Aachen/Bochum - Blitzschneller Alarm warnt vor Geisterfahrern

Blitzschneller Alarm warnt vor Geisterfahrern

Von: Berthold Strauch
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Entscheidender Beitrag zum neuen elektronischen Warnsystem: RWTH-Oberingenieur Dirk Kemper am Fahrsimulator. Foto: Berthold Strauch

Aachen/Bochum. Sie sind leider Alltag auf deutschen Autobahnen: die berüchtigten Geisterfahrer. Traurige Höhepunkte aus jüngster Zeit: Auf der A 5 bei Offenburg starben sechs Menschen. Und ein betrunkener Lastwagenfahrer, der auf der A 1 nahe Bremen wendete, verursachte den Tod von zwei Menschen.

Erst am vergangenen Freitag geriet ein Autofahrer in Bayern auf die falsche Fahrbahn und verursachte einen Unfall, bei dem er selbst ums Leben kam. Einen Tag später sorgte eine Falschfahrerin auf der Autobahn 46 im sauerländischen Meschede für eine Kollision mit zwei Verletzten. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Arnsberg erklärte am Montag, die Frau habe sich auf einer Landstraße gewähnt.

Laut Bundesverkehrsministerium werden pro Jahr rund 1700 Falschfahrer im Verkehrsfunk der Radiosender gemeldet. „Wenn es zu Unfällen aufgrund von Falschfahrten kommt, haben diese oft katastrophale Folgen“, weiß denn auch Ingo Strater, Sprecher des Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer. Von deutlich höheren Zahlen geht allerdings der ADAC aus: Er spricht von etwa 2800 Hinweisen auf Geisterfahrer jährlich in Deutschland. Seit vergangenen Oktober starben mehr als 20 Menschen bei Zusammenstößen mit Falschfahrern.

Minister setzt auf Warntafeln

„Vorsätzliche Falschfahrten können nicht verhindert werden“, verweist Ministeriumssprecher Strater auf Autofahrer, die in Selbsttötungsabsicht auf Kollisionskurs bewusst in die verkehrte Richtung fahren und damit den Tod Unschuldiger in Kauf nehmen.

Ziel sei es, „versehentliches falsches Auffahren auf die Autobahn zu verhindern“. Dabei richtet die Berliner Behörde ihr Augenmerk auf die Installierung von Warntafeln in grellgelber Farbe, einer schwarzen Hand mit dem deutlichen Hinweis: „Stop – falsch“ und dem roten „Spardosenschild“ mit dem weißen Balken, Verbot der Einfahrt. Außerdem sollen bessere Fahrbahnmarkierungen für mehr Aufmerksamkeit sorgen.

Derzeit läuft in Bayern ein entsprechender Verkehrsversuch. Vorbild dafür ist Österreich. Das Pilotverfahren, das der ADAC kräftig unterstützt und auf alle Autobahn-Knotenpunkte übertragen möchte, startete Ende 2010 entlang der A 8 zwischen der Anschlussstelle Übersee und dem Grenzübergang Bad Reichenhall.

Auf weiteren Abschnitten, etwa auf der A 3 bei Deggendorf und der A 94 zwischen Mühldorf-West und Burghausen, werden zudem neue Markierungen getestet. „Von dem Pilotprojekt werden wichtige Erkenntnisse für mehr Verkehrssicherheit erwartet“, betont Strater. Die Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch Gladbach begleitet den Versuch wissenschaftlich. Bereits in Kürze werden erste Erkenntnisse erwartet.

Maßnahmen wie zum Beispiel die gleichfalls diskutierte Installierung von Metallkrallen, die Falschfahrern die Reifen zerfetzen und so stoppen sollen, „wären zu aufwendig“, unterstreicht Strater. Denn Deutschland habe das dichteste Autobahnnetz Europas mit mehr als 2000 Auffahrten plus Tankstellen und Parkplätzen. „Außerdem könnten Krallen Rettungsfahrzeuge gefährden, die bei Unfällen auch entgegen der Fahrtrichtung zum Einsatzort fahren.“

Dabei könnte eine wirksame Lösung des leidigen Problems Geisterfahrer vielleicht ganz anders aussehen und sogar technisch bestechend einfach sein. Dazu laufen unter Mitwirkung von Fachleuten der Aachener Exzellenz-Universität bereits konkrete Feldversuche auf einer Anschlussstelle der Autobahn 43 in Bochum.

Federführend bei der RWTH für das Konzept ist Dirk Kemper, Oberingenieur am Institut für Straßenwesen Aachen (Isac). Das Isac arbeitet dabei eng mit der Technischen Universität Dortmund zusammen. Am Institut für Kommunikationsnetzwerke hat Andreas Lewandowski die Systemarchitektur für ein modernes „Falschfahrer-Warnsystem“ (FFWS) entwickelt. Dafür hat die RWTH wertvolles Datenmaterial aus einem institutseigenen Fahrsimulator beigesteuert.

