Mombasa - Zwischen Abenteuerlust und Geschäftssinn

Zwischen Abenteuerlust und Geschäftssinn

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
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Lehrer und Beschützer der Camp-Gäste: Tom, der zwei Meter große Bilderbuch-Massai.
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Severin Schulte in seinem „Paradies“: Die Lodge im Tsavo Nationalpark besitzt keine Zäune – Tiere sind willkommen. Foto: Jasper Schneiders

Mombasa. Die Trommeln dröhnen in Shanzu, einem Viertel von Mombasa. Es sind keine Freuden-Trommeln. Sie sind eine Mahnwache, ein lauter Protest gegen den Gründer und Hotelbesitzer des Pleite gegangenen Reiseveranstalters African Safari Club (ASC), den Schweizer Karl Jakob Rüdin.

Die ehemaligen Angestellten warten seit 2011 auf ihre ausstehenden Gehälter, sie campten auf dem Grundstück des Schweizers, inzwischen sind etliche von ihnen bereits verstorben. Aber die um ihre Löhne Geprellten geben den Kampf nicht auf.

Nur wenige Kilometer entfernt dröhnen andere Trommeln. Sie sind Freuden-Trommeln und Teil eines ausgelassenen Festes: Die Severin Sea Lodge feiert an Mombasas Nordküste ihren 40. Geburtstag. Das Hotel am Indischen Ozean ist im Besitz der Familie Schulte, einer Unternehmer-Familie aus dem Sauerland. Und auf der Bühne der Dachterrasse sind auch die Angestellten die Stars: Der Spitzenreiter unter den Geehrten wird für 35 Jahre Mitarbeit gefeiert. Dabei ist es in Kenias Hotels fast Standard, dass die Beschäftigten genauso schnell wieder gefeuert werden wie sie eingestellt wurden. Die Philosophie des Severin-Hotels ist eine andere, und die Rekordhalter sind keine Ausnahmen. „48 Angestellte sind länger als 15 Jahre bei uns“, sagt Severin Schulte nicht ohne Stolz.

Sohn Sebastian soll übernehmen

Der 59-Jährige ist der Chef des sauerländischen Reiseunternehmens. Und die Jubiläumsfeier nahm er zum Anlass, seinen Sohn Sebastian als seinen Nachfolger vorzustellen. Er soll das operative Geschäft in zwei Jahren, nach Beendigung seines Studiums, übernehmen. „Ich werde aus diesem Laden nicht rausgetragen“, kündigt Schulte senior an. „Ich gehe raus, solange alle noch sagen: ,Bitte, bitte, bleib!‘“ Severin Schulte ist ein erfolgreicher Unternehmer, seiner Familie gehört auch die Traditionsfirma „Severin“, die sein Bruder leitet und die seit Jahrzenten Kleingeräte für den Haushalt produziert – vor allem aber ist er ein Abenteurer. Sein Lebensmittelpunkt war und ist zwar die Familie in Sundern, doch seine Liebe gehört auch Kenia. Das ist Familien-Tradition. Sein Vater Rudolf war begeisterter Jäger und 1968 „fütterte“ er seinen Filius auf einem frühen Trip an: Mit 17 entdeckte Severin Schulte für sich das ostafrikanische Land, von dem er zuvor noch nicht einmal wusste, wo es lag. Die Hemingway-Atmosphäre der Safari beeindruckte ihn so sehr, dass wenig später die Anreise nicht wie zuvor mit einem 20-stündigen Flug in einer viermotorigen Maschine erfolgte. Der junge Sauerländer bevorzugte die wochenlange Annäherung an sein Traumland: Zusammen mit einem Freund durchquerte er im VW-Bulli Nordafrika über den Sudan bis Mombasa. Er war nicht gerade der Prototyp eines angepassten Sohnes. Die Abenteuer-Ader pochte wild in jenen Jahren. Und dass er mit 23 Jahren nach Brasilien ausbüxte, ohne ein Wort Portugiesisch zu können, war Teil seines Freiheitsdrangs. Raus aus der sauerländischen Enge, rein in die große weite Abenteuer-Welt: Seit langem ist das kein Widerspruch mehr für Severin Schulte. Er liebt seine Heimat ebenso wie Kenia. Zum 50. Geburtstag schenkte er sich die Besteigung des Kilimandjaro – und trainierte dafür in den sauerländischen Bergen. Eine (Tor-)Tour, die er nur mit „mentaler Kraft“ bewältigte. „Das war an der Grenze, ich würde es nicht nochmal machen.“

Mit einer Kolonialvilla, die sein Vater 1972 erwarb, und in der er zehn Zimmer für Gäste bereitstellte, fing alles an. Heute kann das Hotel in Mombasa 400 Gäste beherbergen. Erfolg über 40 Jahre, da kann das Credo von der Nachhaltigkeit nicht verwundern. Davon profitiert Schultes Touristikunternehmen und das Hotel, das er übernahm, als sein Vater früh mit 56 Jahren verstarb. Nachhaltigkeit und Natur sind die Zauberworte. Er will nur Dinge in seinem Hotel, die er auch in seinem eigenen Haus einbauen würde. Und wenn andere „alle paar Jahre wieder renovieren müssen, brauchen wir nur zu streichen“.

