Dohuk - Weihnachtsaktion: Spenden für Flüchtlingskinder im Nordirak

Weihnachtsaktion: Spenden für Flüchtlingskinder im Nordirak

Von: Manfred Kutsch
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Ein Schicksal von Hunderttausenden: Mohamed stürzte auf dem Heimweg ein Hochspannungskasten auf die Arme. Im Krankenhaus in Mossul konnte man ihn nicht behandeln. Es bleib nur noch die Amputation.
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Männliche Flüchtlinge werden im Lager Debaga sofort von ihren Familien getrennt und auf Kontakte zum IS überprüft. Unser Mitarbeiter Manfred Kutsch spricht mit ihnen. Foto: Mohamed Rekani
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Athaar (14) und ihr kleiner Bruder Ayat (18 Monate): „Zu oft musste ich ansehen, wie sogar Frauen und Kinder getötet wurden, weil sie zum Beispiel geraucht hatten.“

Dohuk. Unmerklich frisst der Staub in dieser endlosen Geröllwüste an den Lippen, bevor sie schon wenig später trocken werden. Am Horizont wölbt sich schwarzer Rauch in den milchig-blauen Himmel – es ist die brennende Ölquelle des vom IS befreiten Ortes Qayyarah.

Bei ungünstigem Wind atmen die rund 35.000 entwurzelten Menschen im nordirakischen Flüchtlingslager Debaga die beißende Luft ein. Nur ihr Leben haben sie aus der umkämpften Region der letzten IS-Hochburg Mossul retten können.

„Die täglich rund 500 Neuankömmlinge sind meist völlig erschöpft, viele von ihnen verstört oder gar traumatisiert. Sie wollen in erster Linie Sicherheit“, sagt Campleiter Rizgar Obaid. Längst nicht alle erreichen ihr Ziel. Mit unvorstellbarer Brutalität machen die IS-Terroristen ihre Drohung wahr, Flüchtende zu liquidieren. „Jüngst erreichte uns ein Auto mit zwei 20- und 19-jährigen Brüdern und der elfjährigen Schwester. Sie hatten die Leichen ihrer vom IS ermordeten Eltern auf den Rücksitz gelegt“, berichtet uns Obaid.

„Wir scannen sie regelrecht“

Das vor einem Jahr für 5000 Menschen angelegte Lager dehnt sich in alle Richtungen des baum- und trostlosen Niemandslandes aus. Gleich hinter der zentralen Schranke am Haupteinlass werden die arabischen Männer ankommender Familien isoliert und auf ein gefängnisähnliches Gelände mit hohem Zaun und Stacheldraht eingewiesen. Hier werden sie auf IS-Nähe geprüft. „Viele haben keine Papiere, das kann dann Tage, ja gar Wochen dauern. Wir scannen sie regelrecht“, sagt Rizgar Obaid, dessen Smartphone ununterbrochen klingelt.

Er weiß um die Gefahren, die auch hier, nur 40 Kilometer von der Front entfernt, der vertriebenen Zivilbevölkerung drohen: „Ins­besondere unbegleitete Flüchtlinge laufen Gefahr, Opfer einer Rekrutierung durch den IS zu werden“, sagt der Lager-Manager. Gleichzeitig droht das Einschleusen von Selbstmordattentätern, um die Lage zu destabilisieren – zuvor mussten die Bewohner des Camps Maghmoud in Folge eines Anschlages nach Debaga umgesiedelt werden.

Wieder ist heute das ehemalige Schulgebäude des Camps von Neuankömmlingen geflutet, die Gänge vollgepfropft mit Decken, Koffern, Taschen, Tüten, Windeln, mittendrin aufgeregt debattierende oder apathisch dösende Menschen, schreiende oder schlafende Kinder. Dem Gedränge entflohen, aber der 30-Grad-Hitze der Mittagssonne draußen ausgesetzt, hockt die 14-jährige Athaar auf einer Bank und wiegt ihren schlummernden kleinen Bruder Ayat (18 Monate). Die tiefbraunen Augen des Mädchens mit dem dezent roten Kopftuch wirken matt und leblos. Mit einem Nicken aber signalisiert uns Athaar, dass sie mit uns sprechen würde.

Flucht in der Nacht

Sie komme mit ihren sieben Geschwistern und den Eltern aus dem Dorf Haciua nahe Mossul. Die Flucht sei ihnen nachts gelungen, in einem günstigen Moment, berichtet sie: „Wir waren in unserem Haus wie abgeschottet, wir trauten uns nicht mehr heraus.“ Ihr Vater sei bei der IS-Eroberung des Gebietes vor zwei Jahren als Schuldirektor sofort abgesetzt worden – das Gehalt hätten die Terroristen behalten.

