Wenn Mama auf „Terroristenjagd” geht

Von: Karoline von Graevenitz, ddp
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Eltern LAN
Am Rande der 15. Bundesliga für Computerspiele im Dresdner Congress Center gehen neun Lehrer, Väter, Mütter und Sozialarbeiter am PC aufeinander los. Sie wollen die Computerspiel-Faszination ihrer Kinder und Schüler besser verstehen. Foto: ddp

Dresden. Der erste Auftrag lautete, sich „friedlich” am „Bombenplatz A” zu treffen. Doch plötzlich liegen zwei Computer-Polizisten der Antiterroreinheit im Staub. „Irgendwer hat mich erschossen”, entrüstet sich Spieler „Andreas”. „Ach, das warst Du? Entschuldigung!” entgegnet Mannschaftskollegin „Mary”. Diese hat sich gerade zum ersten Mal am Computerspiel „Counter-Strike” versucht.

Am Rande der 15. Bundesliga für Computerspiele im Dresdner Congress Center gehen neun Lehrer, Väter, Mütter und Sozialarbeiter am PC aufeinander los. Sie wollen die Computerspiel-Faszination ihrer Kinder und Schüler besser verstehen. Auf einer von der Bundeszentrale für politische Bildung organisierten „Eltern-LAN”-Party sollen sie deshalb selbst in die Tastatur greifen.

Die konzentrierten Blicke auf die Bildschirme verraten sowohl Distanz als auch erste Anzeichen von Faszination, auf jeden Fall aber Spielerehrgeiz. „Wer von uns hat jetzt eigentlich die Bombe?”, rätselt das Terroristen-Team. Kurz darauf stellt Alexandra Wolf aus der Kontrahentengruppe zufrieden fest: „Alle sind abgemurkst! Wir haben gewonnen!” Die Vorsitzende des Landeselternrates lässt jedoch keinen Zweifel daran, was sie von Spielen dieser Art hält: „Zu militärisch! Wir erschießen anonyme Figuren und gewinnen dadurch auch noch. Das fördert doch nur, dass mein Kind sich für Kabul meldet”, schimpft die Mutter aus Döbeln.

Beim Spielen sollten die Eltern und Lehrer unvoreingenommen an das Thema herangehen und sich selbst eine Meinung bilden, erläutert Projektleiter und Medienpädagoge Tobias Miller die Absicht des „Eltern-LAN”. „Sie sollen damit in die Rolle versetzt werden, dass sie wissen, wovon sie sprechen, und von den Kindern ernst genommen werden.”

Er habe schon endlose Diskussionen mit seinem 17-jährigen Sohn hinter sich, berichtet etwa ein Vater. „Ich pflege meine sozialen Kontakte”, sage dieser stets, wenn er noch spät abends am Computer sitze. „Es ist schwer zu argumentieren, wenn es dann heißt: Ich kann doch meine Freunde nicht hängen lassen”, seufzt der Vater.

Vor allem das Suchtpotenzial umstrittener Spiele wie „Counter-Strike” macht den Eltern Sorgen, nach den eigenen Spielerfahrungen sind diese keineswegs geringer: „Wenn man mit einem Spiel umgehen kann, will man immer besser werden und verbringt entsprechend viel Zeit vor dem Computer”, beobachtet eine Sozialarbeiterin einer Dresdner Mittelschule an sich selbst. Ihr Nachbar wundert sich, wie schnell die Zeit beim Spiel vergangen ist. „Gefühlt sind es fünf Minuten, ich sitze aber schon zwei Stunden hier.”

Die Gefahr, nicht aufhören zu können, sei beim Computerspiel immer vorhanden, gibt Daniel Belala, ein geladener Profi aus der Computerspiel-Szene, zu. „Es kommt auf die Einzelperson an. Wenn der Punkt kommt, wo Pflichten, soziale Kontakte oder die Gesundheit vernachlässigt werden, wird es kritisch”, sagt er. Bei einem ”gesunden„ Familien- und Bekanntenkreis seien die Gefahren jedoch gering. „Meine Eltern haben immer kontrolliert, wie lange ich spiele”, fügt der 28-Jährige hinzu. Er habe aber meist von allein aufhören wollen.

Die Eltern-„Trainer” werben gleichzeitig für Verständnis für die Kommunikationswege der jüngeren Generation. Freundschaften im Internet seien durchaus real, nicht nur virtuell. „Sie sollten da wertfrei rangehen”, sagt Miller.

Informationsveranstaltungen wie die LAN-Party für Eltern hält der Vorsitzende der Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren, Helmut Bunde, für die wirksamste Form der Suchtprävention. Es passiere zu oft, dass Eltern den Kindern das Essen neben den Computer stellen und schlafen gehen, während ihr Kind die Nacht durchspielt, warnt er. Auch Lehrer sollten hellhörig werden, wenn ihre Schüler zu bestimmten Zeiten die Schule verlassen, schläfrig und desinteressiert sind und sich zunehmend isolieren. „Bei Mediensucht gibt es ein spürbare Verhaltensänderung. Die Leute leben dann in einer anderen Welt.”

Aufklärung und Prävention bei Mediensucht

Für Internetsüchtige und auch für Angehörige von möglicherweise betroffenen Menschen ist die Homepage des Fachforums Mediensucht eine Anlaufstelle. Auf Wunsch übermittelt das Forum per E-Mail auch Adressen von Beratungsstellen. Wer auf der Homepage den Link „Ambulanz für Spielsucht in Mainz” bedient, kann sich zu einem Internetsuchttest durchklicken.

Mitarbeiter des Fachforums können bundesweit - auch für den schulischen Bereich - für Beratung und Präventionsarbeit angefordert werden. Nach Angaben der sächsischen Landesstelle gegen Suchtgefahren betreuen die 46 Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände und Kommunen im Freistatt jährlich knapp 29.000 Personen mit Suchtproblemen. Die Zahl der Mediensüchtigen liegt bislang bei unter einem Prozent. Über 60 Prozent werden wegen Alkohols, rund 20 Prozent wegen illegaler Drogen und etwa zwei Prozent wegen Glückspiels behandelt.
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