Aachen - Streetscooter: In Aachen werden wieder Autos gebaut

Streetscooter: In Aachen werden wieder Autos gebaut

Von: Berthold Strauch
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Alles fest im Griff: Frank Beyer baut die Bodenplatte in den Streetcarrier ein, Vorläufer des Elektromobils Streetscooter. Foto: Berthold Strauch
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Will die Postfahrzeuge in Aachen montieren: Professor Achim Kampker.

Aachen. An der Jülicher Straße in Aachen könnte sich bald ein historischer Kreis schließen. Wo gerade die Mitarbeiter von Bombardier, dem Montagewerk für Schienenfahrzeuge, um ihre Zukunft kämpfen, soll im April 2014 die Serienproduktion des neuen Aachener Elektroautos Streetscooter starten.

Nicht mal 15 Minuten Fußweg von diesem altindustriellen Standort entfernt wurden bis 1927 gleichfalls Autos gebaut. Die Fahrzeuge der dortigen Fafnir-Werke machten einst sogar auf Rennstrecken Furore.

Im damaligen Fafnir-Gebäude nahe dem Stadtteil Haaren war bis Mitte der achtziger Jahre der weltweit erfolgreiche Automobil-Dienstleister FEV ansässig, bis er sein rasantes Wachstum in Eilendorf fortsetzte. Heute sitzt dort die Gesellschaft für Industrieforschung, ein bedeutender Entwicklungspartner der Autobranche.

Üben mit dem Streetcarrier

Nun könnte es also eine strahlende moderne Zukunft für die Automobilfertigung in der altehrwürdigen Kaiserstadt geben. Aber ob es diese Renaissance der „Autostadt Aachen“ tatsächlich geben wird, hängt nicht allein an Aachener Akteuren. Geschäftsführer der Streetscooter GmbH ist Professor Achim Kampker. An der RWTH leitet er den Lehrstuhl für Produktionsmanagement am weltberühmten Werkzeugmaschinenlabor (WZL).

Wenn es um Fertigung einer Vorserie des „Stromers“ geht, ist die Standortentscheidung schon gefallen: Auf dem Gelände einer ehemaligen Eisenhütte im Aachener Stadtteil Rothe Erde wird derzeit alles getan, um den komplexen Fertigungsprozess für ein Elektromobil in den Griff zu bekommen. Als „Übungsobjekt“ dient ein Derivat, eine Abwandlung des Streetscooters, der Streetcarrier. 30 Exemplare dieses Modells werden ab sofort in der kleinen Manufaktur gebaut. Sie sollen nach Fertigstellung vom dynamischen Streetscooter-Team im Alltagsbetrieb auf der Straße getestet werden.

Erst wenn die „Kinderkrankheiten“ erkannt und beseitigt sind, geht es an die Abwicklung des attraktiven Auftrags für den größten Logistikkonzern des Landes, die Deutsche Post DHL. Ein Prototyp habe bereits die Erwartungen erfüllt, bekräftigt Jürgen Gerdes, Konzernvorstand Brief in Bonn.

Ab April steht die Fertigung von 50 Streetscooter-Exemplaren in klassischem Postgelb auf dem Arbeitsplan der jungen Aachener Autobauer. Bereits ab Juli, so Postsprecherin Christina Müschen gegenüber unserer Zeitung, sollen die ersten Fahrzeuge in verschiedenen Stützpunkten bundesweit im Brief- und Paket-Zustelldienst der Deutschen Post eingesetzt werden, vorwiegend auf dem Land. Ob eines dieser Exemplare auch an seinem „Geburtsort“ Aachen seine elektrisch angetriebenen Runden drehen wird, ließ sie offen. Ist der Auftraggeber mit dem Alltagsbetrieb zufrieden, bei dem die Postzusteller zu „Testfahrern“ werden, könnten den Streetscooter-Machern erst recht lukrative Folgeaufträge winken – nicht nur der Post, sondern auch anderer Abnehmer. Es gebe, sagt Professor Kampker, konkrete Gespräche mit möglichen weiteren Kunden.

Und dann wird‘s also für den Standort Aachen höchst interessant: Viele Strippenzieher wollen die Großserienfertigung auf dem Bombardier-Gelände realisiert wissen, um noch mehr Jobs der Bahnbauer zu sichern. Doch während die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) noch kein direktes Gespräch mit Kampker geführt hat, sieht es im Süden der Republik bereits anders aus.

Wie Arne Braun, stellvertretender Regierungssprecher im baden-württembergischen Staatsministerium, am Montag auf Nachfrage bestätigte, habe Prof. Kampker Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) „in einem persönlichen und vertraulichen Gespräch über das Projekt Streetscooter informiert“ – mit der Option, die Serienfertigung ins „Ländle“ zu locken: „Wir sind grundsätzlich daran interessiert“, so Braun, „eine Produktion von Elektrofahrzeugen in Baden-Württemberg anzusiedeln.“ Zu dem Thema hält sich Kampker bedeckt. Zu hören war nur, dass es auch politische Initiativen gebe, den Streetscooter nach Bochum abzuwerben, wo 2016 das Opel-Werk dichtmachen soll.

2014 plant Achim Kampker bereits bis zu 5000 Streetscooter auf die Räder zu stellen. Man werde dort produzieren, „wo die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen“, sagt er unmissverständlich. Diese Einschränkung sei er den Gesellschaftern schuldig. Aber er bekennt auch nachdrücklich, dass seine Vorliebe unbedingt Aachen gelte: „Hier sind wir gut aufgenommen worden.“

Der dreisitzige Pkw-Prototyp des Streetscooters in Weiß-Blau zieht aktuell übrigens noch bis Sonntag auf dem Genfer Auto-Salon viele Blicke auf sich.

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