Vertriebene harren in improvisierten Lagern aus

Von: Manfred Kutsch
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Irakische Christen, die vor der Terrormiliz Islamischer Staat fliehen mussten, müssen Schlange stehen für Hilfsgüter in Zakho. Gerade die Wintermonate sind für die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften prekär. Foto: dpa
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UNICEF-Botschafterin Sabine Christiansen spricht während der Pressekonferenz der Kinderhilfsorganisation UNICEF am Montag (09.05.2011) in Berlin vor dem Logo der Organisation. UNICEF stellte den Bericht zur Lage der Kinder in Kriesengebieten im Jahr 2011 vor. Foto: dpa

Aachen/Erbil. Stolze 680.000 Euro spendeten unsere Leserinnen und Leser bislang für die Unicef-Aktion unserer Zeitung „Rettet die Kinder“. Das Geld kommt den rund 1,1 Millionen Flüchtlingen im kurdischen Nordirak zugute, die unweit der Grenze zu Syrien und der Türkei in Flüchtlingslagern leben.

Die Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) campieren derzeit vielfach unter freiem Himmel – im täglichen Kampf gegen die winterlichen Temperaturen.

„Gottlob gab es bislang noch keine Kältetoten, das spricht einerseits dafür, dass die Hilfen greifen. Andererseits sind die Temperaturen bislang auch noch nicht so frostig wie im vergangenen Winter“, sagt Unicef-Krisenmanagerin Freya von Groote gegenüber unserer Zeitung.

460 Feuerlöscher

Seit Oktober verteilte das Internationale Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen mit seinen Partnern über 200.000 Winterpakete an Kinder in schwer erreichbaren Regionen, 56.000 Thermodecken wurden in Lager geliefert, die in höher gelegenen Gebieten liegen. Zusätzlich hat Unicef 25.000 Ölöfen, Kerosin und 460 Feuerlöscher zur Verfügung gestellt. Die Feuerlöscher brauchen die Menschen, weil immer Brände durch offene Feuerstellen in Zelten ausgelöst werden.

„Über ein Drittel der syrischen Flüchtlinge und irakischen Vertriebenen müssen weiterhin in improvisierten Lagern ausharren, abgeschnitten von geregelter Versorgung“, sagt Freya von Groote. Die Camps sind auf bloßem Lehmboden aufgebaut, haben keine winterfesten Zelte und keine Latrinen oder Wasserleitungen. Das erhöhe laut von Groote das Risiko für die Flüchtlinge, an lebensgefährlichen Bakterien zu erkranken. Unicef hält mit Impfkampagnen dagegen.

Zehntausende Flüchtlinge leben nach wie vor auch in offenen Etagen von Neubauruinen. Die Betonburgen schützen vor Regen und Schnee, sind aber von allen Seiten Wind und Kälte ausgesetzt. Viele Flüchtlinge fanden hier eine Unterkunft, nachdem sie nicht mehr in Schulen bleiben konnten, in denen sie seit Juni vergangenen Jahres vorübergehend gewohnt hatten.

Heimkehr kaum möglich

Die Stimmung der Menschen sei „niedergeschlagen, hoffnungslos, wütend“, berichtet Freya von Groote: „Viele realisieren erst jetzt, was passiert ist. Dass eine Rückkehr in ihre Heimat in weite Ferne gerückt ist“, sagt sie und gibt zu bedenken: „Jede Familie trägt ungezählte Schicksale, viele berichten von unsäglichen Grausamkeiten, von getöteten oder entführten Angehörigen, die nicht mehr rechtzeitig fliehen konnten.“ Nahezu jeder sorge sich um Menschen, die er liebt.

Derweil spitzt sich die Lage in der Krisenregion weiterhin zu. Der IS, der durch Öl-Einnahmen in Millionenhöhe auch finanziell eine Macht geworden ist, besetzt inzwischen ein Territorium in der Größe von Großbritannien. Saudi Arabien schottet sich derzeit mit einem 4000 Kilometer langen Sicherheitszaun an der irakischen Grenze gegen potenzielle IS-Angriffe ab. In der kurdischen Provinzhauptstadt Erbil hatten Sicherheitsbehörden bereits beim Besuch unserer Zeitung im Oktober 2014 einen sechsfachen Sicherheitsgürtel mit Panzergräben und Scharfschützen errichtet. Doch gegen die Selbstmordattentate des IS hilft dies nichts.

Erst jüngst attackierten die Dschihadisten völlig überraschend das nur 30 Kilometer vor Erbil liegende Dorf Gwer. Die Milizen hatten dafür per Boot den Fluss Sab überquert und 26 kurdische Kämpfer getötet, bevor die Peschmerga sie zurückdrängen konnten.

Von Tag zu Tag dramatischer gestaltet sich auch die Situation im Zentralirak. Die Kämpfe in der Provinz Anbar sind besonders schwer.

Auch Kinder werden hingerichtet

„400.000 Vertriebene sind dort aktuell von jedweder Hilfe abgeschnitten“, sagt von Groote. Immer wieder kommt es Berichten zufolge zu Massenhinrichtungen von Männern, Frauen und auch Kindern. Die Provinz gehört zu den am stärksten umkämpften Regionen im Irak. Der dort lebende Stamm Al-Bu-Nimr, obwohl sunnitisch, gilt im Kampf gegen den IS als Verbündeter der schiitischen Zentralregierung in Bagdad. Die Terrormiliz verfolgt den Stamm mit besonderer Härte.

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