Unicef: Syrien droht der Verlust einer ganzen Generation

Von: Manfred Kutsch
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Kindheit im Flüchtlingscamp: Trostlosigkeit und Langeweile. Die Kleinen trifft der Krieg in Syrien mit seiner ganzen Härte. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Sackhüpfen gegen soziale Spannungen: Beim gemeinsamen Spiel kommen sich syrische und libanesische Jugendliche näher. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Die Freundinnen aus der ersten Reihe: Jana (11/li.) aus dem Libanon und Hela (11/re.) aus Syrien sind unzertrennlich geworden. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Schuldirektor Ihsan Araji (39): „Die meisten Lehrer sind von 7 bis 19 Uhr hier und stehen kurz vor dem Burnout.“ Foto: Silke Fock-Kutsch

Barelias. Hamad hat die Explosionen einschlagender Bomben aus nächster Nähe erlebt. Er sah Tote und Verletzte, hörte Schreie und das ohrenbetäubende Grollen zusammenstürzender Häuser. Drei Jahre ist es her, dass die Eltern mit ihm und fünf der sechs Geschwister Hals über Kopf aus dem zerstörten syrischen Homs ins Nachbarland Libanon flohen und dort in Barelias landeten, einem Ort im Beeka-Tal nahe der syrischen Grenze mit 25.000 Einwohnern und 25.000 Flüchtlingen.

Die verstörenden Szenen von Gewalt und Zerstörung haben sich tief in Hamads Seele hineingefressen. Und dennoch ist die Verbindung zur Kindheit zu stark. Der 13-Jährige verspürt Heimweh. „Ich will hier nicht bleiben, ich will zurück nach Syrien. Wenn irgendwann Frieden ist, dann bauen wir alles wieder auf“, sagt der Junge mit kindlicher Kraft und Zuversicht. Und erzählt: „Ich vermisse meine Schwester so sehr, wir telefonieren manchmal, sie ist mit ihrem Mann irgendwo anders auf der Flucht, ich weiß nicht genau wo, aber weit weg.“

Hamads Wunsch auf Rückkehr nach Syrien am Tag X geht einher mit dem Programm des Kinderhilfswerkes Unicef. „Es ist wichtig, die Kinder in ihrem eigenen Kulturkreis zu stärken und die Nähe zur Heimat zu behalten“, so Claudia Graus, Deutschlands stellvertretende Unicef-Vorsitzende in Beirut, gegenüber unserer Zeitung. Mit Blick auf den seit August 2011 anhaltenden Krieg sagt sie: „Wir müssen alles dafür tun, dass keine ganze Generation verloren geht.“

Dem setzt Unicef vor allem Bildung entgegen. 200.000 syrische Flüchtlingskinder wurden in diesem Jahr auch mit deutschen Entwicklungsgeldern (34 Millionen Euro) im Libanon eingeschult, Hamad ist einer von ihnen. Weitere 200.000 sollen 2016 folgen, eine logistische Herkulesaufgabe für die 181 Primary Public Schools des Landes, in der sich langfristige Entwicklungsziele und Nothilfe ergänzen.

Spiele zur Friedenserziehung

Im konkreten Fall der Schule in Barelias macht dies Direktor Ihsan Araji (39) deutlich: „Wir haben einen Zweischichtbetrieb, morgens von 8 bis 14 Uhr für 873 Schüler und nachmittags von 14.30 bis 18.30 Uhr für weitere 973 Kinder.“ Die Anzahl der Lehrer sei zwar von 40 auf 65, ihr Gehalt von 1200 auf 2200 Dollar aufgestockt worden, „aber die meisten Lehrer sind von 7 bis 19 Uhr hier und stehen kurz vor dem Burnout“.

Zumal die Herausforderungen auch jenseits des reinen Unterrichtens gewaltig sind: „Viele Flüchtlingskinder sind traumatisiert, waren zudem ein, zwei, drei Jahre nicht in der Schule und haben Konzentrationsprobleme“, sagt der Direktor. Hinzu kommt: Alle syrischen Kinder müssen in Vorschulen die libanesische Schulsprache Englisch lernen.

Und schließlich seien „soziale Spannungsfelder zwischen syrischen und libanesischen Schülern im Auge zu behalten“. Denn binnen weniger Jahre schrumpfte das Verhältnis beider Nationalitäten aus Sicht der Libanesen von vier zu eins auf eins zu eins an den Schulen. „In unserer Region Badnayel kommen inzwischen 350.000 syrische Flüchtlinge auf 400.000 Libanesen“, sagt Ihsan Araji.

Dass daraus soziale Spannungen entstehen können, liegt auf der Hand. Vor diesem Hintergrund werden wir Zeugen, wie „Blinde Kuh“ und „Sackhüpfen“ – bereits Kultspiele unserer Urgroßeltern bei Kindergeburtstagen – als Mittel der Friedenserziehung anno 2015 im Nahen Osten funktionieren: In den „Eisbrecherspielen“ finden sich Dutzende libanesische und syrische Jugendliche in einem Flüchtlingscamp, schnell löst die Situationskomik die Anspannung, die jungen Leute kringeln sich vor Lachen.

Zusammengeführt hat sie die Libanese Organization for Studies and Training (LOST), eine regierungsunabhängige Organisation und Unicef-Partner. In anschließenden Gesprächen des Konflikttrainings werden Vorbehalte ausgeräumt: „Es sind doch nicht alle Syrer Terroristen, da sind echt nette Leute drunter“, schmunzelt der 17-jährige Libanese Mohammed.

