel nie

Von: amv
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Zwei völlig zerstörte Fahrzeuge stehen nach einem Unfall auf der Landstraße 5 bei Leck (Schleswig-Holstein). Ein misslungenes Überholmanöver hat einen jungen Autofahrer das Leben gekostet. Bei dem Zusammenstoß wurde zudem ein Rentnerpaar schwer verletzt und ins Krankenhaus gebracht. Foto: dpa

Bonn. Auf Landstraßen in Deutschland verunglücken mehr Menschen tödlich als auf Autobahnen und Innerortsstraßen zusammen. Neben nicht angepasster Geschwindigkeit sind es häufig Fehler beim Überholen, durch die immer wieder Unfälle mit schweren Folgen verursacht werden.

Darauf weist der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) in Bonn hin. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 2012 - neuere Zahlen liegen noch nicht vor - außerhalb geschlossener Ortschaften Fehler beim Überholen in 7241 Fällen Ursache von Unfällen mit Personenschaden. Dabei wurden 220 Menschen getötet.

Darüber hinaus dürften zahlreiche weitere Unfälle ebenfalls mit Überholmanövern in Verbindung stehen, zum Beispiel wenn ein Fahrzeug nach einem Überholvorgang ins Schleudern gerät und von der Fahrbahn abkommt. Bei unklarer Verkehrslage, vor unübersichtlichen Stellen, bei Aquaplaninggefahr, schlechter Witterung oder ungenügender Sicht sollte nicht überholt werden, appellieren die DVR-Fachleute.

Das gleiche gilt, wenn unklar ist, ob nach dem Überholen eine Lücke zum Wiedereinscheren vorhanden ist. „Im Zweifel nie“ lautet also die Devise, mit der lebensgefährliche Situationen auf der Landstraße verhindert werden. Rechtlich ist die Lage eindeutig. Überholen darf nur, wer übersehen kann, dass während des gesamten Überholvorgangs jede Behinderung und jede Gefährdung des Gegenverkehrs ausgeschlossen ist.

Dies setzt voraus, dass der Überholende die Gegenfahrbahn auf einer Strecke einsehen kann, die mindestens so lang ist wie der für den Überholvorgang benötigte Weg, zuzüglich der Strecke, die ein entgegenkommendes Fahrzeug während dieser Zeit zurücklegt. Bestehen geringste Zweifel, gefahrlos überholen zu können, muss der Versuch unterlassen werden.

Die für das Überholen benötigte Strecke wird nach den Beobachtungen des DVR häufig unterschätzt: Um einen mit 70 Kilometer pro Stunde (km/h) fahrenden Lkw auf der Landstraße zu überholen, benötigt ein Pkw-Fahrer unter Ausschöpfen der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h eine Strecke von etwa 350 Metern, wenn er vor und nach dem Überholvorgang die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände zum Überholten einhält. Da er immer damit rechnen muss, dass während des Überholens Gegenverkehr auftaucht, muss er mindestens die doppelte Strecke, also 700 Meter, einsehen können, wenn das Überholmanöver nicht zum unkalkulierbaren Vabanque-Spiel werden soll.

Besonders brenzlig wird es, wenn plötzlich, etwa in einer Allee, ein Traktor aus einem Feldweg einbiegt. Grundsätzlich sollte man sorgsam abwägen, ob Überholen überhaupt sinnvoll ist. Der Zeitgewinn, der durch häufiges Überholen erzielt werden kann, ist gering.

Testfahrten auf Landstraßen haben laut DVR ergeben, dass sich die Fahrtzeit auf einer Strecke von 20 Kilometern selbst durch aggressives Überholen bei jeder sich bietenden Gelegenheit lediglich um durchschnittlich 1,5 Minuten verkürzen ließ. Auch beim Aus- und Wiedereinscheren werden beim Überholen nach Beobachtungen des DVR häufig Fehler gemacht: Wer ausscheren will, muss sich so verhalten, dass eine Gefährdung der nachfolgenden Fahrzeuge ausgeschlossen ist. Auch beim Wiedereinscheren muss der Sicherheitsabstand zum Überholten eingehalten werden. Wer nach einem Überholvorgang den Überholten absichtlich schneidet oder ihn zu einer Bremsung zwingt, begeht damit unter Umständen eine Nötigung. Außerdem darf das Blinken nicht vergessen werden.

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