Störungsfreier Autoverkehr? In Aachen unmöglich

Von: Bernd Müllender
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Eine Kontrollstelle zur Unterbindung des Durchgangsverkehrs in der Altstadt. Symbolbild: imago/Jürgen Eis

Aachen. Wer jemals ein Auto lenkte, also die meisten von uns, kennt tief aus seinem Innern diese Reaktion: „Wieso rot, wieso stoppt mich diese Ampel? Wieso kriegen diese Idioten keine grüne Welle hin? Würfeln die die Ampelschaltungen oder ist es sogar Absicht? Ja, das Auto soll uns wohl verleidet werden.“ Und zur Rache tritt der rechte Fuß, kaum dass gelb auftaucht, besonders kräftig durch. „Die zwingen mich ja zum rasen. Sonst stehe ich vor jeder Ampel und komme nie an...“.

All diese Mutmaßungen kennt auch Katrin Ulbort. Sie ist in Aachen verantwortlich für die Ampelschaltungen. Im Netz beschreibt sie ihre Arbeit mit Fachbegriffen wie Lichtsignalsteuerung, Grünzeitverteilungen, Grünfenster, Steuergeräte mit Funkschnittstellen, Störfaktoren, koordinierte Streckenzüge.

Aber warum ist trotzdem so oft Rot, und vor allem, wenn es am wenigsten Sinn zu machen scheint? Wir starten unsere Fahrt am Bahnhof Richtung Schanz – und stehen gleich vor Rot. „Wenn man in eine Straße einbiegt“, sagt Ulbort gleich, „hat man natürlich schlechte Karten mit grüner Welle“. Okay, grün wäre Zufall. Und man erwartet ja keine Wunder. Ulbort blättert in ihren Zeit-Weg-Diagrammen. Seitenweise eng bedruckte Blätter in Mikroschrift. Die gibt es für alle Straßen in Aachen: schräge Linien, senkrechte grüne Striche, schiefe schraffierte Ebenen. Sehr verwirrend.

Unsere Tour ist als eine Art Duell angelegt. Ich will ihr groteske Falschschaltungen beweisen. Jedes Rot als Anklageschrift: Schuldig gesprochen soll sie werden für viele Tonnen CO2 für die Feinstaubnebel, verschwendeten Sprit von abertausenden Litern, unnötige Lärmbelastung, Nervenzerrüttung der Wagenlenker. Ulbort plädiert auf Freispruch. Sie will mir zeigen, dass die Ampelschaltungen in Aachen so grünwellig wie möglich funktionieren.

Wir passieren vier grüne Ampeln, mit genau Tempo 50. An der Ecke Jakobstraße springt die Ampel vor uns auf Rot. Warum? „Damit auch der Gegenverkehr eine Chance auf grüne Welle hat.“ Ja, aber die sollen doch gleichzeitig fahren. Wo ist das Problem?

Grün – es geht weiter. Innerer Ring, drei grüne Ampeln, bis wir knallrot neben dem TH-Audimax enden. Ulbort will stolz darauf hinweisen „dass wir seit dem Bahnhof nur einmal kurz gestanden haben“ – bei acht Ampeln. Ich will wissen, warum klappt die neunte nicht, ausgerechnet die kleine Claßenstraße von links? Wenn die Ringe nicht vorrangig sind – wer dann? Ulbort blättert. Wieder fällt das Wort von der Gegenrichtung. An großen Kreuzungen ist der Konflikt nachvollziehbar: Zwei Haupttangenten begegnen sich, da muss einer unter Umständen verlieren. Nur warum hat man immer das Gefühl, es träfe nur einen selbst, nie die anderen? „Falsche Wahrnehmung“, sagt sie.

Krefelder Straße. Ulbort will eine neu installierte Anlage zwischen den Tivolis checken, ob sie in die Welle taktet. Tut sie. Prima, freut sie sich. Wir drehen. In der Gegenrichtung wird es oben am Soerser Weg knapp, obwohl wir eher knapp 60 als 50 gefahren sind. Warum? „Vielleicht ist der Tacho falsch.“ Später passiert das noch mal. Es gibt also auch was zu lachen.