Athaar zeigt sich gezeichnet von dem, was hinter ihr liegt. „Zu oft musste ich ansehen, wie sogar Frauen und Kinder getötet wurden, weil sie zum Beispiel geraucht hatten“, berichtet sie mit brüchiger Stimme und fügt hinzu. „Bei Diebstählen haben sie den Leuten die Hand abgehackt.“ Und dann fügt sie hinzu: „Die IS-Leute haben uns zu Hause abgeholt und gezwungen, die Strafen mitzuerleben.“

Camp Debaga. Zehntausende Menschen auf einem öden Flecken Erde, zusammengetrieben von Verzweiflung und Überlebenswillen. Unicef versorgt die Flüchtlinge mit Wasser. 60 Trucks sorgen für 35 Liter pro Tag und Person, außerdem hat Unicef 3000 Duschen und Latrinen aufgebaut. Ferner betreuen das Kinderhilfswerk und terre des hommes mit 15 Erziehern und Sozialarbeitern drei kinderfreundliche Zonen, in denen die Mädchen und Jungen zumindest ein paar Stunden wieder Kind sein und Erlebtes verarbeiten dürfen – etwa durch Malen. „Wir schätzen, dass die Hälfte der Kinder, die zu uns kommen, schwer traumatisiert sind“, sagt Anja Smouid von terre des hommes.

Mit einem Malstift, eingeklemmt zwischen dem Stumpf seines rechten Unterarmes und dem Stummel der linken Hand, treffen wir Mohamed im Spielzentrum an: „Ich weine manchmal, wenn es kalt wird und die Arme schmerzen. Ich weine auch, wenn andere Kinder mich nicht mögen“, erzählt uns Mohamed, der heute einen Berg gemalt hat. Und ein Herz. Und einen Kopf daneben. Damit meint der Junge Unicef-Mitarbeiter Khaled, der sich immer wieder um den 13-Jährigen kümmert.

Was ist mit Deinen Händen passiert, Mohamed? Sein Lachen haben wir in diesem Moment nicht erwartet. Aber er strahlt wirklich. In Wahrheit freut sich der 13-Jährige, dass sich jemand für ihn interessiert, in diesem Tsunami an Hunderttausenden Schicksalen.

Mohamed berichtet davon, dass seine Familie vor anderthalb Monaten aus dem Dorf Hawija hierher geflohen sei. Zuvor habe der IS Häuser in die Luft gesprengt. Der Junge war gerade auf dem Heimweg, als ihm ein Hochspannungskasten auf die Arme fiel. Im Krankenhaus von Mossul konnte man ihn nicht behandeln, so kam es zur Amputation. Für seine Familie mit neun Geschwistern begann eine Phase des Hungerns.

„Wir konnten die Lebensmittel nicht mehr bezahlen, die waren viel zu teuer“, berichtet Mohamed. Gleichzeitig stieg der Druck des IS-Terrors ins Unermessliche. „Die Hinrichtungen fanden auf dem Markt statt“, flüstert Mohamed. „Ich musste da hin. Der Richter hat gesagt, dass jeder bestraft wird, der nicht zusieht“, berichtet auch er.

Für Momente wird sein Gesicht zur Maske, wenn der Junge diese unerträglichen Bilder wachruft. Ja, er habe sogar gehört, dass seine Lehrerin gesteinigt worden sei: „Aber ich musste es nicht sehen.“ Geweint habe er nach solchen Alpträumen, viel geweint. Zumal es seine Eltern für besser hielten, „nicht darüber zu sprechen“. Es hätte ein Wort zu viel sein können. Für ein falsches Ohr.

Fußball wie Ronaldo

Welch ein starker Junge. Der diesem Leben hier, im Nichts, mit Nichts, aber in Sicherheit, wieder Gutes abgewinnt. „Ich fahre gerne Fahrrad, das habe ich trotz meiner fehlenden Hände gelernt“, sagt er stolz. Und Fußball spiele er „wie mein Lieblingsspieler Ronaldo“. Für die Zukunft hat er klare Vorstellungen: „Ich will Lehrer werden.“ Umso mehr freut sich Mohamed, dass Unicef derzeit drei Schulen im Lager aufbaut. „Ich werde dort Freunde finden.“ Trotz und Leidensfähigkeit zeichnen Fluchtkinder wie Mohamed aus. Und Lebenswille pur. Mit ihren Eltern bilden sie eine Schicksalsgemeinschaft in einem unwirklich anmutenden Vakuum des Seins, sie haben alles zurückgelassen, verloren, oft gar nächste Angehörige, Freunde, Nachbarn und vor allem: jede Zuversicht. Es ist der Preis, den diese Familien für ihr nacktes Leben bezahlen. In der staubtrockenen Öde einer Geröllwüste, die sich im Winter schnell in knöcheltiefen Schlamm wandeln kann.

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