So sieht das Konzept aus: An der Test-Autobahnauffahrt im Ruhrgebiet sind Anfang Oktober sechs elektronisch präparierte Leitpfosten aufgestellt worden, die sich nach außen nicht von den herkömmlichen weiß-schwarzen Plastikkörpern am Straßenrand unterscheiden. Die Leitpfosten bilden ein funkgesteuertes Detektionsfeld. Dies kann die Fahrtrichtung von Autos in Sekundenbruchteilen aufspüren und schlägt blitzschnell Alarm, wenn jemand verkehrt herum unterwegs ist.

Dazu enthält ein Pfosten einen Mobilfunksender, der die fatalen Signale per Datenverbindung in eine Warnzentrale und weiter an die Polizei funkt. Dann geht die brisante Information unverzüglich an Rundfunksender und Navigationssysteme von Autos nur im direkten Umfeld, die einen Traffic Message Channel (TMC) besitzen, also einen Kanal, der Verkehrsnachrichten empfangen kann.

Und noch ein Clou: Der Warnhinweis wird zudem auch als SMS verschickt. Ebenso taucht der Alarm in schrillroter Signalfarbe auf Smartphone-Apps auf. Im Beispiel der Versuchsanlage heißt es dann: „Achtung! Falschfahrer auf der A43 zwischen Herne und Bochum.“ Damit noch nicht genug: In den Leitpfosten sind optische Warnleuchten integriert, die im Ernstfall ein helles LED-Blinklicht abstrahlen und damit auch den Falschfahrer selbst auf sein Fehlverhalten unmittelbar aufmerksam machen, bevor es zu spät ist.

Kosten sind überschaubar

„Das Grundprinzip funktioniert“, freut sich der promovierte Ingenieur Lewandowski (30). An einigen Details müsse noch ein wenig nachgebessert werden, etwa bei Rückstaus auf der Autobahnabfahrt. „Aber das kriegen wir hin“, ist der Dortmunder zuversichtlich. Bereits in den nächsten Wochen soll die erste Versuchsphase abgeschlossen werden.

Auch Dr. Dirk Kemper vom Isac ist voll des Lobes über die bislang vorliegenden, vielversprechenden Ergebnisse des Geisterfahrer-Warnsystems. „Ich bin vom Erfolg überzeugt“, bekräftigt er. Die Technik könnte demnach bundesweit ohne große Probleme nachgerüstet werden, sagt der 40-Jährige, der von seinem Isac-Kollegen Tobias Volkenhoff unterstützt wird.

Für die Energieversorgung der Mess- und Kommunikationstechnik sorgen Solarzellen, eine teure Verkabelung der Auffahrten ist somit nicht erforderlich. Nach Einschätzung Kempers halten sich die Kosten des Systems in Grenzen: Sie dürften sich pro Auffahrt in etwa in dem Rahmen bewegen, den auch die von Minister Ramsauer derzeit noch bevorzugten großen Warntafeln erforderlich machen – inklusive der sicheren Verankerung im Boden, um Stürmen standhalten zu können. Auf höchstens 10 000 Euro pro Auffahrt schätzt Kemper den Aufwand – überhaupt nichts im Vergleich mit dem menschlichen Leid, das verhindert werden könnte.

Der Anstoß zu diesem Projekt kommt übrigens nicht aus der Wissenschaft, sondern von dem 140 Mitarbeiter zählenden Kunststoffunternehmen Wilhelm Schröder in Herscheid-Hüinghausen im Sauerland – aus direkter Betroffenheit heraus, wie dessen Projektleiter Dennis Dorn im Gespräch mit unserer Zeitung darlegte: Im Jahre 2007 waren drei Mitarbeiter nur um Haaresbreite dem Tode entronnen, als ihnen auf einer Dienstfahrt ein Falschfahrer in die Quere kam und nicht mehr rechtzeitig gebremst werden konnte.

Dorn, damals Mitarbeiter des Dortmunder Uni-Instituts, stammt aus dem kleinen Ort bei Lüdenscheid. Die Firma wandte sich auf der Suche nach einem schlagkräftigen Warnkonzept mit ersten Ideen an den Lehrstuhl – und der Ingenieur Dorn übernahm die Federführung. Mit seinem speziellen Know-how wechselte er dann zurück in die Heimat: Dort sind die Schröder-Verantwortlichen, die sich auf Stanz- und Spritzgießtechnik spezialisiert haben, auch im Bereich Automobilzulieferer tätig.

Dabei halten sie stets nach lukrativen neuen Geschäftsfeldern Ausschau, wobei sie die Realisierung des Falschfahrer-Warnsystems vorantrieben. 2011 wurde daraus ein offizielles Forschungsprojekt, das vom Bundeswirtschaftsministerium – nicht von den eigentlich naheliegenden Verkehrskollegen in der Hauptstadt – finanziell unterstützt wird.

Hält das System, was die ersten Resultate versprechen, winkt der Firma Schröder dank eigener Patente ein attraktiver neuer Markt, und das sicher nicht nur bundesweit. Bereits Mitte 2013 könnte das Warnsystem einsatzfähig sein, schätzt Oberingenieur Kemper: Technik, die Leben rettet!

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