Aber im Ernst: „Das hat wieder mit der Koordinierung der Gegenrichtung zu tun“ – „Ja, das kann doch gleichzeitig passieren.“ – „Nein, kann es leider nicht.“ Jetzt muss Katrin Ulbort Entscheidendes erklären. „Die Gegenrichtungen stehen immer in Konkurrenz zueinander. Weil die Autos aus der Gegenrichtung oft zu einer anderen Zeit mit ihrer grünen Welle ankommen. Für beide Seiten würde es nur funktionieren, wenn alle Knoten gleich weit auseinander wären.“ Knoten sind die Kreuzungen. Meine Antwort: „Da hätten die Gründer Aachens mal dran denken können.“ Tja, sagt Ulbort.

So wie Aachen gebaut ist, kann es keinen störungsfreien Verkehr geben. Man könne nur das Beste daraus machen. Für Linderung sorgen die Morgen- und Abendschaltung, die jeweils eine Seite bevorteilen; morgens (bis 11.30 Uhr) stadteinwärts, danach umgekehrt. Wer also mehrheitlich gegen die Hauptverkehrsrichtungen unterwegs ist, empfindet die Ampelschaltungen immer als unausgegoren. Zusätzlich zu den Tangentialen gibt es noch das radiale Ringe-system. Es gibt keine Hauptrichtung, alles ist in sich schief, der Verkehrsfluss ungleichzeitig. Eine dauerhafte Konkurrenzsituation. Wie leicht haben es da die Amis mit ihren Planquadratstädten.

Und Autos sind ja nicht allein unterwegs. Auf der Vaalser Straße stadtauswärts stehen zwei Fußgängerampeln nacheinander. Wenn da wer drückt, ist nach zwei Sekunden gelb, gegen alle Wellen. 56 Ampeln mit Fußgängerdrucktasten hat Aachen, 34 davon können den Autoverkehr sofort stoppen. An den anderen müssen die Fußgänger manchmal länger warten, bis zu 90 Sekunden. „Extrem unkomfortabel, weil man subjektiv schnell das Gefühl hat, dass einen das System vergessen hat. Das gibt viele Beschwerden.“ Der Fußgänger, wohlgemerkt. Ja, die meckern auch, sagt Ulbort. Und wie.

Es rollt – bis zum Steppenberg. Hier käme nur durch, wer mindestens 65 fährt. Ärgerlich. Ich schimpfe. Und noch der Gegenverkehr mit Vorlauf, unnötig. Das, sagt Ulbort, liege an Beschwerden von Fußgängern, die ein paar Sekunden exklusiv brauchen. Endlich grün – um 400 Meter weiter an der Schurzelter Straße wieder zu warten (oder sich mit maximal 30 anzuschleichen, bis die Ungeduldigen hinter einem schon lichthupen). Warum ist hier nicht alles 15 Sekunden vorgetaktet?

Wir drehen. Und jetzt, in Gegenrichtung, an der westlichsten Ampel der Republik, am Anfangs allen Grüns und Rots, leuchtet Ulborts Erklärung endgültig ein. Würde man die Welle hier 15 Sekunden früher starten, käme man in Gegenrichtung prima durch. Aber wir stünden am Steppenberg, der nächsten Ampelkreuzung, 15 Sekunden zusätzlich. „Wenn wir von hier kommen, wollen wir später grün, von der Gegenseite aber früher.“ Staunen. Damit einer gewinnt, muss ein anderer verlieren.

Boxgraben, Südstraße. Rot. „Eine Problemstelle, zugegeben“, sagt Katrin Ulbort. „Aber die kriegen wir nicht verbessert.“ Dann kommen die Busse ins Spiel, die an manchen Stellen wie Ecke Boxgraben/Karmeliterstraße per Funk autonome Eingriffsrechte haben. „Die kommen von den Haltestellen nur weg, wenn sie alle anderen Fahrzeuge kurz zum Stehen bringen.“ Folge: Taktverkürzung. Nach zwei Minuten, sagt Ulbort, stellt sich der alte Takt automatisch wieder ein. Über die Normaluhr kommen wir in einem Rutsch. Das klappt erst seit dem Umbau. Sehr gut.

„Was ganz schlecht funktioniert“, gibt Ulbort zu, „ist der untere Adalbertsteinweg.“ Danke für den Tipp – nix wie dahin. Doch es rollt problemlos, bis Zeppelin-/Triererstraße. „Jetzt haben wir einen Bruch.“ Wir sind vor 11.30 Uhr stadtauswärts unterwegs, im ungünstigen Modus. „Da fliegen wir leicht raus. Das ist nicht zu ändern.“ Dafür rolle der stadteinwärtige Verkehr perfekt, kündigt sie an.