„Ich habe viele Ideen. Von zehn sind meist drei oder vier brauchbar.“ Dazu gehören: Eine eigene Kläranlage, die er vor 15 Jahren bauen ließ, eine Farm, die für die Hotelküche produziert, eine Meerwasserentsalzungsanlage ist in Planung, ebenso wie eine Berufsbildungsschule, die „severin school“, in der Fachkräfte vom Mechaniker bis hin zum Koch ausgebildet werden sollen. Ein Nachbargrundstück für die Internatsschule hat er bereits erworben. Natürlich ist auch für den Kenia-Liebhaber Unternehmer-Lohn ein muss. Schulte ist kein Sozial-Romantiker. Er ist Geschäftsmann durch und durch. Aber der Familien-Unternehmer ist nicht auf schnellen Gewinn aus. Als in der Krisenzeit nach den Wahlen 2007 viele Hotels ihr Personal entließen, schloss Schulte ein Agreement mit seinen Angestellten: „Sie verzichteten auf ein Monatsgehalt, verteilt auf das ganze Jahr, und dafür mussten wir niemanden nach Hause schicken.“ Sein Hintergrund: „Du musst deine Angestellten wie Menschen behandeln.“

Gästetrakt für Angestellte

Das war etwa beim ASC anders. Die kenianischen Mitarbeiter, die er von dessen geschlossenen Hotels übernommen hat, berichten über die dort herrschenden Arbeitsverhältnisse: „Unmenschlich!“ Das Severin-Personal profitiert von der Weitsicht seines Chefs. In Kenia gibt es keine Rentenkasse. Doch die Angestellten des Sauerländers erhalten am Ende ihres Vertrages ein Monatsgehalt pro Arbeitsjahr. Im abgelegenen Severin-Camp im Tsavo Nationalpark ließ Schulte extra einen Gäste-Trakt an die Angestellten-Unterkunft bauen. Hier können ihre Familien wohnen, wenn sie zu Besuch kommen. Alldem zugrunde liegt eine tiefe Menschenliebe Schultes, von der er aber auch als Unternehmer profitiert. „Wenn du einem Afrikaner die Hand gibst, spürt er sofort, ob du ihm auf Augenhöhe begegnest oder nur der Master sein willst.“ Sie hätten ein untrügliches Gespür dafür, und wenn der Augenblick etwas länger dauere, der Funken überspringe „und du vernünftig bezahlst, gehen sie für dich durchs Feuer“.

Severin Schulte ist glücklich darüber, dass sein Sohn nach einer Übergangszeit die Leitung übernehmen wird. Letzten Sommer erhielt er die Zusage, ansonsten hätte er sich auf die Suche nach einem Investor gemacht. Sebastian werde das Geschäft zwar in seinem Sinne weiterführen, aber auch neue Akzente setzen, etwa die Ausweitung als Reiseunternehmen „severin travel“ nach Zimbabwe und Mozambique forcieren. Die Liebe zu Kenia hat sein Sohn mit ihm gemein, aber „er ist noch korrekter“. Severin Schulte spürt immer mehr die Altersmilde. Etwa als er einen Angestellten dabei erwischt, wie er sein Handy benutzt – streng verboten während der Arbeit im Hotel. Es gibt drei Warn-Briefe, bevor ein Angestellter rausfliegt. Und das wäre ihm in dem Fall des „Sünders“ sehr schwer gefallen: „Er ist sehr erfahren, ein Super-Typ und steht zwei Jahre vor der Pensionierung.“ Also übersah er den Verstoß – mit einem unguten Gefühl. „Mein Sohn hätte anders reagiert. Und im Prinzip zu Recht: Wenn du das Telefonieren während der Arbeitszeit duldest, geht es bergab.“

Altersmilde hin, andere Erfahrungen aber müssen her: Ein Unternehmen in Kenia erfolgreich zu führen, verlange besondere Qualitäten. „Du musst improvisieren können. Das haben viele in Deutschland verlernt.“ Dort würde ein Projekt erst einmal durch eine Studie geprüft, ein Gutachten würde erstellt – „das geht hier nicht“, schmunzelt Schulte. In Kenia müsse es schnell gehen: „Eine Geschäftsidee haben – machen! Das zeichnet einen Unternehmer hier aus: Spontanität ist zwingend.“ Und der Sauerländer mit mehr als 40 Jahren Kenia-Erfahrung spürt, dass seine zweite Heimat kurz davor ist, einen wahren Aufschwung zu erleben. Nach dem knappen Wahlsieg von Uhuru Kenyatta, der am Samstag zum Präsidenten des Landes ausgerufen wurde, blieb es bisher – anders als vor sechs Jahren – ruhig in Kenia, trotz Fälschungsvorwürfen und der anstehenden Verhandlung gegen den 51-Jährigen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

„Jetzt ist der richtige Moment zum Investieren. In drei Jahren werden hier alle Bereiche besetzt sein“, empfiehlt Severin Schulte. Nicht nur in der Tourismusbranche, auch im produzierenden Gewerbe. „Natürlich keine Flachbildschirme.“ Sinnvoller wäre der Textilbereich oder die Produktion von Fahrrädern. Die Trommel-Produktion muss nicht forciert werden, sie ist traditionell gut abgedeckt. Und der Bedarf wird bleiben: zum Feiern – aber auch zum Klagen.

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