Schicksale werden im gemischten Kreis unter Leitung von LOST-Aktivist Assen Chreif (45) offenbar. Der syrische Flüchtling Ahmed (15) berichtet, dass seine Schwester vom IS ausgepeitscht worden sei. Meheidi (16) schildert die Zerstörung seines Elternhauses in Aleppo und die Weigerung des Großvaters, die Flucht anzutreten: „Er wollte am Ende seines Lebens nicht mehr die Heimat verlassen.“

Aufmerksam hören die jungen Libanesen zu. „Damit beginnen sie, sich verantwortlich zu fühlen. Wir sind doch alle Menschen. Wir leben jetzt zusammen, ob wir wollen oder nicht“, sagt Chreif.

Im Nachbarzelt sitzen die Mädchen zusammen, ebenfalls libanesisch-syrisch gemischt. Sie sind schon am Ende des zwölfwöchigen Konflikt-Programmes angelangt und kennen sich bereits gut.

Was ihnen am besten gefallen hat? Mada (16) meint: „Das, was man in den Medien sieht, ist anders als die Wirklichkeit. Wir haben gesehen, wie sehr sich das Leben im Lager von unserem Leben unterscheidet.“ Ola (15) findet das „gemeinsame Singen und Karaoke am coolsten“. Kleinteilige, aber zielgenaue Friedensarbeit in der Generation, die die Zukunft Syriens und des Libanon entscheidend beeinflussen wird.

In einer windschiefen Baracke, nur notdürftig mit Planen zusammengeflickt, wird es derweil laut. Dort tagt eine Frauengruppe des Camps. „Unsere größten Probleme sind der Müll und die Hygiene“, klagen sie. Eine Mutter berichtet, ihre Tochter sei nachts von einer Ratte in die Nase gebissen worden. Jetzt meldet sich Jamila mit derselben Erfahrung zu Wort, sie hat sieben Kinder: „Meinem Baby hat eine Ratte in die Lippe gebissen.“

Doch Jamila kommt nicht weg von diesem öden Flecken Erde auf der Bekaa-Ebene des Libanon: „Wir haben alle keine legalen Papiere mehr und sind immer in Angst, dass wir an einem dieser Checkpoints erwischt werden, wenn wir auf dem Feld arbeiten“, erzählt sie.

30 Dollar im Monat zahlt Jamila für ihre kleine, aus Spanplatten und Planen bestehende Unterkunft. „Wir haben hier einen Camp-Manager, der besorgt uns die Jobs, aber meist nur im Sommer“, sagt Jamila, die ihre Hoffnung nicht aufgeben mag: „Ich möchte wieder zurück in meine Heimat.“ Dorthin, wo sie ihren Mann im Krieg verloren hat.

Unicef unterstützt 2016 insgesamt 400.000 syrische Flüchtlingskinder und 195.000 verarmte libanesische Kinder bei ihrem Schulbesuch – es ist die Zukunftsklammer beider Völker: eine gemeinsame Bildung jener Generation, die einen Wiederaufbau Syriens und eine Konsolidierung des kleinen Libanon ermöglichen soll. Doch der Schulalltag in diesen Krisenzeiten ist an der Barelias School nicht nur organisatorisch eine Herausforderung. Mit ständigen Fehlzeiten der Schüler muss Direktor Ihsan Araji kämpfen.

Vielfacher Hintergrund bei den Mädchen: „Oft werden Töchter aus der Not heraus früh verheiratet“, so der 39-Jährige. Mit bis zu 2000 Dollar kann ein Brautvater rechnen. Bei den Jungen gehe es meistens „um Kinderarbeit in der Landwirtschaft“ über Monate hinweg, weil die Familien darauf angewiesen seien. „In vielen Fällen gehen wir in die Häuser und sprechen mit den Eltern“, so der 39-Jährige.

Bei derartigen Widrigkeiten des täglichen Schulbetriebs sind Kinder wie Jana (11) und Hela (11) Musterbeispiele für das Gelingen der Koexistenz und das Erreichen der Lernziele. In Klasse 5 sitzen sie gleich in der mittigen Bank der ersten Reihe zusammen: die Libanesin und die Syrerin aus Idlib, beste Freundinnen.

Zettel mit kleinen Herzen

Sie teilen alles: Haarspangen, Schulbrote, Bücher, Geschmack – ja sogar ihre Neigung zum Lieblingsfach: Mathematik. In Syrien war Hela nur bis zur dritten Klasse gegangen, musste jetzt im Libanon Englisch lernen und gleich in der fünften Klasse weitermachen – eine Herausforderung! „Aber Jana hat mir geholfen, und ich habe den Anschluss geschafft“, sagt Hela. Und ihre Freundin meint: „Sie ist wirklich ein guter Mensch. Wir sind in den Pausen immer zusammen. Manchmal schreiben wir uns sogar Zettel mit kleinen Herzen drauf.“

In zehn Jahren werden Jana und Hela längst selber Kinder haben – und vielleicht mit ihren Männern das Trümmerfeld Syrien und den zusammengebrochenen Nachbarstaat Libanon aufräumen. Die zarte Pflanze dieser grenzüberschreitenden Mädchen-Freundschaft könnte dann blühen. Die Saat ist bereits aufgegangen.

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