München/Aachen - App führt Radfahrer zur Grünen Welle

App führt Radfahrer zur Grünen Welle

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Mit der App zur Grünen Welle für Radfahrer: Siemens-Projektleiter Michael Düsterwald hat sie entwickelt. Foto: www.siemens.com/presse

München/Aachen. Michael Düsterwald hat als Student mit seinem Rad allzu oft warten müssen. Wenn er von der Aachener Hartmannstraße aus Richtung Westbahnhof und dann den kleinen Berg hoch zu den Hörsälen der Fakultät für Bauingenieurwesen der RWTH Aachen strampelte, dann wurde er immer wieder von roten Ampeln ausgebremst.

Das will und kann Düsterwald, mittlerweile bei Siemens in München beschäftigt, ändern: er hat eine App entwickelt, die eine Grüne Welle für Radfahrer möglich macht.

Doch der Reihe nach. Grüne Wellen sind in Deutschland schon lange ein Thema. Mittels moderner Verkehrstechnik lassen sich Ampeln so schalten, dass Autos, Busse oder Straßenbahnen, wenn sie mit einer bestimmten, konstanten Geschwindigkeit fahren, aufeinanderfolgende Ampeln während der Grünphase passieren können.

An der Leipziger Straße in Berlin wurde so ein System tatsächlich schon 1926 eingeführt. Laut Siemens sind bundesweit rund 75 Prozent der Ampeln im Stadtgebiet heutzutage so koordiniert, dass Grüne Wellen möglich sind. Das Problem ist naheliegend: Je nach Verkehrsaufkommen ist das mit der bestimmten, konstanten Geschwindigkeit immer so eine Sache – und das nächste Rotlicht folgt bestimmt.

Deswegen gibt es vor allem für Busse und Straßenbahnen in den meisten deutschen Städten sogenannte Beschleunigungssysteme. Sprich: Der Bus meldet sich über ein Funksystem an einer Ampel an, die daraufhin auf „Grün“ schaltet. In Aachen gibt es ein solches System seit den 1990er Jahren.

Deutlich moderner ist mittlerweile die Variante mit einer sogenannten Onboard-Unit an Bord des Busses oder der Bahn, die mittels UMTS und GPS (also Satelittennavigation) mit dem Verkehrsmanagement einer Stadt kommuniziert, das wiederum die Ampeln im Sinne von Bus und Bahn schaltet.

Der kleine schwarze Kasten

Das System arbeitet seit etwa zwei Jahren und Michael Düsterwald hat es nun in eine Smartphone-App gepackt – zumindest den Teil, den die Onboard-Unit, ein kleiner schwarzer Kasten, in Bussen und Bahnen leistet. Im vergangenen Jahr hat er begonnen, die App zu entwickeln, auf dem Firmengelände von Siemens in München gab es erste Tests. Sie waren erfolgreich, erzählt Düsterwald. Darafhin wurde in der Stadt Bamberg gestestet – an fünf Ampeln. Und auch hier waren die Resultate vielversprechend.

Im Spätsommer beginnt in Bamberg dementsprechend die Pilotphase für das neue System, bei dem die Fahrradfahrer lediglich die „SiBike“-App herunterladen und ihr GPS eingeschaltet haben müssen und die Ampelanlagen baulich nicht verändert, lediglich neu programmiert werden müssen.

Drei Monate lang werden Studenten die App und vor allem die Auswirkungen auf den restlichen Straßenverkehr – also Busse und Autos – testen, die Universität Bamberg wird das Ganze mti Studien begleiten. Düsterwald ist gespannt, und er ist damit nicht der einzige. „Es gibt schon einige Anfragen interessierter Kommunen“, erklärt der Siemens-Entwickler.

Der Hintergrund ist klar: Der Fahrradverkehr, dazu gibt es reihenweise Studien und Statistiken, nimmt in den Städten zu, es gibt einen eindeutigen Trend. Es werden neue Radwege eingerichtet – doch an den Ampeln haben vielerorts noch die Autos Vorrang und die Schaltung orientiert sich an deren Durchschnittsgeschwindigkeit, die auch für einen gut trainierten Radfahrer meist unerreichbar bleibt.

Ein paar Sekunden länger

Die App geht der Ampelschaltung zunächst einmal von einer durchschnittlichen (Radfahr-)Geschwindigkeit von 18 Kilometern pro Stunde aus. das System merkt aber auch, wenn ein Radler langsamer unterwegs ist und kann Grünphasen an Ampeln ein paar Sekunden zusätzlich verlängern.

Natürlich sind Autos in der Regel schneller unterwegs, und Düsterwald ist sich vollkommen bewusst, dass hier am Ende ein Konflikt liegen könnte. Wenn er an seine Aachener Zeit denkt, dann würde er beispielsweise den Alleen- und den Grabenring von einer Grünen Welle für Radfahrer ausschließen. „Es geht viel mehr um Nebenstrecken, auf denen beispielsweise die Studenten zur Uni radeln“, sagt er. „Dort ergibt der Einsatz der App Sinn.“ Nebenstraßen sollen so zur Fahrradstraßen werden.

Anderswo mehr Priorität

Der Ansatz, dass der Radverkehr in einer Stadt Priorität hat, ist nicht neu. In Kopenhagen und Amsterdam gibt es dazu großangelegte Konzepte, die Niederländer und Dänen sind an dieser Stelle wohl auch mindestens einen Schritt weiter als deutsche Städte, auch wenn diese sich mit einem Prädikat wie „fahrradfreundlich“ schmücken. Eine App wie die, die Düsterwald entwickelt hat, gibt es aber auch in Kopenhagen und Amsterdam nicht. „Anstrengendes Losfahren und der damit verbundene Zeitverlust könnten damit Geschichte werden“, sagt der.

Düsterwald will letztlich mit der Aussicht auf Grüne Welle noch mehr Menschen aufs Rad bewegen. Wenn er in München-Schwabing zur Arbeit aufbricht, dann tut er dies natürlich mit dem Fahrrad. Von vielen Ampeln aufgehalten wird er dabei nicht – auch ohne App –, denn er fährt mitten durch den Englischen Garten.

Aber auch so hat er nach acht Jahren, die er nun schon in München lebt, gelernt: In der bayerischen Landeshauptstadt ist das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel. Er hat es neulich noch mal erlebt. Seine Frau fuhr mit dem Rad, er die gleiche Strecke mit der U-Bahn. Und siehe da: Seine Frau war schneller...

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