Vom BH zum Babybrei: Hochkonjunktur für US-Ladendiebe

Von: Gabriele Chwallek, dpa
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Seit dem Abrutschen in die Rezession bedienen sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer mehr Menschen zum Nulltarif in den Regalen der Geschäfte. Foto: ddp

Washington. Zahnbürsten, Vanillepudding, Kopfschmerzpillen, Pizza, Bhs und Babybrei: Alles geht mit. Um die US-Wirtschaft steht es schlecht, aber ein „Industriezweig” boomt. Hochkonjunktur für Ladendiebe: Seit dem Abrutschen in die Rezession bedienen sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer mehr Menschen zum Nulltarif in den Regalen der Geschäfte.

Schon im vergangenen Jahr beklagten viele Läden wachsende Verluste durch den Klau, insbesondere zur Weihnachtszeit, als sogar auf öffentlichen Plätzen zum Verkauf angebotene Tannenbäume über Nacht verschwanden. Nun setzt sich der Trend alarmierend fort.

Nach einer jüngsten Umfrage der Retail Industry Leaders Association (RILA), einer Vereinigung führender Einzelhändler, haben gut 60 Prozent der größeren Läden und Ladenketten im ersten Drittel 2009 einen weiteren deutlichen Diebstahl-Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr festgestellt. Mehr als die Hälfte wurden durch Kreditkarten- und andere Betrügereien um ihr Geld geprellt, und über 70 Prozent registrierten auch eine Zunahme von großangelegten Diebstählen durch organisierte Banden, die ihre Beute dann auf Flohmärkten oder via Internet verhökern. Das alles, obwohl die Geschäfte im Jahr zusammen rund 12 Milliarden Dollar (8,6 Milliarden Euro) für Vorbeugungsmaßnahmen ausgeben.

Mittlerweile hat sich jeder elfte Amerikaner zumindest schon einmal in seinem Leben kostenlos in einem Geschäft bedient, insgesamt bescheren Ladendiebe dem Einzelhandel pro Tag einen Verlust von 35 Millionen Dollar. Mehr als 10 Millionen Menschen sind in den vergangenen fünf Jahren auf frischer Tat ertappt worden, wie die National Association for Shoplifting Prevention (Nationaler Verband zur Verhinderung von Ladendiebstahl) weiter errechnet hat. Was allerdings wenig besagt: Der Vereinigung zufolge haben Ladendiebe selbst angegeben, dass sie durchschnittlich einmal pro 48 Klauereien geschnappt werden, und nur in der Hälfte der Fälle schalten die Geschädigten die Polizei ein.

Der stete Zuwachs von Diebstählen seit Anfang vergangenen Jahres ist aber weniger darauf zurückzuführen, dass immer mehr Langfinger immer wieder zugreifen. Die Polizei in allen Teilen der USA verzeichnet vielmehr eine alarmierend hohe Zahl an Ersttätern, die beim Einkaufen aus dem Moment heraus handeln. Wie etwa Richard Johnson aus Indiana: Er verlor Ende vergangenen Jahres seinen Job im Baugewerbe, wollte sich in einer Drogerie ein leichtes Schlafmittel kaufen und stellte im Laden fest, dass ihm ein Dollar dafür fehlte. Er ließ die Pillen mitgehen und wurde geschnappt. „Ich war verzweifelt”, sagte der 25-Jährige.

Ein typischer Fall, zitieren Medien Polizeibehörden von Kalifornien bis Florida. Demnach wird hinter vielen Ladendiebstählen die Wirtschaftskrise als Triebfeder vermutet. „Wie ich es sehe, bringt die Wirtschaft Leute zum Stehlen, die es sonst nicht getan hätten”, zitiert die „Salt Lake Tribune” Polizei-Sergeant James van Fleet in St. George, wo die Zahl der Langfinger ebenfalls nach oben geschnellt ist. Als Beweis dafür werten er und andere Polizeivertreter die Art der Beute: Statt teurer Waren sind es zunehmend Dinge, die man im Alltag braucht - Nudeln, Backmischungen, Zahnpasta, Rasierklingen, Kosmetiktücher, Shampoo, und, besonders begehrt, alle Arten von Babynahrung.

Dabei ist es längst nicht immer so, dass die Betreffenden die gestohlenen Dinge nicht bezahlen könnten, wie etwa Juristin Catherine Cleveland aus Salt Lake City erfahren hat. Sie vertritt Ladendiebe, die genügend Geld haben, um sich eine Anwältin leisten zu können. Die Mehrheit ihrer Mandanten sind Mütter und Hausfrauen zwischen 30 und 50, die spontan Waren mitgehen ließen, so Cleveland in der „Tribune”. Das werfe die Frage auf, „ob der Impuls zum Stehlen größer wird, wenn sich Leute Sorgen über die Wirtschaft machen”.

Wie vielleicht ein arbeitsloser Mann in Ohio, der unlängst in einem Laden T-Shirts und eine Hose unter sein Hemd stopfte. Bevor er mit seiner Beute das Geschäft verließ - und an der Waren- Sicherheitssperre am Ausgang Alarm auslöste - hatte er sich im Geschäft noch schriftlich um einen Job beworben. In das Formular trug er seine Adresse ein - und wurde daheim von der Polizei festgenommen, als er gerade seine unbezahlte neue Hose bügelte.
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