Das Elektrofahrrad legt sämtliche Berge flach

Von: Bernd Müllender
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Ob in der freien Natur oder auf dem Asphalt: Mit dem Pedelec hat Bernd Müllender bislang noch jedes Ziel erreicht. Foto: imago/imagebroker, dpa
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Ob in der freien Natur oder auf dem Asphalt: Mit dem Pedelec hat Bernd Müllender bislang noch jedes Ziel erreicht. Foto: imago/imagebroker, dpa
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Normalerweise ist die Oppenhoffallee ein monströser Parkplatz mit Fahrbahnen dazwischen, nur kurz vor dem Kinderzug am Karnevalssonntag präsentiert die einstige Kaiserallee sich blechfrei: Paradiesische Zustände für einen überzeugten Radfahrer wie unseren Autor. Foto: Müllender

Aachen. Banale Tourenräder gehören schon immer zu unserem Haushalt. Sie sind selbstverständliche innerstädtische Fortbewegungsmittel bei jedem Wetter und jeder Jahreszeit. Doch ob Richtung Vaals, Kerkrade, nach Würselen oder Hauset – in Aachen geht es oft steil bergauf. Gar nicht schön.

Bei Strecken ab einer halben Stunde Dauer gewann bei mir lange Zeit oft der innere Schweinehund. Dann musste der Leihwagen helfen oder die Nachbarn mit ihrem wenig genutzten Auto. Doch seit dem Frühjahr 2009 ist Aachen für mich quasi eingeebnet worden. Der Motor meines Elektrorades legt alle Berge flach. Ich fliege an den Autos vorbei, wenn sie sich mal wieder zu Zähflüssigkeit verdichten oder ganz stauen. Ja, über 3000 Euro hat das Pedelec (Pedal Electric Cycle) gekostet. So viel Geld für ein Rad, schüttelten Freunde den Kopf. Ich erwiderte: Entschuldigung, so viel hat ein Mittelklasseauto im Jahr an Wertverlust, ohne dass man einen einzigen Kilometer gefahren wäre. Anfangs war auch mancherlei Spöttelei zu ertragen: „Elektro-Fahrrad? So alt bist du doch nicht.“

Ich freue mich, dass Pedelecs mittlerweile boomen. 2007 wurden 65 000 in Deutschland verkauft, für 2013 rechnet die Branche mit einer halben Million. Die Käufer werden immer jünger, schon einst damals ein eigenes.

In Maastricht, 37 Kilometer entfernt, war ich, da allerdings sportlich durchgeschwitzt, von Haustür zu Haustür in 68 Minuten. Das war schneller als der Überlandbus. Spontan ging mal eben nach Bardenberg auf die Burg Wilhelmstein zu einem Konzert. Die 24 Minuten Fahrzeit hätte ich inklusive Parkplatzsuche mit dem Auto nicht geschafft, fürs normale Rad wäre ich zu faul gewesen. Shoppingtouren nach Heerlen, zum Eisessen nach Kornelimünster, mal eben einen Freund in Rott besuchen, alles kein Problem. Zum Fußballspiel nach Lemiers geht es fast immer per Rad, zum Golfplatz nach Sippenaeken auch. Getankt wird 100 Prozent grüner Strom.

Für die sommerliche Tour eifelaufwärts zur Wildenburg hinter Hellenthal (62 Kilometer) reichte erwartungsgemäß der Akku nicht, am Rursee bei Kaffee und Kuchen wurde er eine Stunde nachgeladen. Zur Rush Hour, wenn von Schanz bis Normaluhr stop and go herrscht, schaffte ich die Strecke von Gemmenich schneller als der Nachbar im Auto. Und dann muss der erst einen Parkplatz suchen.

E-Bike fahren wäre das Paradies, gäbe es die Autos nicht oder wären es nur weniger. Die Platzräuber sind immer im Weg. Manchmal hilft nur die Vollbremsung, um einen Crash zu verhindern. Dann sagen Fahrers gerne verdutzt, auch mal zerknirscht; „´schuldigung. Hab Sie nicht gesehen“. Das stimmt auch, weil sie oft erst gar nicht gucken.

