Geräuschlose Gefahr: Elektro-Mobile machen es Blinden schwer

Von: Philipp Laage, dpa
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Gefährliche Schleichfahrt: Blinde Menschen können Elektroautos bei niedrigem Fahrtempo kaum wahrnehmen. Eine Lösung für dieses Problem gibt es noch nicht. Foto: dpa

Berlin/Duisburg. Es ist ein friedliches Szenario für die Zukunft: In deutschen Innenstädten rollen fast nur noch Elektroautos über die Straßen. Die Wagen sind extrem leise, der Verkehrslärm ist Vergangenheit. Das klingt idyllisch - doch für Blinde und Sehbehinderte werden die lautlosen E-Mobile zur Gefahr. Bei niedrigen Geschwindigkeiten sind sie kaum zu hören.

„Das ist für Blinde eine enorme Gefahr”, sagt Hans-Karl Peter vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) in Berlin. Gefährlich seien Elektro-Mobile vor allem in verkehrsberuhigten Bereichen und Einmündungen, an Kreuzungen und Zebrastreifen oder auf Parkplätzen. „Man sieht und hört die nicht kommen.”

Wie ist das Problem zu lösen? Nach Peters Ansicht müssen die Wagen ein Geräusch von sich geben, das sich eindeutig zuordnen lässt. „Dazu gibt es im Moment keine Alternative”, erklärt der Verbandssprecher. Ob die Elektro-Autos in Zukunft wie ein Verbrennungsmotor brummen sollen oder piepen, darüber sind sich die Hersteller noch nicht einig. „Wir brauchen Vorgaben, aber kein Vogelgezwitscher und auch keine Klingeltöne”, fordert Peter.

Eine andere Meinung vertritt Prof. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Er wehrt sich gegen „überbordende Regulierungswut”. „Man sollte die Autos und damit auch die Städte nicht lauter machen.” Der Automobilexperte weist darauf hin, dass manche Fahrzeuge bereits über Notbrems-Assistenten verfügen, die bei einem Tempo unter 30 Stundenkilometern automatisch auf Hindernisse reagieren. „In absehbarer Zeit werden alle Autos solche Systeme an Bord haben.” Volkswagen, Mercedes, Audi oder Volvo bieten schon heute Notfall-Assistenten an - einen Aufprall können sie aber oft nicht verhindern.

„Das sind wunderbare Geschichten, aber es ist nicht die Masse der Autos, die sich auf den Straßen befindet”, sagt Peter über die Assistenzsysteme. „Da muss noch viel geforscht und gebaut werden.” Dabei spielt auch eine Rolle, dass nicht nur Elektro- oder Hybridautos eine Gefahr darstellen - sondern auch Segways, Pedelecs und alle anderen Fortbewegungsmittel, die ohne Motor auskommen. Das sei zwar kein neues Problem, ein normales Fahrrad höre ein Blinder schließlich auch kaum. „Aber das ist natürlich eine Gefahr.”

Eine Lösung für alle Fahrzeuge könnte eine Art „elektronischer Blindenstock” sein, erläutert Dudenhöffer. Damit ist ein Warnsystem gemeint, zum Beispiel als Handy-Applikation, das der Fußgänger immer bei sich trägt. E-Mobile erhalten im Gegenzug einen Sensor und senden eine Warnung an Geräte in der Nähe. Mit dem Sensor ließen sich auch Scooter und E-Bikes ausstatten. Für Blinde biete das „perfekte Sicherheit”, findet der Experte.

Der DBSV ist anderer Meinung: Es gebe in etwa 145.000 Blinde und 1,2 Millionen Sehbehinderte in Deutschland, erklärt Verbandssprecher Peter. „Wie wollen sie die alle ausstatten?” Außerdem dürfe die Sicherheit eines beeinträchtigten Menschen nicht von einem technischen Gerät abhängig gemacht werden. Ohne dieses Gerät könne ein Blinder überhaupt nicht am Straßenverkehr teilnehmen. Und was passiert, wenn der Sensor oder Empfänger einmal ausfällt?

Wie das Geräuschproblem mit den E-Mobilen am Ende zu lösen ist, darüber wird immer noch heftig gestritten. Im März 2011 sei von der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen (UN/ECE) eine Empfehlung bezüglich Mindestgeräuschanforderungen für leise Straßenfahrzeuge verabschiedet worden, erklärt das Bundesverkehrsministerium auf Anfrage. Sie richtet sich an die Autohersteller und ist nicht verpflichtend. E-Fahrräder und Segways sind außerdem davon ausgenommen.

Ministeriums-Sprecherin Julie Heinl weist auf die geringe Lärmbelästigung durch Elektro-Fahrzeuge hin. Deshalb sollten technische Lösungen gesucht werden werden, die sich nähernde Personen durch ein intelligentes System erkennen und nur dann warnen. Wann und wie reguliert wird, ist also noch vollkommen offen.

„Ein eindeutiges Geräusch ist im Moment alternativlos”, sagt Peter. Ein nervtötendes Piepen möchte er aber auch nicht. Das Geräusch solle sich an einen Verbrennungsmotor anlehnen. „Piepen belästigt alle.” Vor allem dürfe das Geräusch nicht abschaltbar sein. „Damit ist uns nicht geholfen.” Der Verband sucht im Moment gemeinsam mit der Industrie nach einer Lösung. „Wir verschließen uns nicht, wir arbeiten mit.”

„Woche des Sehens” im Oktober

Um die Situation sehbehinderter Menschen dreht sich die „Woche des Sehens” vom 8. bis 15. Oktober. Sie wird bundesweit zum zehnten Mal veranstaltet. Augenärzte, Selbsthilfeorganisationen und Hilfswerke bieten in der Woche Aktionen unter dem Motto „Sehen, was geht!”, kündigt der Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) an. Dabei soll es zum Beispiel um die Frage gehen, wie die der Alltag sehbehinderter Menschen erleichtert werden kann.
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