Wolfenbüttel - Unter blühendem Raps lagert Atommüll

Unter blühendem Raps lagert Atommüll

Von: Anita Pöhlig, dpa
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Wolfenbüttel. Auf den Feldern leuchtet der Raps hellgelb, junges Grün strahlt von den bewaldeten Hügeln der Asse südöstlich von Braunschweig. 725 Meter tiefer lagern in einem ehemaligen Salzbergwerk 126.000 Blechfässer mit Atommüll. Was vor 40 Jahren noch als absolut sicher galt, wächst sich derzeit zu einem Problem aus. „Etwa zwölf Kubikmeter Salzlauge fließen täglich in den Schacht”, sagt Bergwerksleiter Günther Kappei. Kritiker und Anwohner befürchten eine Verunreinigung des Grundwassers.

„Die Asse ist der GAU der Endlager-Debatte”, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) nach einem Besuch der Schachtanlage. Die Forschungen in der Asse liefen von 1967 bis 1992. Sie sollten zeigen, ob Salzstöcke als Atommüll-Endlager dienen können. Auch das geplante Endlager im niedersächsischen Gorleben ist ein Salzstock. Gabriel streitet derzeit mit Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) über Gorleben. Der Bayer und die Union favorisiert es als Endlager. Der Niedersachse Gabriel will dagegen nach Alternativstandorten suchen. „Als das Konzept von Gorleben 1977 entwickelt wurde, galten bei weitem noch nicht die Standards von heute”, sagt Gabriel.

Als die Grube 1965 unwirtschaftlich geworden war, erwarb die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) im Auftrag der Bundesrepublik die Anlage. Es begann die Erforschung der Endlagerung radioaktiver Stoffe. Bis 1978 wanderten 125.000 Behälter mit schwach radioativen Müll unter die Erde sowie 1 300 mit mittel radioaktivem. Die Asse war das weltweit erste unterirdische Lager für Atommüll.

1995 begann die in GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit umbenannte Gesellschaft damit, das Bergwerk aufzufüllen. Bis heute flossen 200 Millionen Euro in die Schließung des Bergwerks. Bis zum Abschluss im Jahr 2017 sollen es insgesamt 800 Millionen sein.

Das Problem mit dem Lager Asse ist nicht neu. Schon 1988 wurde ein Wassereinbruch registriert. Der im nahen Goslar aufgewachsene Gabriel kann sich gut erinnern an seine erste Besichtigung des Stollens vor 30 Jahren. Zwei Schächte seien schon abgesoffen gewesen, und er habe sich gefragt, warum das mit dem dritten nicht passieren könne: „Damals hieß es, alles sei ungefährlich”, sagt Gabriel rückblickend.

Die Asse ist ein Forschungsbergwerk, sie untersteht deshalb dem Bundesforschungsministerium. Das muss sich nicht um das Atomrecht kümmern. Es plant eine Schließung gemäß Bergrecht. Das eingeleitete Verfahren „hat keine qualitativen Defizite gegenüber dem Atomrecht”, sagt der Referatsleiter im Forschungsministerium, Klaus Komorowski.

Anders als im Bergrecht ist im Atomrecht eine Bürgerbeteiligung vorgesehen. Die würde viel Zeit kosten. Noch mehr Zeit würde aber die immer wieder diskutierte Rückholung der Atommüllfässer kosten - Zeit, die möglicherweise nicht mehr zur Verfügung steht. Niemand weiß, wie sich die Wassereinbrüche entwickeln und wie das Gestein sich ändert.

Aus Sicht von Bundesumweltminister Gabriel spricht viel für das Atomrecht. Einen langen Streit mit seiner Ministerkollegin Annette Schavan (CDU) hält er jedoch für sinnlos - zumal sein Ministerium bei der Asse volle Akteneinsicht habe und auch mit beteiligt sei.

Nach dem Konzept des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit sollen die Fässer fest umschlossen werden - mit einer Magnesium-Fluidlösung. Eine Rückholung wäre damit ausgeschlossen. Diese Option wird laut Gabriel möglichst noch in diesem Jahr geklärt.

Eine Anwohnerin sagt: „Ich möchte die bestmögliche wissenschaftliche Untersuchung.” Die Tischlermeisterin Irmela Wrede wohnt direkt über dem Stollen. Am Montag reichte sie Klage ein: Die Richter sollen entscheiden, welches Recht dem Bedürfnis der Bürger mehr entgegen kommt - das Bergrecht oder das Atomrecht.

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