Autos sind ein glorios überhöhtes Symbol für die Freiheit immer schnell überall hinzukommen. Pustekuchen: In der schnöden Wirklichkeit stoßen Autos permanent an ihre Grenzen, weil es so viele andere zwanghafte Freiheitssucher gibt. Dann werden sie gemeinsam zum Stau und klagen fälschlich: „Ich bin in einen Stau gekommen.“

Die Parkplatzssuche gerät ohnehin bisweilen zur Realsatire: Wie da in der knappen Lücke hin und her geruckelt wird, gern diagonal über den Radweg, das Einschlagen vor und zurück ohne Plan und ohne Erfolg. Scheibe runterkurbeln, Kopf verrenken bis kurz vor dem Halswirbelprolaps, sogar aussteigen und sich wundern wie viel Platz noch ist (die meisten überschätzen die Länge ihres Lieblings völlig). Frauen, sorry, sind dabei besonders verhaltensauffällig. Wenn Männer einen Einparkversuch abbrechen, brausen sie indes besonders vettelesk davon, um möglichst schnell dem Ort der Schmach zu entfliehen und allen zu zeigen: Aber rasen, das kann ich! Brumm ergo sum.

Beim Radeln, ob ohne, aber besonders mit E, muss man immer das Verhalten der autistischen Autofahrer vorauszuahnen versuchen: Das plötzliche Abbremsen, die energisch aufgerissene Seitentür, das spontane Abbiegen ohne Blick und Blinker, das sinnlose Spurhopsen als Beweis für fehlende Schwarmintelligenz. Vieles geschieht ohne Arg, gelegentlich aber auch, um diesen marodierenden Hindernissen auf zwei Rädern schneidig ihre jämmerliche Existenz zu verdeutlichen. Permanent muss man im Alarmmodus sein. Dass ein E-Biker gerade bergauf so schnell sein kann, ist im Erfahrungsschatz der meisten Autofahrer nicht verankert. Dann ist es ihnen unerklärlich, wo man so plötzlich herkommt und im Reflex schimpfen sie auch noch.

Freiluftparkhäuser

Das Miteinander könnte feindseliger kaum sein. Radfahrer sehen sich als ökologisch vorbildliche Verkehrsteilnehmer und deshalb moralisch überlegen. Autofahrer lieben Radler nur für ihre Radwege, denn die eignen sich als preisgünstige Freiluftparkhäuser. Ansonsten sind Radfahrer nur Störenfriede. Spiegel Online zitierte neulich den Kommentar eines Autofahrers nach dem Unfall eines anderen mit einem Radler: „Haste nachgetreten? Zwei Warnschüsse in den Rücken? Radfahrer muss man ausrotten, wo immer und wann immer man sie trifft.“ „Aber bei Regen – da brauche ich doch ein Auto!“ Natürlich: Man kann mal Pech haben, hatte ich klitschnass auch schon. 800 Liter kommen im Jahr in unserer Region runter. Das klingt sehr viel. Aber das Argument verfängt nur schwach: 55 Minuten einer jeden Stunde sind in Aachen statistisch niederschlagsfrei.

„Aber zum Einkaufen...“: Mit zwei großen Satteltaschen und einem Rucksack, zusammen gut 20 Kilo Fassungsvermögen, ist das kein Problem. Getränkekisten: Liefern lassen. Der Sohn wurde jahrelang zu Fuß oder im Kindersitz auf dem Rad zur Kita gebracht. Und die Nachbarn finden das so gut, dass sie ihr Auto als Leihgabe förmlich aufzwingen. Dieses Carsharing privat (für 30 Cent pro Kilometer), das will der innere Küchenpsychologe zuflüstern, dient den Verleihern als Seelenbalsam, dass sie mit ihrer Blechkiste auch etwas Gutes tun können.

„Aber ich wohne so weit außerhalb...“: Ja, warum nur? Womöglich, um dem Krachterror der Autos zu entgehen? Weil es preiswerter ist? Da lacht sogar das Milchmädchen: Die Fahrtkosten fressen alles auf. Und zum Lärm, dem man entfliehen wollte, erzeugt man selbst eine Extraportion hinzu. Nein, ein eigenes Auto in der Stadt ist so sinnvoll wie ein eigener Jet für Fernreisen. Überall fährt die Aseag, rollt das Fahrrad. Oder es wartet das Taxi. Das ist zu teuer? Unfug: Jede Woche eine Fahrt für zehn Euro ist preiswerter als Steuer und Versicherung für ein Auto im Jahr. Und übrigens – man kann mit den Füßen nicht nur Gas geben, sondern auch zu Fuß gehen.