Nach zwei Stopps unterwegs drehen wir oben in Brand. Und tatsächlich: Es rollt, sogar unter der Autobahn durch, „ein extrem überbelasteter Abschnitt, besonders morgens früh. Sehr schwer koordinierbar mit viel querendem Verkehr von der Autobahn. Da müssen wir die Grünphasen sehr kurz halten.“

Es geht sogar über die konkurrierende Großkreuzung Adenauerring, was als positives Bonuserlebnis verbucht wird. Am lächerlich kleinen Eisenbahnweg aber ist das Glück zu Ende. Ulbort blättert. „Das darf nicht sein. Das ist ein Fehler. Hätte grün sein müssen.“ Grund: Diese Anlage ist nicht von Siemens, hängt aber am Siemens-Hauptrechner. „Da gibt es Schnittstellenprobleme.“ Man werde das ändern – aber jede Firma schiebe die Schuld auf die andere. „Wir sind alle Bau-Ingenieure. In der komplexen Software-Technik stecken wir nicht drin.“ Die Stadt kauft Ampelanlagen nicht immer beim gleichen Hersteller, „weil wir einen gesunden Wettbewerb wollen. Da haben wir schon sehr viel Geld gespart.“

Eine neue Ampel kostet „all inclusive“ 40 000 Euro. 228 gibt es in Aachen. Mehr als die Hälfte ist nachts ausgeschaltet.

Manchmal sieht man beim Anfahren in Entfernung eine Ampel auf grün. Das ist psychologisch ganz schlecht. Dann rast der Autofahrer gern. „Das können wir mit Hilfe der Schaltung nicht verhindern. Dann müsste man es so schlecht schalten, dass man grün verpassen muss.“ Das heißt im Jargon „pförtnern“. Wird in Aachen nicht gemacht, beteuert Ulbort, die privat mit einer Vespa motorisiert ist. Leider gibt es auch nicht die intelligenten Ampeln wie im niederländischen Teil von Lemiers, die sofort auf rot schalten, wenn jemand zu schnell unterwegs ist. Kann man Autofahrer denn durch Ampelschaltungen zur Vernunft erziehen? Sie lächelt, als halte sie für nicht resozialisierbar, wer einmal am Gebrumme der Vierräder schmeckte.

Könnte man die Fahrer wenigstens durch Ampeln auf Tempo 40 statt 50 runterdimmen? Jederzeit, sagt Ulbort, aber mit den gleichen Problemen wie bei jedem Tempo. Staus entstehen oft, eine Binse, durch die neunmaldummen Autolenker, die vorpreschen, um mit nervösem Gasfuß schneller am Rotlicht zu stehen und für die ankommende Welle im Weg stehen. Autofahren ist vielen ein Wettbewerb um eine Pole Position statt intelligentes Mitschwimmen. Fische würden uns Menschen ohnehin auslachen.

Mit dem Alleenring und seinen Großknoten ist Ulbort sehr zufrieden, „trotz extrem starker Fußgängerströme und der vielen auftreffenden Radialen“. Am Hansemannplatz aber steht man von der Bastei kommend immer. „Die Planung hat ein renommiertes Ingenieurbüro gemacht. Ist nicht von uns!“ Klingt wie eine Entschuldigung, aber besser bekämen wir es auch nicht hin, sagt Katrin Ulbort. Abbieger sind ein zusätzliches Problem. „Die dürfen sich nicht lange aufhalten im Knoten. Bei starkem Verkehr stehen Autos ohnehin noch im Pulk, der erst abgeräumt sein muss“. An der Normaluhr sind sogar Knoten im Knoten.

In der idealen Stadt gäbe es nur Einbahnstraßen, die Ampelschaltung wäre nahe der Perfektion. Oder wenn es keine Einmündungen gäbe. Dann könnte man zwei Richtungen unabhängig voneinander verschalten. Das ist die Theorie, das enge Aachen ist die Realität.

Das Duell ist verloren. Doch schon beim ersten Mal nach der Lehrstunde mit Katrin Ulbort steht man irgendwann wieder an einer roten Ampel. Und wie im Reflex kommt der Gedanke: Wieso funktioniert das nicht? Wieso wird das blöde Ding gerade vor mir rot, wo ich doch so sinnvoll wie möglich mit 50 dahingefahren bin. Das verschachtelte Aachen ist einfach nichts für Autos. Und Autofahrer, gleichzeitig kleiner Teil eines großen Stromsystems und dabei doch immer extrem Ich-bezogen, lernen einfach sehr, sehr schlecht. Wenn überhaupt.

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