München - Gebrauchtwagenkauf: Blendern auf der Spur

Gebrauchtwagenkauf: Blendern auf der Spur

Von: amv
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Rost und Reparaturen auf der Spur - Gebrauchtwagen beurteilen
Wer glaubt, auf eine professionelle Prüfung durch einen Kfz-Sachverständigen verzichten zu können, der tut gut daran, sich seine eigene Checkliste zu fertigen und abzuarbeiten.

München. Er sieht gut aus, wohl gepflegt, technisch ohne Mängel und auch der Preis stimmt. Zumindest auf dem Papier. „Doch in Wirklichkeit haben viele Anbieter von Gebrauchtautos ein eher taktisches Verhältnis zur Wahrheit“, schildert Philip Puls von TÜV Süd in München seine Erfahrungen: „Realität und Anzeige klaffen oft weit auseinander.“

Wer glaubt, auf eine professionelle Prüfung durch einen Kfz-Sachverständigen verzichten zu können, der tut gut daran, sich seine eigene Checkliste zu fertigen und abzuarbeiten. Per Telefon lässt sich dann im ersten Schritt die Spreu vom Weizen trennen.

„Bevor sich Interessenten auf den Weg zu einer Besichtigung machen, heißt es, alle im Inserat genannten Angaben hinterfragen“, beschreibt Puls den Start für eine erfolgreiche Einkaufstour. Da ist beispielsweise die Aussage „alle KD“, was so viel bedeutet soll, wie alle Kundendienste sind regelmäßig durchgeführt worden.

„Aussagekräftig ist hier nur das lückenlos und nachvollziehbar ausgefüllte Serviceheft. Rechnungen der Servicearbeiten sind noch besser. Selbsteinträge sind ohne Belang, also konkret nachfragen“, empfiehlt der TÜV Süd-Fachmann. Das gilt ebenso für den letzten Prüfbericht, der für die Anmeldung später benötigt wird. Dort können außerdem Mängel aufgeführt sein.

Unbedingt nach Vorschäden und Unfällen fragen. Die Formulierungen „Unfallfreiheit“ und „ohne Vorbeschädigungen durch Unfall oder sonstige Beschädigungen“ schriftlich im Vertrag fixieren. Der Hinweis „ohne erkennbare Unfallschäden“ reicht nicht aus. „Weicht der Verkäufer beim Unfallthema schon am Telefon aus, Finger weg“, schildert Puls seine Erfahrungen. „Auch die Frage, warum verkauft werden soll, bringt mehr Sicherheit. Wird gedruckst, Angebot wechseln“, rät Puls.

Wichtig ist überdies, dass der Anbieter mit dem letzten eingetragenen Vorbesitzer identisch ist. Sonst handelt es sich womöglich um einen Händler, der die Gewährleistungspflicht umgehen will.

Das Objekt seines Begehrens sollte man sich niemals alleine anschauen, sondern wenn möglich mit einem Fachmann. Bei der Besichtigung empfiehlt es sich als erstes die Fahrgestellnummer mit den Fahrzeugpapieren abzugleichen. „Das zeugt von Sachverstand und erzeugt Respekt“, weiß der TÜV Süd-Fachmann. Zu den Kontrollpunkten gehört zunächst die Außenhaut, am besten bei gutem Wetter und unter freiem Himmel, niemals bei Regen.

Um Korrosionsschäden zu entlarven, vor allem die Kotflügel, die Kanten und Falze an den Türen, die Türschweller, die Bodenbleche im Innenraum (Teppiche oder Matten hochheben), die oberen Aufhängungen der Federbeine (Domlager) sowie den Unterboden und die Reserverad-Wanne ins Visier nehmen. Zudem einen Blick auf die Spaltmaße von Türen, Kofferraumklappe und Motorhaube werfen. „Sind die Spalten unterschiedlich breit, hat das Auto mit großer Wahrscheinlichkeit einen Unfall gehabt“, erläutert der Fachmann.

Ist bis dahin alles im Lot, steht die obligatorische Probefahrt an. Beleuchtung, Scheibenwischer, Heizungs- und Lüftungsanlage sowie alle Hebel und Instrumente am Armaturenbrett werden kurz geprüft, ebenfalls alle Extras wie etwa Klimaanlage oder Schiebedach. Jede Kontrollleuchte muss bei angeschalteter Zündung aufleuchten und nach dem Starten erlöschen.

In der Bedienungsanleitung sind alle Kontrollleuchten aufgeführt. „Die Kupplung muss ohne Ruckeln und Durchrutschen ihren Dienst tun, die Handbremse fest arretieren und die Fußbremse gleichmäßig und kräftig zupacken“, skizziert Puls das gewünschte Ergebnis. Die Gänge sollten sich ohne Hakeleien und kratzende Geräusche einlegen lassen. Das Lenkrad darf nicht flattern und das Bremspedal nicht pulsieren. „Vor allem Geschwindigkeiten über 80 Stundenkilometer anfahren, denn da zeigen sich eventuelle Fahrwerksmängel erst“, rät der Fachmann.

Skepsis bereitet stets die Kilometerlaufleistung. Wie weit das Auto wirklich schon gefahren ist, machen die Einträge im Serviceheft oder auf dem Ölwechselanhänger im Motorraum plausibel. Die Angabe „abgelesener Km-Stand laut Tacho“ im Vertrag sagt nichts über die „Gesamtfahrleistung“ aus.

Erhöhter Verschleiß von Pedalgummis, Lenkradbezug oder Türgriffen sind mögliche Hinweise für eine hohe Laufleistung. In diesem Zusammenhang unbedingt fragen, ob der Wagen noch den Originalmotor hat. Wurde ein Austauschaggregat eingebaut, sind dazu lückenlos Belege und Rechnungen nachzuweisen.

Unter der Motorhaube dienen die Beschaffenheit der Schläuche sowie der Stand der Flüssigkeiten bei Öl, Kühlmittel, Bremse, Servolenkung und Batterie als Gradmesser für Pflege und Wartung. Tipp: Weißer Schaum am Deckel des Öleinfüllstutzens oder am Ölmessstab deutet auf einen Defekt der Zylinderkopfdichtung hin. Und „ebenfalls einen Blick auf die Reifen werfen. Ein unregelmäßig abgefahrenes Profil kann Schäden am Fahrwerk signalisieren“, ergänzt Puls.

Mitunter kann schon das Verhalten des Verkäufers ein Indiz für die Qualität des Gebotenen sein. „Sträubt sich der Verkäufer gegen einen Profi-Check, auf zum nächsten Angebot. Das gilt ebenso, wenn der Verkäufer versucht, Druck auszuüben, um den Kauf schnell abzuschließen“, legt der TÜV Süd-Fachmann Gebrauchtwagenkäufern ans Herz.

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