Alle sind für Vernunft, auch der ADAC. Es geht um Verbrauch, intelligente Technologie zum Spritsparen, Fahrverhalten. Gleichzeitig werden Autos immer schwerer, höher und breiter: Erst passte Benzens S-Klasse viel belacht nicht auf Autoreisezüge, heute viele Modelle nicht mehr in die Normparklücke. Und Autos sind Wahrnehmungsverschmutzer: Sie verfolgen einen als Hersteller-Popups auf dem Rechner und in der gedruckten wie der Fernseh-Werbung sowieso. Verkehrsdurchsagen im Radio drehen sich um Autobahnen, einen Bahn-Verspätungsservice muss man suchen. Wenn es wintert, werden Autofahrer gewarnt, Fußgänger und Radfahrer nicht. Ständig reden die Leute über ihre Autos, loben den Luxus ihrer Lieblinge, schimpfen auf die Kosten.

Auto, Auto, Auto. Niemand auf der Welt gibt so viel Geld für die rollenden Ressourcenvernichter aus wie die Deutschen. 328 Euro Minimum kostet laut ADAC schon der kleinste Kleinwagen im Monat (bei 15 000 Kilometern Fahrleistung im Jahr). Das entspricht fast dem Hartz-4-Satz. Luxuslimousinen und SUV-Halbtrucks, die auch nur vier Räder haben, kommen leicht über tausend Euro.

Vor langer Zeit war die Oppenhoffallee (einst Kaiserallee) mal einer der zauberhaftesten Orte Aachens. Heute ist sie ein monströser Parkplatz mit Fahrbahnen dazwischen. Doch für ein bis zwei Stunden im Jahr kann man das Flair von einst nachspüren: Ab acht Uhr am Karnevalssonntag, bevor sich der Kinderzug aufbaut und nachdem die Restparker abgeschleppt wurden (16 Brauchtumsunkundige waren es in diesem Jahr). Diese Stille. Diese Blechlosigkeit, so weit das Auge reicht. Wenn man großes Glück hat, sogar ein paar Momente sonnenbeschienen. Der schiere Genuss.

Spott und Provokation

Apropos abschleppen: Als autoloser Anwohner gefällt es mir, wenn Eckenzuparker und Radwegblockierer an den Haken kommen. Ich mag auch Politessen. Wenn ich eine beim Notieren eines Falschparkers sehe, sage ich freundlich grüßend „Geben Sie alles“ oder „Gehen Sie bis ans Limit“. Meist gucken sie skeptisch, glauben an Spott und Provokation. Niemand sonst scheint diese tapferen Frauen je zu loben.

Aber auch Politessen denken autofixiert. Eine wollte mir mal weismachen, Räder seien untergeordnete Verkehrsteilnehmer, die Autos etwa in engen Straßen ausweichen müssten. Und wie oft hat es ein jeder Radler schon erlebt, dass ein Autofahrer zum Sonderpädagogen wird. Etwa wenn man durch Straßen fährt, die für Autos Einbahnstraßen sind. Dann wähnen sie wieder einen dieser „Rüpel-Radler“ auf frischer Tat ertappt, lichthupen energisch, drängen ab und beschimpfen einen lauter, als ihr Auto hupen kann. Und wieder mal muss man erklären, dass ein Rad nun mal offensichtlich kein Auto ist und Herr oder Frau Wagenlenker doch bitte auf die Verkehrszeichen („Radfahrer frei“) achten möchten.

Holla, war nur ein Scherz

Autos stehen für Allmacht und sind Alleskönner. Als es vor Jahren einmal tagelang in Aachen über 35 Grad gab, fragten die „Nachrichten“ nach Ideen zur Erfrischung. Ein Geschäftsmann erklärte, er fahre in seinem großen, gut klimatisierten Automobil halt ein paar Runden um den äußeren Ring. Empörung folgte, dieses Ego-Ökoferkel! Holla, war nur ein Scherz, erklärte der Mann eilig.

Vielleicht war es wirklich einer. Aber es gibt wohl kaum jemanden, der Autofahrern so viel Borniertheit nicht zutrauen würde.

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