Freizeittipps

Zehn Jahre Kampf gegen Amtsdeutsch: Es bleibt noch viel zu tun

Von: Kerstin Artz, dpa
Letzte Aktualisierung:
Amtisch
Vom Straßenbegleitgrün zum Busch am Straßenrand: Seit zehn Jahren kämpfen Sprachwissenschaftler der Bochumer Ruhr- Universität zusammen mit der Stadtverwaltung Bochum gegen unverständliches Amtsdeutsch. Ihr Ziel: Die Behördensprache in Briefen und Formularen zu modernisieren. Was einfach klingt, braucht viel Zeit. Der Kampf scheint niemals zu enden. Foto: dpa

Bochum. „Foto” statt „Lichtbild”, „Kopie” statt „Ablichtung”, „zahlen” statt „entrichten”. Im Kampf gegen eine unverständliche Amtssprache arbeitet die Bochumer Stadtverwaltung seit zehn Jahren mit Sprachwissenschaftlern von der Ruhr-Universität Bochum (RUB) zusammen.

Ihr Ziel: Bußgeldbescheide, Mahnungen und Informationen so zu formulieren, dass jeder Bürger und auch Amtskollegen sie verstehen. Claudia Grahner von der Stadtverwaltung sieht erste Erfolge: „Es gibt weniger Rückfragen, weniger Missverständnisse und die Bürger kommen den Forderungen der Briefe schneller nach.”

Nicht mehr aus unserer Zeit

„Als die Stadtverwaltung Bochum 1999 auf uns zukam, gab es einen Rückstau von alten Formularen. Da konnte man auf den ersten Blick sehen: Das ist nicht mehr aus unserer Zeit”, erklärt Professor Hans Fluck der RUB. Zu lange Sätze, zu viele Substantive, viele passive Formulierungen und Paragrafen haben die Texte unübersichtlich gemacht. Damals schrieb die Verwaltung zum Beispiel: „Vorsorglich weise ich darauf hin, dass keinen Anspruch auf Hilfe zum Lebensunterhalt hat, wer sich weigert, zumutbare Arbeit zu leisten (§ 25 Abs. 1 BSHG).” Heute heißt der Satz: „Sie haben keinen Anspruch auf Hilfe zum Lebensunterhalt, wenn Sie sich weigern, zumutbare Arbeit zu leisten (§ 25 Absatz 1 BSHG).”

Doch die Zusammenarbeit verlangt einen langen Atem. Erstens gibt es zu wenig Geld, zweitens benötigt die Überarbeitung von Texten viel Zeit. Der Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache (IDEMA) bietet einerseits Seminare an, bei denen Verwaltungsmitarbeiter lernen, einfach und verständlich zu schreiben. Andererseits überarbeitet IDEMA Texte, die Verwaltungen einreichen. „Das ist ein zäher Prozess, weil wir natürlich sprachlich verständlich, gleichzeitig aber auch fachlich richtig und juristisch unantastbar formulieren wollen”, sagt IDEMA-Geschäftsführerin Michaela Blaha.

Daher dauert so eine Überarbeitung mehrere Stunden und muss immer wieder in die Korrekturschleife. In vielen Fällen sei es auch nicht möglich, Textvorlagen einfach zu ändern, weil die Stadtverwaltung sie von anderen Anbietern gekauft hat. Seit 2000 hat IDEMA etwa 6000 Texte überarbeitet. Die Spanne reicht von einseitigen Briefen bis hin zu 50-seitigen Info-Broschüren. 300 Textvorlagen stellt IDEMA auf der Webseite seinen Kunden zur Verfügung.

Analysesoftware


Die Qualität dieser Überarbeitungen spricht für sich: Sprachwissenschaftler Jan Kercher von der Universität Hohenheim findet die überarbeiteten Versionen sehr viel verständlicher. Seit 2007 befasst er mit der Sprache von Politikern und Parteien. Eine Analyse-Software, die die Verständlichkeit prüft, hat sein Team zusammen mit der Ulmer Kommunikationsagentur Communicationlab erfunden. Kercher hat zwei Beispieltexte von IDEMA mit der Software analysiert: „Die Originalversionen sind tatsächlich unverständlich.” Die umgearbeiteten Versionen hingegen erhalten gute Werte: Keine Passivsätze, kürzere Sätze, weniger abstrakte Substantive.

Obwohl sich viele Kommunen mit der Bürgerkommunikation auseinander setzten, haben nur wenige Geld dafür übrig. Blaha erklärt: „Wir beraten schätzungsweise 300 Kommunen und Städte, inklusive etwa zehn Wirtschaftsunternehmen.” Es gibt jedoch mehr als 12.000 Kommunen, so ein Sprecher des Städte- und Gemeindebunds. Was bringt die Zusammenarbeit dann? „Selbst wenn nur 20 Städte mit uns arbeiten würden, hätten ja Hunderttausende Bürger etwas davon.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert